Jahrgang 
01-26 (1857)
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Malchen eilte hinaus und kehrte bald in Begleitung eines noch jungen Mannes zurück, welcher einen ſchweren Geldſack niederſetzte, ſich freute, die Angehörigen eines ehe⸗ maligen Amtsgenoſſen kennen zu lernen, und ſeine weiteren Dienſte anbot. Herr Eiſenbahnbuchhalter Vollrath war ein biederer, offener und theilnehmender Mann, der ſich auf⸗ richtig über den raſchen Glückswechſel der bedrängten Fa⸗ milie freute und ihr mit ſeinem beſten Rathe beiſtand.

Die Witwe glaubte zu träumen, als Malchen vor ihren Augen den ganzen Reichthum an Gold, Silber und Papiergeld ausbreitete. Erſt dann, als durch des Geldes und Vollrath's Vermittelung Theodor ſeine Befreiung er⸗ langt hatte und der darüber entzückten Mutter weinend um den Hals fiel, freute ſie ſich völlig ihres unerwarteten Glücks.

Theodor war im Gefängniſſe bald vergangen vor Sorge um ſeine Mutter und Schweſter, um ſeinen guten Ruf und ſein künftiges Fortkommen. Nicht weniger ſehnte ſich Ku⸗ draß nach Freiheit, ſeinem Cello, ja ſelbſt nach ſeiner Fan⸗ thippe. Dem Geiger Lohſe mangelte der vielgeliebte, ihm über Alles gehende Nordhäuſer und der queckſilberige Trompeter Kroll kannte keine Ruhe mehr, ſeitdem ihn dicke Gefängnißmauern und eiſenvergitterte Fenſter einſchränkten. Nur ſein Sohn, der Horniſt, war mit ſeinem jetzigen Looſe zufrieden, das ihn der trägſten Ruhe pflegen ließ.

Die Witwe vergaß in ihrem Glücke nicht der unglück⸗

lichen Kapellglieder. Ihr Reichthum ward für ſie gleich⸗ falls zur Springwurzel, welche die Schlöſſer und Riegel der Gefängnißthüren öffnete und ihnen die Freiheit, die er⸗ ſehnte, zurückgab. Außerdem ſchenkte ſie der Kapelle ein halbes Dutzend neuer und ſchmucker Bergmannsanzüge, welche Kudraßens Wünſche vollends krönten und ihm die Möglichkeit verliehen, Wieſel's Abgang durch zwei neuge⸗ wonnene, tüchtige Muſiker zu erſetzen und in honnetten Ge⸗ ſellſchaften zu ſpielen. Der Gebrauch des Teplitzer Bades

befreite die Witwe faſt gänzlich von ihren Gichtleiden und

[III. Jahrg.

eine zweckmäßige Lebensweiſe den jungen Clarinettiſten von ſeinem Bluthuſten, Bruſtſchmerz, ſeiner Geſichtsbläſſe und ſeinen ſchlaff herabhängenden Wangen. Gegenwärtig iſt Theodor munter wie ein wirkliches Wieſel und in der Ge⸗ päckexpedition des Eiſenbahnhofs angeſtellt, wo er weder anhaltend ſitzen, noch ſeine Körperkräfte übermäßig an⸗ ſtrengen darf. Zu dieſer gar nicht übeln Stelle hat ihm die Fürſprache des wackern Vollrath verholfen, welcher bei fortgeſetzter Bekanntſchaft Malchens Herz und Hand gewann.

Ungeſpielt, doch unvergeſſen, hängt Theodors Clari⸗ nette an einem Roſaband in deſſen Stübchen. Zur näch⸗ ſtens ſtattfindenden Hochzeit Malchens, wobei Kudraß mit ſeiner Kapelle aufſpielen ſoll, will Theodor noch einmal Wieſel ſein und luſtig ſeine Clarinette erklingen laſſen. Doch nicht die Marſeillaiſe, die noch immer ſtreng verpönte, wohl aber die Sedlenick-Polka: dai di, dai di, dai da, dai do, dai do, dai dum, dum, dum!

Venetianiſche Cräumereien.

April 1857.

