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Kudraß winkte mit dem hoch erhobenen Cellobogen und Auguſt rührte die Trommelklöppel kunſtgerechter, als er jemals auf ſeinem Horne geblaſen hatte. Und in den ſchmetternden Trommelwirbel fiel jetzt die Marſeillaiſe mit ihren unübertrefflichen, ſinnberauſchenden, unaufhaltſam mit ſich fortreißenden Klängen ein. Sie wühlte des Her— zens innerſte Tiefen auf, entzündete in ihm die Feuerglu⸗ then der höchſten Begeiſterung, erfüllte es jetzt mit kühner, wilder Kampfeswuth, dann mit ſüßem Weh, jetzt mit Trauer und dann wieder mit Siegesrauſch. Selbſt der feige Clarinettiſt erlag dem Zauberbann, der ſeine Ka⸗ meraden umfing. Seine eigene Lage und Plage, die Gegenwart wie die Zukunft, die Mutter wie die Schweſter vergeſſend, entlockte er ſeiner Clarinette mit nie empfunde⸗ nem Feuer die zauberiſchen Klänge.
So kunſtgerecht, ſo zuſammenwirkend in einem gelunge⸗ nen Guſſe hatte unſere fliegende Kapelle noch nie geſpielt. War erſt eine unedle Rachgier die Triebfeder dieſes Zuſam⸗ menſpiels geweſen, ſo wurde ſie gar bald durch eine beſſere Empfindung verdrängt. Stolzer, ſiegesfreudiger konnte Napoleon nimmer an der Spitze ſeines Heeres in eine eroberte Hauptſtadt eingezogen ſein, als Kudraß jetzt in⸗ mitten ſeiner vorwärts marſchirenden Kapelle. Die Kneipe ſpie ihre ſämmtlichen Gäſte aus. In den dunkel und ſtill. gelegenen Nachbarhäuſern regte und bewegte ſich's. Fenſter und Thüren thaten ſich auf, um jubelnde Stimmen und Menſchen herausbrechen zu laſſen. Aus allen Gaſſen, En⸗ den, Winkeln und Himmelsgegenden ſtrömte der Menſchen⸗ haufen herzu. Zur Alles mit ſich fortwälzenden Lawine ſchwoll der erſt kleine Menſchenball an, in deſſen Mitte ein⸗ gewickelt die fliegende Kapelle mit raſchem Sturmſchritt ſich fortbewegte.
„Allons enfans de la patrie!“ brüllte es aus tauſend Kehlen. Zuletzt drohten Singen, Schreien und Jubeln die Klänge der Muſik zu verſchlingen. Nur die Trommel und Trompete der beiden Krolls behaupteten noch ihr lärmen⸗
Rovellen-Zeitung.—
(III. Jahrg.
des Recht. Doch nicht weit hatte die Menſchenlawine ſich fortgewälzt, als ſie auch ſchon auf ein Hinderniß ſtieß, welches ihrem weiteren Vordringen ein raſches Ziel ſteckte. Ein ſolches Hinderniß iſt bei Schneelawinen entweder eine Felſenwand oder ein dichter, hochſtämmiger Wald. So zer⸗ ſtob auch unſer Menſchenball an einem Walde von— Ba⸗ jonettſpitzen, der ihm bei einer Straßenbiegung entgegen ſtarrte. Die blanken, drohenden Eiſenſpitzen brachen den Zauberbann der Marſeillaiſe und verwandelten den Tau⸗ mel in Nüchternheit. Gleichwie eine Zwiebel unter der Meſſerklinge ſich häutet, löſete ſich der Menſchenhaufe noch vor dem Zuſammentreffen mit den Bajonetten auf, nur den Kern— die fliegende Kapelle— hülflos zurück⸗ laſſend. Dieſe erhielt ſchon in der nächſten Viertelſtunde ihr geweiſſagtes Freiquartier im— Stockhauſe.
Kudraß hatte richtig prophezeit. Die Heldenthat der fliegenden Kapelle ward zum allgemeinen Stadtgeſpräch und ſelbſt die Zeitungsſchreiber erwähnten derſelben in ihren Blättern. Malchen aber war recht übel daran. Wie ſollte ſie ihrer Mutter die ſchlimme Kunde von Theodors Gefangenſchaft und deren Urſachen, die ſie ihr nicht lange verheimlichen konnte, ohne Gefahr mittheilen? Sie that es mit zögernden, ſchonenden und entſchuldigenden Worten. Die kranke Witwe erſchrak zwar nicht wenig, allein bald vergaß ſie Alles um der Sorge willen für den Sohn, deſſen aufopfernde Selbſtverleugnung ſie in ihrem vollen Um⸗ fange zu würdigen wußte.
