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Literariſche Beſprechungen.
Wilhelm Wolfſohn's dramatiſche Werke. Er⸗ ſter Band: Zar und Bürger.— Zweiter Band: Nur eine Seele.— Dresden. Verlagshandlung von Rudolf Kuntze. 1857.
Es liegen dem Publicum hier, nun auch durch den
Buchhandel veröffentlicht, zZwei Dramen vor, von denen das erſte vor vier Jahren in Karlsruhe und Dresden, das zweite in den letzten Saiſons auf faſt allen Privattheatern und endlich auch auf dem Hoftheater in Dresden mit her⸗ vorragendem Succeß zur Aufführung gekommen iſt. Der Verfaſſer ſelbſt ſagt es im Vorwort, daß er den ſ. g. poe⸗ tiſchen Selbſtzweck bei dieſen Arbeiten nicht im Auge ge— habt, daß ſie nicht im Zuge ſubjectiv poetiſchen Genügens entſtanden: ſie hatten den beſtimmten Zweck, Charaktere und Zuſtände, die ihn aus unmittelbarer oder hiſtoriſcher An⸗ ſchauung beſchäftigten, auf der Bühne zur Erſcheinung zu bringen. Die bühnengemäße Einrichtung, der theatra⸗ liſche Effect iſt der Hauptvorzug beider Dramen, und den⸗ ſſelben haben ſie bei den erwähnten mannigfachen Vorſtel⸗ lungen auf das Glücklichſte bewährt. Wer die Stücke von der Aufführung her nicht kennt, wird dieſes Verdienſt aus den Büchern herauszuleſen freilich kaum im Stande ſein, denn es iſt daſſelbe ein ganz anderes als das, oft das Gegentheil von dem, was wir als das echte, rein äſthetiſche Vergnügen bezeichnen. Man will bei uns in Deutſchland immer noch, der Dichter ſolle nur ſeinem inneren Drange folgen, nur recht tief aus ſich ſelbſt ſchöpfen, während man dabei doch ſtets den Lorbeer und maſſenhaften Beifall denen ſpendet, die wahrſcheinlich am wenigſten nach ihrem eigenen Triebe, der eigenen inneren Befriedigung fragen. In der That iſt auch gerade beim dramatiſchen Dichter der ausſchließ⸗ ich ſubjective Drang eben ſo wenig ausſchließlich werth, uls der perſönliche Muth beim Feldherrn, dem dieſer ge⸗ radezu zum Verderben gedeihen kann, wenn er ihn verführt, va perſönlich vorzutreten, wo er vom Hintergrunde aus vurch den großen Mechanismus ſeines Heeres eine Schlacht ur Entſcheidung bringen ſoll. Wie der Feldherr, ſo muß nuch der Dichter den tauſendköpfigen Feind ihm gegenüber hennen, denn das Publicum iſt der gefährlichſte aller Feinde, weil ſeine Tugenden und ſeine Schwächen, die Stellen, wo es zu packen iſt, bei keinem ſo wie bei ihm ſchwankend und unberechenbar ſind. Wie der Feldherr, ſo fann auch der dramatiſche Dichter nicht für ſich ſelbſt den Lampf entſcheiden, ſondern muß für ſeine Intentionen die Truppen auf das Schlachtfeld ſchicken, die ihn zum Sieger Rachen, wenn er ihre Kräfte mit ihren Aufgaben in Ver⸗ hältniß zu ſetzen wußte.
Seit der romantiſchen Schule galt es bei uns eigent⸗ lch für ein Zeichen verächtlicher Geſchmacksrichtung, Thea⸗ erſtücke ſchreiben zu wollen, die wirklich theatraliſch auf⸗ fuhrbar und genießbar waren. Ein wie großer Fortſchritt
zur Hebung der Bühne und zur Beherrſchung des öffent⸗
lchen Geſchmackes in lzten Jahren de praktiſche Auge hatten!
gutem Sinne iſt es, daß die in den aufgetretenen jüngeren Dramatiker gerade
Wir brauchen nur Brachvogel zu nennen.
Dritte folge.
