Jahrgang 
01-26 (1857)
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aus, die mir beim erſten Eintritt unangenehm auffiel. An der einen Wand hing eine ſchwarzwälder Uhr, deren Per⸗ pendikel tickend die ſchwindende Zeit abzählte.

Unter derſelben war ein Lager aufgeſchlagen, jetzt die Ruheſtätte, vielleicht aber auch die Folterbank des hoff⸗ nungslos Erkrankten. Neben dieſem Lager lag auf niedri⸗ gem Schemel Suſannens Mutter. Vor ihr auf einem zwei⸗ ten Seſſel ſtand ein ſogenannter Klötzelleuchter, in deſſen blecherner Dille ein Talglicht trüb brannte. Die beküm⸗ merte Frau hielt das aufgeſchlagene Geſangbuch auf ihren Knien und las zur Beruhigung ihres Gemüthes eins jener alten Troſtlieder, die man jetzt ihrer etwas barocken Faſ⸗ ſung wegen häufig tadeln hört, obwohl ich ſie durchaus nicht verwerflich finde.

Im Zimmer hüpfte ein zahmes Rothkehlchen umher, das ſich bei meinem Eintritt ſchüchtern unter den Ofen ver⸗ kroch, hier aber bald in melodiſch leiſen Tönen zu ſingen begann.

Die Frau ſtand auf, um mich zu begrüßen, wendete aber den Kopf rückwärts, um den Kranken zu beobachten, der, in eine Unmaſſe von Betten begraben, mir nicht ſicht⸗ bar ward. Es blieb ſtill, und Lisbeth drückte mir ſchwei⸗ gend die Hand, zum Zeichen, daß mein Kommen ihr er⸗ wünſcht ſei. Suſanne lief nach der Vorrathskammer, um das unvermeidliche Kaffeegeſchirr zu holen; denn ohne et⸗ was genoſſen zu haben, durfte ich nicht ſcheiden, wenn ich nicht die ganze Familie ſchwer beleidigen wollte.

Geräuſchlos ſetzte ich mich an das Lager des Kranken, deſſen ſchweres, raſſelndes Athemholen mir auffiel. Ich fragte Lisbeth, ob er ſchlafe. Sie verneinte, beugte ſich über das Bett und ſagte:

Vater! Es iſt Beſuch gekommen.

Mir klopfte das Herz, als ich den Kranken ſich bewe⸗ gen hörte. Er verſuchte zu antworten, doch verſtand ich den Sinn ſeiner Worte nicht. Die Erwiderung ſeiner

Novellen⸗Zeitung.

IIII. Jahrg.

Frau machte ihn auffahren. Der graue Kopf Benjamins hob ſich aus den roth gewürfelten Kiſſen, und ſeine grauen, noch immer glänzenden Augen ſtier auf mich rich⸗ tend ſtrengte er ſich zu einem abermaligen Stammeln an, während ein höhniſches Lächeln die fahlen, eingefallenen Wangen kräuſelte.

Da ich ihn nicht verſtand, reichte ich ihm die Hand und redete ihn freundlich an.

Mit Bedauern habe ich erfahren, daß Ihr krank ſeid, Benjamin, ſprach ich, als hätten nie Differenzen zwiſchen uns ſtattgefunden.Es wäre doch beſſer, Ihr ließet einen Arzt holen. Solltet Ihr ſelbſt auch nichts von Aerzten halten, ſo würdet Ihr doch Eure Angehörigen dadurch be⸗ ruhigen.

Er lächelte wieder, hob ſeine Rechte auf, die abgema⸗ gert und feucht war, und deutete mit dem Zeigefinger nach Suſanne, welche vor dem Ofen kauerte und Kaffee kochte.

Die dort hat Sie geholt, nicht wahr? ſtammelte er mit unſäglicher Mühe.Sie will, daß ich beten, zu Kreuze kriechen ſoll thu's aber nicht.

Von der heftigen Anſtrengung ermattet, röthete ſich das Geſicht des Leidenden, und krafttos ſank er unter keu⸗ chendem Röcheln zurück. Mich erbarmte der Mann. Ein Schlagfluß hatte offenbar ſeine Zunge gelähmt, während ein heftiges Fieber in ſeinem Körper wüthete.

Da ich es nicht für gut hielt, den Unglücklichen zu vie⸗ lem Sprechen aufzufordern, forſchte ich nicht weiter nach der möglichen Veranlaſſung ſeiner jetzigen traurigen Lage. Ich zog es vor, ihn zu ermuthigen, bat ihn, er möge mir erlauben, daß ich einen Arzt zu ihm ſende, und wenn er etwa Groll gegen mich hege, ſo möge er dieſen nunmehr einer freundlicheren Geſinnung weichen laſſen. Gern würde ich ihn wieder beſuchen, wenn ich vorausſetzen dürfe, daß mein Kommen ihm nicht unangenehm ſei. Ueber Dinge, die er ungern berühre, brauchten wir ja nicht zu ſprechen,

denn auch ich ſei tolerant und hielte Niemand für verloren,

Weshalb erwähnſt Du immer meine Titel? Kann denn ein Prinz ſelbſt in der Wüſte nicht die Liebe für ſich allein finden?

