Jahrgang 
01-26 (1857)
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Die Prärien.

Zum erſten Mal erblick' ich ſie; es ſchwillt Mein Herz, und mein erweitert Auge trinkt Die rings ſich dehnende Fläche ein. O wie

In luft'gen Schwingungen ſie ſich erſtreckt,

Als ſei das Meer in leiſer Kräuſelung

Hier ſtill geſtanden, und die runden Wellen Gebannt, bewegungslos für ew'ge Zeiten. Bewegungslos? O nein! Entfeſſelt ſind Sie wiederum. Mit ihren Schatten jagen

Die Wolken drüber hin, und drunten rollt Darauf entlang und treiben vor ſich her 5 Die ſonn'gen Rücken. Lüfte ihr des Südens, Habt eine Landſchaft, lieblicher und doch Erhabener als dieſe, je umfächelt?

Der Menſch hat keinen Theil an dieſem Werke. Die Hand, die einſt die Veſte auferbaut,

Hat dieſer Hügel Grün geglättet, hat

Mit Kraut die Böſchungen beſäet, hat

Mit Hainen wie mit Inſeln ſie bepflanzt

Und ſie mit Wäldern ringsum eingehegt.

Die grüne Wüſt' entlang lenk' ich mein Roß, Wo hohes Riedgras ſeine Flanken peitſcht,

Und wie Entweihung dringt das hohle Dröhnen Des Hufſchlags mir ins Ohr. Ich denk' an Jene, Die es mit Füßen tritt. O ſeid ihr hier,

Ihr Todten alter Zeit? und hat vordem

Sich dieſer Oede Staub geregt, geſchwellt Von Leben und durchglüht von Leidenſchaft? O laß die Aſchenhügel Antwort geben,

Die an den Strömen ragen, oder ſich

Im dunkeln Walde eichumkränzt erheben. Ein längſtvergangenes Geſchlecht hat ſie Gebaut, ein mächtiges, geſittetes

Geſchlecht, das mühevoll ſie aufgerichtet

In jenen Zeiten, als zu Götterbildern

Der Grieche den Pentelikus geformt

Und hoch den prächt'gen Parthenon gethürmt. Auf dieſen Feldern reiften ihre Ernten,

Hier weideten die Heerden, an den Ställen Erſcholl des Biſons Brüllen, der dem Joche Den mähnigen Nacken beugte. So erklang Die Wüſte hier vom Wiederhall der Arbeit Den ganzen Tag, bis ſich der Abend neigte, Wo Liebende luſtwandelten und in Vergeſſ'ner Sprache mit einander koſten,

Und ſich aus unbekannten Inſtrumenten Uralte Lieder mit den Lüften miſchten.

Ein wildes, kriegsluſtiges Geſchlecht,

Und von der Erde ſchwanden die Erbauer

Der Aſchenhügel. Wo ſie einſt gewohnt,

Ließ ſich unzähliger Jahrhunderte

Cinöde nieder. Der Prärien⸗Wolf

Geht ſeinem Raub auf ihren Wieſen nach,

Und ſeine friſchgegrab'ne Höhle gähnt

An meinem Pfad. Die Sackmaus unterwühlt Den Grund, wo ihrer Städte Pracht geſtanden. Dahin iſt Alles Alles hin bis auf

Die Hügel, welche ihr Gebein umſchließen Die Höhen, wo ſie unbekannte Götter

Novellen⸗Zeitung.

* ALBUI.

w. Cullen Bryant.

Und wogt die Fläche; dunkle Höhlen gleiten 5

Dann kam der rothe Mann, der ſchweifende Jäger,

I.

Verehrten und die erdgebauten Wälle,

Mit denen ſie den Feind in Schranken hielten, Bis über ihren Rand die ſtürmenden Belag'rer brachen und die Feſtungen Bezwangen und mit Leichen überſäten.

Des Waldes braune Geier ſchwärmten um Die Stätte und erfreuten ungeſcheucht

Sich ihres Mahls. Wohl manch verlaſſ'ner Flüchtling,

Der ſich in Sumpf und Dickicht barg, bis das Gefühl der Einſamkeit und Furcht noch bittrer Als ſelbſt der Tod ihm ward, kam und ergab Sich ſicherm Untergang. Allein es ſiegte Des Menſchen beſſere Natur. Willkommen Mit liebevollen Worten hießen ihn Die rauhen Sieger, und ſie ſetzten ihn Zu ihren Häuptlingen; er wählte ſich Ein Weib aus ihren Töchtern, bis er endlich Ganz zu vergeſſen ſchien doch nie vergaß Die Gattin ſeiner erſten Wahl mit ihren Geliebten Kleinen, die im Angſtgeſchrei⸗ Mit ſeinem ganzen Volk gemordet wurden. So herrſcht der Wechſel in des Daſeins Formen, uUnd ſo erſtehn Geſchlechter lebender Weſen Und ſterben ab, wie ſie der Odem Gottes Erfüllt und ſie verläßt. Der rothe Mann Hat ebenfalls die blühende Wildniß, die Er lang' durchſtreift, verlaſſen, um ſich näher Am Felsgebirg' ein wilder Jagdgefild Zu ſuchen, und der Biber hauſt nicht mehr An dieſen Strömen, ſondern weit hinweg An Waſſern, deren blauer Spiegel nie Des bleichen Mannes Bild zurückwarf an Miſſuri's Quellen, an den See'n, aus denen Der Oregon trinkt, erbaut er ſich ſein klein Venedig. Nie mehr weidet hier der Biſon. Wohl zweimal zwanzig Meilen von dem fernſten Gezelt des Jägers ſchweift das ſtolze Thier In Heerden, unter deren Tritt die Erde Frbebt und hier doch folg, ich ſeiner Fährte! Noch immer regt in dieſer Wüſte ſich Das Leben. Myriaden von Inſecten, Bunt, wie die Blüthenkelch', auf denen ſie 3 Sich ſchaukeln; Vögel, die noch nicht den Menſchen Gelernt zu fürchten; kriechendes Gewürm Des Bodens regt ſich rings, erſchreckend ſchön. Das anmuthvolle Reh hüpft ins Gehölz Bei meinem Nah'n. Die Bien', ein kühnerer Anſiedler als der Menſch, dem ſie von Oſten Weit über's Meer gefolgt, erfüllet die Prärie mit ihrem Summen und verbirgt Den Honig in der Eiche hohlem Stamm Wie in der goldnen Zeit. Ich lauſche lang Dem wohlbekannten Ton und hör im Geiſte Das dumpfe Brauſen ſchon des Menſchenſtroms, Der ſich nach dieſen Wüſten wälzt. Herauf Vom Boden dringt der Kinder Lachen mir, Der Mädchen ſanfte Stimm' und der Choral Der gläubigen Gemeinde. Das Gebrüll Der Heerden untermiſcht ſich mit dem Rauſchen Der ſchweren Saat in dunkelbraunen Furchen. Doch plötzlich fährt der Wind durch meinen Traum, Und einſam bin ich wieder in der Wildniß.

8 44, 19 1 4 2 8 8 8 d K 857. Weſtward Ho! Britiſche und amerikaniſche Gedichte, überſetzt von Karl Elze. Leipzig. Verlag von Eduard Hahnel. 185⁵⁷

Ei leu