Jahrgang 
01-26 (1857)
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Novellen

ſchadenfroh der jüngere zu. Plöͤtzlich vernahm er aus weiter Ferne und wie vom Himmel herab ſeinen Namen. Die muſicirenden Gefährten ſammt der Orgelpfeife in ſeinen Händen zerrannen in der Luft und Theodors offene Augen ſtarrten in die Dunkelheit hinein. Allein der Ruf:Theo⸗ dor, biſt du da? währte fort. Nachdem der Gerufene die Frage bejahet hatte, ſenkte ſich raſch der Hausſchlüſſel, den die Schweſter der kranken Mutter wegen dem Bruder nicht hätte überlaſſen können, an einem langen Bindfaden her⸗ nieder. Es dünkte dem armen Muſikus, als ſchließe er jetzt nicht ſeine Hausthüre, ſondern die Himmelspforte ſelbſt auf, die ihn der ſo brünſtig erſehnten Ruhe entgegen führen ſollte. Sich ſelbſt anklagend, kam ihm, dem Keuchenden, die Schweſter entgegen, ſprechend:Armer Theodor! haſt Du ſchon lange unten gewartet? Vergib mir ja! Seit vielen Nächten ſchläft unſere Mutter einmal feſt und lange und darum bin ich gleichfalls am Stickrahmen eimgenickt. Wohl vernahm ich im Traume pfeifen, in di

ſchen und endlich den Clarinettenruf, all niger Zeit, um völlig munter zu werdeftt

Dich ſchnell nieder und ſchlafe recht tüchtig aus.

Das magſt Du thun verſetzte Theodor.Ich

bin ſchon ſeelenfroh, daß ich hier in der warmen Stube und

bei euch bin. Ich werde mich dort in den Lehnſtuhl ſetzen

und darin eben ſo ſüß ruhen als im weichſten Bett. Schon

die Freude, daß unſere Mutter einmal durch einen ſanften

Zeitung.

dem Sprichwort: Wenn man den Fuchs nennt, kommt er gerennt, ſtellte ſich auch hier der angeblich verbannte Huſten bei Theodor ein, welcher ſchnell einen Winkel der Stube aufſuchte, dort in das vorgehaltene Taſchentuch huſtete und dabei wohlweislich ſeiner Schweſter den Rücken zukehrte.

Doch dieſe beſaß Falkenaugen, die überdies durch eine zärtliche Beſorgniß geſchärft wurden.

Jeſus! Jeſus! jammerte Malchen außer ſich Du huſteſt ja Blut! Dein Taſchentuch iſt ganz damit befleckt. Warum haſt Du mir das verheimlicht? Ach, darum ſiehſt Du ſo bleich und elend aus! Laß Dein Blaſen ſein, Theodor! Es wird ſich gewiß noch ein anderes Brod für Dich finden laſſen.

Welches? fragte Theodor keuchend und bitter. Wenn ich nicht ſo einfältig wäre! Wie Vielen habe ich ſchon meine Dienſte angeboten und vergeblich!

O mein Gott! weinte Malchen.Schon ſehe ich Dich im Geiſt kränker noch vor mir liegen als unſere Mutter da.

Die Du mit Deinen Klagen aufwecken und in den Tod hinein erſchrecken wirſt fiel Theodor ein.

Dieſer ließ ſich endlich doch noch bewegen, ſein Lager aufzuſuchen. Sobald Malchen ihn feſt eingeſchlafen glaubte, näherte ſie ſich leiſe dem röchelnd aufathmenden Bruder. Mit überſtrömenden Augen und gefalteten Händen betrach⸗

Schlaf erquickt wird, ſoll mich ſtärken.

Das gebe ich durchaus nicht zu ſprach Malchen im geſchwiſterlichen Wettſtreit.Ich habe nun bereits aus⸗ geſchlafen, überdies den ganzen Tag über ruhig am Stick⸗ rahmen geſeſſen, während Du nicht von den Beinen ge⸗ kommen biſt und Dir die Lunge wund geblaſen haſt. Was macht Dein Huſten?