Nun wohl, ſo will ich Ihnen denn geſtehen, daß ich Sie ſchon vor zwölf Jahren in dem ganzen Glanze Ihres Ranges ſah und Sie ſeitdem auch ſchon liebe.

Sie theilte ihm hierauf von ihrer früheren Lebensgeſchichte ſo viel mit, daß ſie in Paris geboren und die Königin Marie Antoinette ihre Pathe geweſen ſei.

Immer mehr überraſcht durch das, was er hörte und deſſen Wahrheit er nicht bezweifeln konnte, ſagte der Prinz:

Aber wer ſind Sie denn eigentlich, und welches wunder⸗ bare Geſchick führte Sie in dieſe Eisregion?

Und mit liebenswürdigem Vertrauen entgegnete das junge Mädchen:Meine Mutter war Ehrendame der Königin Marie Antoinette. Sie war ſchön. Ein Prinz von Geblüt liebte ſie leidenſchaftlich; ſie erwiderte dieſe Liebe leider! Eines Ta⸗ ges kam er zu ihr und ſagte: Adelaide, unſere Liebe iſt entdeckt worden. Deine Ehre und unſer Intereſſe fordert, daß Du Dich verheiratheſt. Ich habe mit der Bewilligung der Königin Alles vorbereitet. Heute Abend wirſt Du dem Bieome von Arras vermählt werden.

Armes Kind, ſagte Ludwig Philipp ſeufzend,Deine Mutter muß ſehr unglücklich geweſen ſein!

Ach ja wohl, gnädiger Herr, ſo ſehr, als es eine Frau ſein kann, die an einen herzloſen Mann gefeſſelt iſt. Meine Geburt tröſtete ſie etwas, doch bald verfinſterte ſich ihr Geſchick aufs Neue. Der Prinz forderte ihre Liebe, wie vor ihrer Vermählung, ſie aber erwiderte:Nie, ſo lange ich Pflichten gegen einen An⸗ dern zu erfüllen habe! Außer ſich über ihre Weigerung ſchrieb

der Prinz ihr nichts als die Worte: Liebe oder Rache. Meine Mutter entfloh und fand eine ſichere Zufluchtsſtätte bei den Urſu⸗ linerinnen von Montmartre, deren Aebtiſſin ihre Verwandte war. Dort wuchs ich in Stille und Einſamkeit heran. Eines Tages V beredete ich eine Schweſter, welche Krankenbeſuche machte, mich mit ſich zu nehmen. Welch Entzücken ergriff mich bei dem noch nie geſehenen Treiben der Welt! Plötzlich wich die Menge zurück, um vier Reitern Platz zu machen. Noch nie hatte ich etwas ſo Schönes geſehen, als die Pferde, die ſie ritten, und das pracht⸗ volle Sattelzeug. Sie, mein Prinz, damals zehn Jahre alt, waren einer der Reiter. Ein Windſtoß warf Ihnen den Hut vom Kopfe; ich hob ihn auf und überreichte ihn Ihnen mit zitternden Händen. Mit welch anmuthigem Lächeln dankten Sie mir! Einer der andern Reiter fragte hierauf die Nonne, wer ich ſei und wo ich wohne. Ach, am nächſten Tage empfing meine Mutter von wohlbekannter Hand ein Billet mit den Worten: Liebe oder Rache! Meine Mutter erblaßte, und ohne einen Augenblick zu verlieren, entfloh ſie mit mir nach Havre, von wo ſie an die Aebtiſſin der Urſulinerinnen ſchrieb. Doch noch ehe ſie eine Ant⸗ wort erhielt, empfing ſie abermals ein Billet mit den verhängniß⸗ vollen Drohworten! 1 1

Antoinette, ſagte meine Mutter zu mir,wir müſſen Frankreich verlaſſen, denn hier fänden wir nie mehr Ruhe!

Wir flüchteten uns auf ein ſegelfertiges Schiff, ohne zu fragen, wohin es beſtimmt war, und nach einer Fahrt von einigen Wochen landeten wir bei Uleaborg in Finnland.

Und die Billets? Wo ſind fie?. t.

Ohne die Frage zu beantworten, fuhr das Mädchen fort Die Rache verfolgte uns nicht bis in dieſe Schneegefilde, un

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