Jahrgang 
01-26 (1857)
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Nr. 23.] Dritte folge. 355

Novellen-Zeitung.

fiſhoſ der Größe noch nicht hat, ſo ahnet und empfindet ſie doch u ilhelm von Humdoldt. ſolche. Wilhelm v. Humboldt's Charakter war ſchon im Jüngling derſelbe, wie er ſich ſpäter und bis an das Ende

Ein deutſches Lebensbild. ſeines Lebens ausſprach. Schon 1788 lebte er in hohen Nach und klaren Ideen, ſchon damals war die einzig heitere

R. Haym. Ruhe über ſein ganzes Weſen ausgegoſſen, die im Umgang

höchſt wohlthätig ergriff und ſich jeder Unterhaltung eben ſo mittheilte. Jedes Wort war überzeugend und beleuch⸗

Wenn wir unſern Leſerinnen die Lebensſkizze eines großen Staatsmannes und Gelehrten zu bringen verſu⸗ tete hell den Gegenſtand, worüber er ſprach. chen, ſo werden dieſelben ſicherlich weniger eine Darſtel⸗ Herr v. Humboldt reiſete nach drei Tagen ab. Wir lung der philologiſchen und äſthetiſchen Forſchungen, der blieben länger. Mir blieb die Erinnerung von drei glück⸗ gründlichen Principienabhandlungen und mannigfachen ſeligen Jugendtagen, die ein gewöhnliches, alltägliches diplomatiſchen Situationen dieſes ſo vielſeitig bedeutenden langes Leben an Gehalt aufwiegen. Das Andenken derſel⸗ Mannes erwarten, als ſie vielmehr auf ein Hervorheben ben hat mich durch mein ganzes Leben begleitet. Mein derjenigen Beziehungen Anſpruch machen werden, die ihm neuer junger Freund hatte auf mich einen tiefen, nie vorher die allgemeine Theilnahme ſichern, auf eine Schilderung gekannten, nie in mir erloſchenen Eindruck gemacht, der ge⸗ der perſönlichen Erlebniſſe, die den berühmten Heros aus ſondert von andern Empfindungen, in ſich geheiligt, wie der unerreichbaren olympiſchen Höhe dem perſönlichen In⸗ ein geheimnißvoller Faden durch alle folgenden Verhäng⸗ tereſſe nahe rücken und den Herzen der Andern theuer niſſe meines Lebens ungeſehen lief und feſt in mir verbor⸗ werden laſſen. Das Leben eines Jeden, auch des ſcheinbar gen blieb, den ich immer geſegnet und als eine gütige Fü⸗ ganz von den Außendingen in Anſpruch genommenen, birgt gung der Vorſehung angeſehen habe. Es knüpften ſich an einen Roman in ſich; wie reich und edel gehalten muß dieſer dieſe Erinnerungen, ſo wenig als an die drei Tage ſelbſt, Roman im Leben des Mannes ſein, der bei allen Erfolgen weder Wünſche, noch Hoffnungen, noch Unruhe. Ich fühlte vor der Welt nie die Beziehung auf ſein Inneres vergaß, mich unendlich bereichert im Innern und meine Seele war der bei aller weit ausgedehnten Thätigkeit ſtets das eigenſte mehr noch als vorher aufs Ernſte gerichtet. Manches, was Leben des Gemüthes ſich bewahrte. Der Roman Wilhelm wir beſprochen hatten, beſchäftigte mich noch lange, unddas v. Humboldt's knüpft ſich an die gelegentliche Begegnung Gefühl fürs Wahre, Gute und Schöne wurde klarer und mit einer Landpfarrers⸗Tochter. Charlotte Diede ſelbſt ſtärker in mir. ſchildert das Entſtehen dieſer ſeltſamen, ſich ſpäterhin ſo Wir ſahen uns nicht wieder, auch hegte ich nicht die dauernd ausdehnenden Herzensbeziehung: V leiſeſte Hoffnung des Wiederſehens. Ich ſchloß die vor Wir lernten uns in früher Jugend, im Jahre 1788 übergegangene ſchöne Erſcheinung in das Allerheiligſte und in Pyrmont kennen, wohin Herr v. Humboldt, der in Göt⸗ gab es nie heraus, ſprach nie darüber und ſicherte es ſo tingen ſtudirte, von dort kam, und wohin ich, nur wenige vor Entweihung durch fremde Berührung, Jahre jünger, meinen Vater begleitete, der alljährlich ein Ein Stammbuchblättchen, ein in jener Zeit mehr als Bad beſuchte. Wir wohnten in einem Hauſe, waren Tiſch⸗ jetzt gebräuchliches Erinnerungszeichen, blieb mir ein ſehr nachbarn an der Wirthstafel und lebten in Geſellſchaft theures Andenken durch mein ganzes Leben. Bald nach meines Vaters drei glückliche Jugendtage von früh bis ſpät dieſer für mich in den ſpätern Folgen ſo wichtigen Bekannt⸗ als unzertrennliche Spaziergänger in Pyrmonts Alleen und V ſchaft, im Frühjahr 1789, wurde ich verheirathet. Ich reeizenden Thälern. Wir hatten uns ſo viel zu ſagen! ſo lebte in dieſer kinderloſen Ehe nur fünf Jahre und trat in viele Anſichten und Meinungen mitzutheilen! ſo viele Ideen keine zweite. auszutauſchen! Wir wurden nicht fertig. Wie leiſe diſe Mich trafen ungewöhnliche und ſchmerzlich⸗verwickelte oder jene Saite angeſchlagen wurde, ſie fand den tiefſten Schickſale, und durch räthſelhafte, geheime, erſt ſpät ent⸗ Anklang. Es war die letzte Epoche einer ſchönen, blüthen- hüllte Intriguen und Feindſchaften blieb mein ganzes Lehen und hoffnungsreichen, poetiſchen Zeit, worin ein Theil der ein Gewebe von Widerwärtigkeiten, die ich ſpäter geſegnet Jugend ideal und begeiſtert lebte, während der andere, wie habe, da nichts anders ſein durfte, als es war, ſollte ich der feute, im Realismus proſaiſch fortſchritt. Wir gehörten ſegensvollen Theilnahme des edelſten Freundes theilhaftig Beide zu den erſten. Und es herrſchte damals noch die werden. 1 ſhöne Ruhe vor dem nahen Sturm, der bald furchtbar Durch die welterſchütternden Exeigniſſe von 1806 lusbrach. Wenn die Jugend auch den klaren Begriff bis 1814 hatte Charlotte Diede ihr kleines Vermögen, das