Wolfſohn iſt ihm darin an die Seite zu ſtellen. Beide haben, ihren Vorzügen und ihren Fehlern nach, viel Aehn⸗ lichkeit mit einander. Beide(in Betreff Brachvogel's ſprechen wir zunächſt von Narciß) bringen nicht das Leben ſelbſt in ſeiner natürlichen Wahrheit und Innerlichkeit, aber ſie bringen den künſtleriſchen Schein deſſelben zur Anſchauung; ihre Situationen ſind zum Theil nicht ganz wahrſcheinlich, die Motive ihrer Charaktere nicht immer abſolut einleuchtende, die Uebergänge ihrer Handlungen bisweilen ſprunghaft und unklar,— das Reſultat von alle dem aber ſind draſtiſch entgegentretende Conflicte, mächtig fortreißende Effecte, die, durch ſich ſelbſt ſich Glauben er⸗ zwingend, das Unfertige ihrer Anlagen vergeſſen laſſen. Mit dieſer Erreichung ſeines Hauptzweckes, mit dem thatſächlichen Erfolge, hätte Herr Wolfſohn ſich wahrlich zufrieden geben können, ohne in der betreffenden Vorrede der vorliegenden Ausgabe der Kritik gegenüber, die hie und da an den inneren Fäden ſeiner Charakteriſtik etwas auszuſetzen hatte, nun doch noch Recht behalten zu wollen. Was er auch dagegen anbringen möge, um, vor ſich ſelbſt gerechtfertigt, die höchſten poetiſchen Anforderungen ſchein⸗ bar zu erfüllen, es bleibt doch einmal eine Thatſache, daß in dem Stücke„Nur eine Seele“ vor Allem die Tendenz in den Vordergrund, die Leidenſchaft zurück tritt und da— durch die unmittelbare Wahrheit, die echt poetiſche Schil⸗ derung natürlich ſittlicher Nothwendigkeit großen Eintrag erleidet. Nicht als ob wir die Tendenz im Allgemeinen oder auch nur„ein zürnendes Mitgefühl für die Unterdrückten“ bei der poetiſchen Compoſition ausgeſchloſſen wiſſen woll⸗ ten; nicht als ob wir die Leidenſchaft nur„in den Natur⸗ trieb ſetzen“, nicht als ob wir in der Leidenſchaft nur die „Raſerei in Haß oder Liebe“, nicht aber die„Liebe für das Gute und Schöne“ ſehen wollten, nein im Gegentheil, lege der Dichter doch ſo viel Tendenz in ſeine Werke, als er geſtalten, und ſo viel edle Leidenſchaft, als er motiviren könne,— nur geſtalten eben und motiviren wird er ſie
Möglichkeit, die theatraliſche Wirkung im
müſſen, und das hat Wolfſohn nicht durchgängig ver⸗ mocht. Immer und immer wieder ſtoßen wir auf die Stel⸗ len, wo wir uns ſagen müſſen: das iſt beabſichtigte Ten⸗ denz, aber keine natürliche Wahrheit; das iſt des Dichters ſittlicher Affect, aber nicht ſeiner Charaktere innerliche Conſequenz.
Es iſt die Haltung des Helden Alexander Wolinski, die uns ſolches Gefühl das ganze Stück über nun einmal nicht vergeſſen läßt. Die geſammte übrige Situation faſt iſt eine lebensgetreue ethnographiſche, bringt uns Zuſtände, Sitten, Inſtitutionen, Figuren zur Anſchauung, die ſicht⸗ lich genau und ſorgfältig der Wirklichkeit ruſſiſcher Geſell— ſchaft entnommen ſind; dieſer Alexander allein ſchwebt in der Luft; er hat keinen Zuſammenhang mit dem Boden, dem er entſproſſen; wir ſuchen vergeblich nach einer faß⸗ lichen Eigenartigkeit in ihm und deren pſychologiſcher Er— klärung,— er iſt eben die abſtracte Tendenz, der ſchöne ſittliche Affect, der in der Bruſt des Dichters ſeine Berech⸗ tigung hat, der aber nicht in dem Ruſſen und am wenig⸗
ſten in dieſer Weiſe der Manifeſtirung als motivirt er— ſcheint. Iſt denn dieſer Ruſſe Alexander überhaupt ein Ruſſe, da er ſich ſo benimmt, als ſähe er alle ſeine heimi⸗ ſchen Verhältniſſe heute zum erſten Male? Sind ſeine Ex⸗ clamationen etwas anderes, als was ein deutſcher Stu⸗


