346 Novelſen⸗Zeitung.[III. Jahrg. den Blick. Auch meine zweite Frage: ob ich wiederkommen und mich fortan für ſeinen Freund halten dürfe, fand eine duͤmpfen Stoß empfunden und ihn ſo dem Körper mitge⸗ bejahende Antwort. theilt. Außer mir hörte Niemand im ganzen Hauſe das
So ſchied ich, den zur Reue Geneigten Gott empfeh— heftige Schellen. Ich warf mich ſchnell in die Kleider und lend. Lisbeth und Suſanne dankten mir mehr mit Blicken öffnete. Ein Burſche, der als Ausläufer bei dem Organi⸗ als mit Worten, und in eigenthümlicher Erregtheit, voll ſten wohnte, welcher gleichzeitig die Functionen eines Ge⸗
ſchlummernde Seele hatte den erſten Glockenton als
Bekümmerniß und doch auch beglückt über die Wendung in der Seelen- und Herzensſtimmung des ſo lange Jahre ſtörrigen Mannes, dem alle Religion nichtiger Tand zu ſein ſchien, trat ich allein durch die ſtürmiſche Schneenacht den Heimweg an.
III.
Unmittelbar nach meiner Rückkunft ſchrieb ich vorerſt an meinen eigenen Arzt. Der Brief ſollte am nächſten Morgen frühzeitig durch einen expreſſen Boten befördert werden. Benjamin kam mir nicht aus dem Sinn. Ich blieb ſchweigſam im Kreiſe der Meinigen, denen ich nur kurze Andeutungen über das Erlebte gab. Immer ſah ich den alternden Mann mit den fahlen Geſichtszügen, dem ſtarren, offenen Auge vor mir liegen, und das ſchnarrende Röcheln wollte in meinem Ohr nicht verklingen. Selbſt in meine Träume begleitete mich das Bild des Kranken. Ich durchlebte eine peinvolle Nacht, obwohl der Schlaf mich feſt umſchlungen hielt. Erſt gegen Morgen floh der Schwarm ängſtigender Träume von meinem Lager. Benjamins Bild zerrann vor meinem geiſtigen Auge und die Natur trat wieder in ihr volles Recht.
Plötzlich erwachte ich, als hätte mich Jemand gerüttelt. Es war noch finſter, der Sturm peitſchte den Schnee an die Fenſter und tiefe Stille umgab mich. Da riß eine ſtarke Hand an der Hausglocke. Sie ſchlug hart an und klang noch einige Male leiſer nach. Wahrſcheinlich läutete der frühe Ankömmling ſchon zum zweiten Male, und meine
richtsſchreibers beſorgte und deshalb immer Boten zu ent⸗ ſenden hatte, begrüßte mich.
„Was gibt es ſo früh am Tage?“ Burſchen.
fragte ich den
„Es iſt ſo eben ein„Berichten“*) beim Herrn Organi⸗ ſten gemeldet worden,“ verſetzte dieſer,„und weil es große Eile hat und der Bote ganz erſchöpft war vom raſchen Laufen in dem wilden Wetter, trug mir der Herr Orga⸗ niſt auf, ungeſäumt den Herrn Paſtor zu wecken. In we⸗ nigen Minuten wird der Herr Organiſt ſich bei Ihnen ein⸗ finden und den Boten dann mitbringen. Auch ich ſoll mit⸗ gehen, damit wir drei Laternen tragen können, denn alle Wege ſind verweht, ſagte der Bote, und namentlich ſoll auf der hohen Lehde kaum durchzukommen ſein.“
„Auf der hohen Lehde!“ wiederholte ich halblaut. „Wer begehrt denn berichtet zu werden?“
„Der Maurermeiſter Benjamin,“ verſetzte der Burſche. „Der Tod ſitzt ihm auf der Zunge,“ fügte er etwas leicht⸗ fertig hinzu,„und da hat er ſich wohl geſchwind bekehrt. Er liegt ſchlimm, meinte der Bote, und er hat getrieben durch Zeichen und Stöhnen, daß es ängſtlich anzuſehen ge⸗ weſen ſein ſoll.“
Dieſe gänzlich unerwartete Nachricht erſchütterte mich dergeſtalt, daß ich nicht einmal Zeit gewann, dem Burſchen ſeinen ungebührlichen Ton zu verweiſen. Benjamin, der Zweifler, Spötter, ja Religionsverächter, der zehn Jahre
*) So heißen im Volke die Beſuche des Geiſtlichen, welche die Darreichung des heiligen Abendmahls zum Zwecke haben.
von ihren Poſtamenten in Erz und Marmor hernieder auf den fremden Eroberer, wie ſie es heute thaten auf den kaiſerlichen Neffen Napoleon’s 1., auf den Gaſt Friedrich Wilhelms IV.