O der befindet ſich wohl entgegnete Theodor doppelſinnig.Deine Malzbonbons haben Wunder ge⸗

tete ſie die jugendliche Leidensgeſtalt, die ihr jetzt doppelt theure!

Armer Theodor! lispelte ſiewenn mir von dem gebeugten Sitzen am Stickrahmen ſchon die Bruſt ſchmerzt: wie ungleich weher muß ſie Dir von dem an⸗ ſtrengenden Blaſen thun! Dazu die Scham, ie Schande, mit gemeinen und rohen Menſchen die Straßen und Schenkſtätten durchziehen zu müſſen! Hilf, Herr Gott, hilf!

than. Dieſer Lüge folgte die Strafe auf dem Fuße. Nach

Feuilleton.

Die Lebensweiſe der Brahminen. Die evangeliſch⸗lutheriſche Miſſion zu Leipzig, die ſeit vori

gem Jahre durch ihr Inſtitutsgebäude in der Nähe des Bairiſchen

Bahnhofes daſelbſt auch äußerlich würdig repräſentirt iſt, hat be

kanntlich ihre überſ

und das Studium der tamuliſchen Sprache und Literatur iſt des halb die Hauptaufgabe der Leipziger Anſtalt.

Tamulen iſt im Allgemeinen der Name des Volkes im Süden des indiſchen Continents von der öſtlichen bis zur weſtlichen Küſte der Zweig, der an der weſtlichen Küſte wohnt, heißt ſpeciell der

während der vorzugsweiſe der tamuliſche genannte an der öſtlichen Küſte Koromandel ſeßhaft iſt. Die Tamulen,

malabariſche,

der großen tartariſch⸗finniſchen Race angehörig, ſind die eigent⸗ lichen Ureinwohner Indiens, die von den aus dem Norden herein⸗ orecchenden ariſchen Stämmen allmählich verdrängt und unterwor⸗

fen wurden. Nur im Süden erhielten ſich die Ureinwohner i

ceiſche Wirkſamkeit ganz und gar auf die Be⸗ kehrung der tamuliſchen Völkerſtämme in Oſtindien concentrirt,

einer gewiſſen Selbſtſtändigkeit, nahmen aber auch die höhere Bildung der nördlichen Arier an und gründeten eine Menge klei⸗ ner ſelbſtſtändiger Reiche, die trotz allen Wechſels politiſcher Stürme ſich zum Theil bis auf den heutigen Tag erhalten haben.

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Die Tamulen haben ihre eigene Literatur, die in ihren äl⸗ teſten erhaltenen Denkmalen bis in das Jahr 1000 unſrer Zeit⸗ rechnung hinaufreicht und die verſchiedenſten Zweige der Wiſſen⸗ ſchaft und Poeſie umfaßt. Die Leipziger Miſſionsanſtalt beſitzt eine ſehr vollſtändige Sammlung derſelben, die der Director der Anſtalt, Dr. K. Graul, in ſeiner Bibliotheca Tamulica(Leipzig, Dörffling und Francke, 1854 u. f.) herauszugeben und zu bear⸗ beiten begonnen hat. er erſte Band derſelben enthält drei Hauptſchriften zur Erklätung des religiöſen Vendata⸗Syſtems in deutſcher Ueberſetzungznder zweite bringt den tamuliſchen Text der einen ſelbſt, mit engliſcher Ueberſetzung, Gloſſarien und ſprach⸗ lichen Anmerkungen, ſowie einen Abriß der tamuliſchen Gramma⸗ tik nebſt leichten Leſeſtücken u. ſ. w.

Derſelbe Gelehrte, der die Hauptautorität und der eigentliche erſte Gründer dieſes neuen Zweiges der philologiſchen und literarge⸗ ſchichtlichen Wiſſenſchaft iſt, hat ſeine mehrjährigen Beobach⸗ in tungen und Studien an Ort und Stelle niedergelegt in ſeinem fünfbändigen Werke:Reiſe nach Oſtindien über Paläſtina und Aegypten vom Juli 1849 bis April 1853(Leipzig, Dörffling und Francke, 1854 56,) das uns ein ausführliches und dil

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ſeitiges Bild oſtindiſcher Zuſtände gibt. Die Rellee 9.