„Blut ſpuckt der arme Junge?“ klagte die Witwe. „Drei lange, volle Wochen ſoll er im Gefängniſſe und un⸗ ter Dieben und andern ſchlechten Menſchen ſchmachten müſſen? Keine Pflege und Abwartung haben? Das hält mein ſchwächlicher Sohn nicht aus. Malchen, Theodors Noth zwingt mich zu einem Schritte, den mich die eigene nicht thun ließ. Als Dein Vater noch lebte und wir uns in leidlichen Umſtänden befanden, erkäufte er einen Funfzig⸗
dienſt keine geeigneteren Leute. Miſſion bis jetzt ſehr, ſehr wenig an ihnen Ausſicht, ihr Pfund für die Heranbildung eines chriſtlichen Lehr⸗ ſtandes dienſtbar zu machen, ſcheint noch in ſehr weiter Ferne zu liegen. Vielleicht daß ihnen die Sudra's in dieſer Beziehung zuvorkommen.
Eiinn Stündchen etwa, bevor ſich der Sonnengott erhebt, ver⸗ läßt der Erdengott, der Brahmine, ſein Lager— und putzt ſich die Zähne. Gegen Sonnenaufgang eilt er zum Waſſer, um dem armen Sonnengotte beizuſpringen, dem die böſen Dämonen (offenbar Perſonificationen ſei Laufbahn in den Zügel fallen. badende Brahmine, ſein Angeſicht der Sonne zukehrend,
Das Waſſer nämlich, das der
Welt das liebe Sonnenlicht nicht goͤnnen, die Flucht ergreifen. Derſelbe Kampf entſpinnt ſich wieder um Mittag, wo der Sonnen⸗ ſo wie am Abend, wo die ſieben Da helfen dann die Erdengötter den himmliſchen Kampf zum Beſten der Erde wiederum ausfech⸗
wagen den Scheitelpunkt erreicht, Sonnenpferde zu Rüſte gehen.
ren.
wiſſendſten und laſterhafteſten Brahminen ein unaustilgbarer
Heiligenſchein umgibt. Drei Stücke gehören zu einem vollſtändigen Brahminen:
Schnur davor auf
Leider hat die proteſtantiſche ausgerichtet, und die
der Wolken) gleich im Anfang ſeiner
in die Hand faßt und über ſich ſpritzt, ſammelt ſich gleichſam zu einem
Kein Wunder daher, daß das Haupt auch des ärmſten, un⸗
die Leſung der Veda's, die Haarlocke und die aus einundzwanzig Fäden bereitete heilige Schnur, das Abzeichen der„Zweigebor⸗ nen.“ Mit der letztern vermählt man ſich im 5. oder 7. Lebens⸗ jahre. Dann wird das heilige Feuer geſchürt und die heilige gehängt; die dazu geladenen Brahminen mür⸗
meln ihre Formeln her und berühren ſegnend die heilige Schnur. Das Letztere thun auch die verheiratheten Frauen aus der Ver⸗ wandtſchaft. Endlich wird ſie dem jungen Brahminen angelegt und mit ihr zugleich das h. Saffrangewand. Derſelbe darf nun an das Leſen der vier Geheimniſſe d. i. der Veda's gehen. Alles ſcheint darauf berechnet, den jungen Brahminen in den Cheſtand hinein zu treiben und ſo ſein heiliges Geſchlecht, ohne das ja die Erde nicht einen Tag ordentlich beſtehen kann, gnädig⸗ lich fortzupflanzen. So lange er unverheirathet iſt, darf er näm⸗ lich ſein Eſſen nicht im eignen Hauſe nehmen, ſondern muß es ſich ſtets aus dem Hauſe ſeiner Verwandten holen. Er faßt es in ſein Gewand und breitet es auf ein Bananenblatt. Hat des Vaters Bruder eine Tochter, ſo bleibt keine weitere Wahl'; ſie und keine Andere iſt die Erwählte. Wo nicht, ſo hilft
mächtigen Streitheere, vor welchem die böſen Dämonen, die der die übrige Verwandtſchaft aus; man wählt aber gern womögli
ſo, daß das Familien⸗Vermögen beiſammen bleibt. 1 Liegt der Vater im Sterben, ſo holt man ſchnell einen Brah⸗ minen, der gegen das übliche Geſchenk an Geld oder an Geldes⸗ werth das heilige Feuer unter Gebet anzündet. Die Verwandten ſchaffen die Leiche hinweg; der Sohn aber ſchreitet, einen Topf mit Feuer tragend, dem Leichenzuge voran. Dort hat der dazu beſtellte Pariah allbereits einen Scheiterhaufen aus 2000 Stücken getrockneten Kuhdüngers aufgeſchichtet. Man umſchreitet denſel⸗ den dreimal und legt die Leiche darauf. Nun wird der Sohn von Kopf bis zu Fuß geſchoren, und nachdem er gebadet, zündet er dem Rudra, als dem Gotte des Leichen⸗Ackers, ein Opferfeuer an und ſpritzt unter Gebeten Oel und Waſſer darein. Darauf nimmt er ein Gefäß mit Waſſer auf ſeine Schulter und umkreiſt die Leiche von der Rechten zur Linken und umgekehrt, indem er
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