Kannſt Du nicht ruhen im Arm der Geliebten, Beut Dir das Leben nur Kummer und Qual,

Laß die Gedanken, die Dich betrübten,

Fahr in der Gondel durch den Canal. Dieſe vier Zeilen, deren Inhalt keineswegs etwas noch nie Geſagtes ausdrückten, konnte ich gleichwohl während meines Aufenthaltes in Venedig nicht aus den Gedanken bringen, und es freute mich, daß außer mir noch ein an⸗ deres Menſchenherz eine gleichſam menſchliche Liebe für la bella Venezia empfindet. Mir iſt dieſe Stadt werth⸗wie

geſellige Leben zerrüttet, ſo iſt es dieſer der frühen Verheirathung im Zuſammenhang mit dem Verbot der Wiederverheirathung füͤr die Witwen.

Genrebilder. Die fremden Menſchen.

Wir zeigten unſern Leſern kürzlich ein neues Buch an, das den Titel führt:Deutſche Liebe. Aus den Papieren eines Fremdlings(Leipzig, F. A. Brockhaus, 1857), und erwähn⸗ ten darin, abgeſehen von dem novelliſtiſchen Inhalte, die pſycho⸗ logiſche Entwickelung, die das Erwachen des Kindergemüthes aus dem allgemeinen Lebensgefühle zum Bewußtſein ſeiner Beſon⸗ derung und Abgeſchloſſenheit, ſowie die ſchließliche Löſung dieſes ſchmerzlichen Conflictes in der idealen leidenſchaftlichen Liebe zwi⸗ ſchen dem Jünglinge und der Jungfrau uns in zartem Verſtänd⸗ niß darlegt. Ein namentlich zart empfundener Zug erſcheint uns jene Epiſode, in der dem Knaben zum erſten Male klar wird, wie esfremde Menſchen in der Welt gibt, wie er rings von ſolchen umgeben iſt. Wir laſſen den Verfaſſer ſelbſt erzählen:

Eines Tages nahm mich mein Vater bei der Hand und ſagte:Wir wollen auf das Schloß gehen. Du mußt aber hübſch artig ſein, wenn die Fürſtin mit Dir ſpricht, und mußt ihr die Hand küſſen.

Ich war etwa ſechs Jahre alt und freute mich, wie man ſich nur freuen kann, wenn man ſechs Jahre alt iſt. Ich hatte mir ſchon ſo viele ſtille Gedanken gemacht über die Schatten, die ich Abends an den erleuchteten Fenſtern geſehen, und hatte zu Hauſe

ſo viel Gutes von dem Fürſten und von der Fürſtin gehört, wie ſie ſo gnädig wären und den Armen und Kranken Hülfe und Troſt brächten, und wie ſie von Gottes Gnaden nur dazu auserſehen ſeien, um die Guten zu ſchützen und die Böſen zu ſtrafen. Da hatte ich mir denn längſt Alles ausgemalt, wie es in dem Schloſſe hergehen müſſe, und der Fürſt und die Fürſtin waren mir ſchon

alte Bekannte, die ich ſo kannte wie meinen Nußknacker und meine

bleiernen Soldaten. Das Herz pochte mir, r Vater hinaufſtieg, und während er mir noch ſagte, h d FürſtinHoheit und den FürſtenDurchlaucht nennen müſſe, da gingen ſchon die Thürflügel auf, und vor mir ſah ich eine hohe Geſtalt mit durchleuchtenden Augen. Sie ſchien auf mich loszu⸗ kommen und mir die Hand zu reichen. Ein Ausdruck war in ihrem Geſicht den hatte ich ſchon lange gekannt und ein heimliches Lächeln flog über ihre Wangen. Da hielt es mich nicht mehr, und während mein Vater noch an der Thüͤr ſtand und, ie wußte nicht warum, ſich tief verbeugte, ſprang mir das Herz in die Kehle und ich lief auf die ſchöne Frau zu und fiel ihr um den Hals und küßte ſie wie meine Mutter. Die ſchöͤne hohe Frau ließ es ſich auch gern gefallen und ſtreichelte mir das Haar und lächelte. Mein Vater aber nahm mich bei der Hand und zog mich fort und ſagte, ich ſei ſehr unartig und er werde mich nie wieder hierher bringen. Da wurde es mir ganz wirr im Kopfe und das Blut flog mir in die Wangen, denn ich fühlte, daß Vater mir Unrecht that. Und ich ſah die Fürſtin an, daß ſie mich der⸗ theidigen ſollte; aber auf ihrem Geſichte lag ein Ausdruck milden Ernſtes. Und dann blickte ich auf die Herren und Damen, die im Zimmer waren, und glaubte, daß ſie mir beiſtehen würden.

als ich die hohe Treppe mit meinem daß ich die

daß mein Vater