Novellen-Zeitung. Die ſliegende Rapelle. Bis faſt zur zehnten Abendſtunde hatte Kudraß nebſt
ſeiner Kapelle muſicirend die Straßen und Plätze der Stadt 3 durchzogen. Jetzt verfügte er ſich mit ſeinen Muſikern in Flüchtling, Eine Erzählung jene Schenkwirthſchaft, wo er mit ihnen die bewußte Polka as W. eingeübt hatte. Weil heute Jahrmarkt reiheit war, ſo Guſtav Nieritz. Itas it und Tanz ſo lange ueiſrn als die A.
(Schluß.) zuſt beſaßen. Daher war es zwei Uhr
„Das verlange nicht von mir!“ erwiderte Malchen mit bis auf den Tod vom anhaltenden Bla⸗ Eifer.„Nie und nirgends werde ich meinen Bruder ver⸗ en, endlich den Heimweg antreten durfte. Vor
das
leugnen und mich ſeiner ſchämen.“ der verſchloſſenen Hausthüre angelangt, pfiff er mit dem „Du erſpareſt mir aber dadurch ein bitteres Herze⸗ Munde in der mit ſeiner Schweſter verabredeten Weiſe. Aich leid—“ entgegnete Theodor. Daß Malchen ſeiner wartete, erſah er an dem Licht oben
„Schmerzt Dir Deine Bruſt nicht von dem anhal⸗ hinter dem Dachfenſter, an welchem ſeine Schweſter ſtickend tenden Blaſen?“ fragte Malchen ablenkend und beſorgt. zu ſitzen gewohnt war.
„Ha, nun begreife ich plötzlich, warum Du jetzt immer Alllein Malchen mochte vom Schlaf bewältigt worden huſteſt und ſo am Athem ziehſt. Geſteh' es nur, Theodor!“ ſein, denn das Fenſter blieb verſchloſſen. Ach! und Theo⸗ „Es macht ſich noch!“ erwiderte Theodor und ver⸗ dor ſehnte ſich ſo ſehr nach Ruhe! Jetzt begann er in die
ſuchte zu lächeln.„Wenn unſer Vater geahnt hätte, daß Hände zu klatſchen und als auch das nichts half, entlockte
zas Normen,
feine Clarinette—“ er ſeiner Clarinette einen entſteigenden Dreiklang, den das „Wieſel Du verliebter Schwerenöther!“ ſchrie hier des Echo laut wiedergab. Sogleich war auch ſchon ein Nacht⸗ Horniſten Stimme durch die Hausthüre herein—„wo wächter herbeigeeilt, welcher den Clarinettiſten barſch dleibſt Du denn?“ anließ: Theodor zuckte zuſammen. Malchen aber fragte befrem⸗„Wie kann Er ſich unterſtehen, die nächtliche Ruhe f det:„Wieſel? geht Dich das an, Theodor?“ zu ſtören? Soll ich Ihm etwa freies Quartier verſchaffen? dnen„Ja!“ geſtand Theodor kleinlaut ein.„Ich führe jetzt Noch einen Laut und Er geht mit mir.“ M dieſen Namen, obſchon ich in keinerlei Weiſe einem Wieſel Furchtſam verſprach Theodor, ſich ſtill zu verhalten, Sid eſten gleiche. Leb' wohl, Malchen, und beherzige meine Bitte. und brummend ſchritt der Wächter weiter. Welch eine Jbier Adieu!“ traurige Ausſicht für den armen Muſikanten, nach ſo an⸗ de Er lief davon, denn es überkam ihn ein unwiderſteh- haltender Anſtrengung den Reſt der kalten Octobernacht Fähll licher Huſtenreiz, deſſen Ausbruch er der beſorgten Schwe⸗ auf der zugigen Straße zubringen zu müſſen! Schon ſter verbergen wollte. Huſtend kehrte er zu ſeinen Gefähr⸗ wollte er den Verſuch wagen, mit kleinen Steinen an das 3 ten zurück, und als er ausſpuckte, war es— Blut! Fenſter zu werfen, hinter welchem er Malchen eingeſchlafen Menſchen Betroffen betrachtete er daſſelbe. Dann ſtrich er ſich wähnte; allein die Furcht, eine Glasſcheibe zu zerbrechen, m das blonde Haar aus der gefalteten Stirn.„Immerhin!“ Mutter und Schweſter tödtlich zu erſchrecken, ließ ſein Vor⸗ dſſchön⸗ prach er vor ſich hin—„je ſchneller das Oel in der Ma⸗ haben unausgeführt. et ſhiine ſich verzehrt, deſto eher kommt ſie zum Stehen und In ſtiller Ergebung nahm Theodor Platz auf der kiMn jur Ruhe.“ Steinbank neben ſeiner Hausthüre.„Wie bald iſt's über⸗ 24„Aufgepaßt, Wieſel!“ commandirte Kudraß—„die ſtanden, das Leiden dieſer Zeit!“— ſprach er gefaßt und Sedlenick-Polka! dai di, dai di, dat da, dai da—“ lehnte das müde Haupt gegen die kalte Mauerwand. Bald Dem Gebote gehorſam, s ſchlaffe Wangen rieſelten eiſige Froſtſchauer über ſeinen Rücken hinab, allein veit ſich auf und, obſchon ihn die B ſt gleich einer friſchen, er achtete deſſen nicht in ſeiner Müdigkeit, welche ihm nach
frrom llutenden Wunde ſchmerzte, blies ſeine Clarinette die lu— wenig Minuten die Augen zufallen ließ. Nicht lange, ſo f figſten Töne hervor. träumte er. Die fliegende Kapelle übte die Sedlenick⸗Polka In der nächſten Pauſe fühlte Theodor plötzlich ſeine wieder ein und Theodor ſollte die Hauptſtimme blaſen. 3 band von einer Mudm, weichen erfaßt und ein kleines Die Clarinette aber wuchs in ſeiner Hand zur rieſigſten ſchen lütchen blieb in der erſteren zurück. Als er betroffen auf⸗ Orgelpfeife an, welche er mit ſeiner ſchmerzenden Lunge Haute, erkannte er in der raſch davon eilenden Geberin erklingen machen ſollte. Vergebens hauchte und hauchte 1 ſine Schweſter und in des Tütchens Inhalt bruſtſchmerz⸗ er hinein. Vergebens ſchimpfte Kudraß, lachte höhniſch Undernde Malzbonbons. Lohſe, blickte ihn zornig der ältere Kroll an, nickte ihm
d.