Sehr gemiſcht ſind die Urtheile und Empfindungen über dieſen Beſuch, der ſelbſtverſtändlich ſo tauſendfältige Erinnerungen wieder wach rufen muß: während der Politiker günſtige Con⸗ jecturen für Preußens ⸗Zukunft daran knüpft und von Allianzen träumt, runzelt der ariſtokratiſche Verfechter des Legitimitäts⸗ Princips finſter die Stirn ob der fürſtlichen Ehren, die man Napoleon Bonaparte erweiſt; in den Herzen der ehemaligen Frei⸗ willigen, wie des ehemaligen Soldaten im Invalidenrocke erwacht das glorreiche Andenken an jene Zeit gemeinſamer Gefahr, er⸗ hebender Hingebung und treuer Verbrüderung; und das Gefühl erlittener Schmach und Kränkung, welches ihr Vaterland damals gebeugt, verliert ſeinen Stachel, wenn ſie hinſchauen auf die Helden Preußens, die ſie gerächt haben.—
An deren Standbildern vorüber, vom königl. Schloſſe
kommend, bewegte ſich dem ſchönen Proſpect nach den Linden zu veweg 3
in der hell ſtrahlenden Sonne des 9. Mai Friedrich Wilhelm IV. an der Spitze eines glänzenden Gefolges von Prinzen, Generalen und Stabsofficieren; er trug über der preuß. Generaluniform das große Band der Ehrenlegion, und ihm zur Linken, die er frei⸗ willig wählte, der Held des Tages, der Träger jenes dreieckigen Hutes, unter welchem das braunfarbige, ſcharf ausgeprägte Ant⸗ litz und der Adlerblick Napoleon's I. hervorzuſchauen ſchienen. Nur ein Gefühl des Staunens durchdrang die Bruſt jedes Einzelnen und nur eine Stimme darüber durchlief die Reihen der maſſenhaft herbeigeſtrömten Schauluſtigen, die an allen Fenſtern, auf Tribünen, Dächern, ja Bäumen ein Plätzchen geſucht, oder
längs den Linden bis hinaus auf die Charlottenburger Chauſſee ſich aufgeſtellt hatten. An dem Standbilde Friedrich des Großen, wo die zur Parade befohlene Truppen⸗-Aufſtellung begann, langte die glänzende Cavalcade eben an, und mit Stolz ſahen die Verliner ihren herr⸗ lichen Prinzen v. Preußen zu Pferde mit echt ritterlicher Haltung und Gewandtheit den Prinzen Napoleon begrüßen. Wie frei, ſtolz und mild dieſes Antlitz unter dem blanken Helme gegen die ſcharfe, ſüdlich dunkle Phyſionomie des Fremden unter dem goldbetreßten Hut, die unwillkührlich an eine Gewitterwolke mahnt, die Sturm und Blitze in ſich verbirgt.— Und neben der Ueberfülle der ge⸗ drungenen Geſtalt des kaiſerl. Prinzen, welch edle kräftige Er⸗ ſcheinung in ihrem militäriſchen Schmucke, dieſer geborene Re⸗ präſentant deutſchen Ritterthums in ſeiner edelſten Bedeutung!—
Gewiß, die Berliner hatten Recht, wenn ſie ſtolz auf ihn waren; und wenn ſie klug ſind, ſo freuen ſie ſich über die Wiederkehr eines Bonaparte in Preußens Hauptſtadt, denn der Vergleich mit 1806 kann nur zu ihrem Vortheile ausfallen.
Die Linden alſo entlang, längs den aufgeſtellten Truppen hinab, ritt der König in gewohnter leutſeliger Huld heiter lächelnd, mit ſeinem hohen Bruder, der Gaſt zwiſchen Beiden, und die Vie⸗ toria oben auf dem Brandenburger Thor ſah noch einmal ſo ſieg⸗ reich zu der Gruppe hernieder und darüber hinweg nach Blücher's kräftigem Säbel, dem ſie ja ihre Heimkehr aus Paris verdankte.
Da die Berliner Garniſon nur aus 10,000 Mann beſteht und durch eine maſſenhafte Aufſtellung nicht imponiren konnte, ſo hatte man ihr dafür weislich die größtmöglichſte Längenausdehnung gegeben. Ob die Kriegsliſt gelungen, den franzöſiſchen Prinzen zu blenden, moͤchte freilich zweifelhaft ſein, indeß wird er keines
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