Jahrgang 
01-26 (1857)
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dent ausrufen würde, wenn er dergleichen Zuſtände in einem Tendenzſtücke auf dem Theater ſähe? Worüber aber geräth dieſer Alexander nun eigentlich in ſittliche Entrü⸗ ſtung? darüber, daß der alte Fürſt ſeine Leute in der vatriarchaliſch derben Weiſe behandelt, die ſie gewohnt ſind und von der wir durchaus nicht Urſache haben anzuneh⸗ men, ſie ſei ihnen unbequem. Und was iſt ferner ſeine erſte Handlung, nachdem er ſo myſteriös bedeutend von ſeinen Plänen, ſeinen Thaten, die mehr als Reden ſein ſollen, ge⸗ ſprochen hat? er nennt die muſikaliſch eingebläuten Bauerjungensmeine Herren und bietet ihnen im Sa⸗ lon Erfriſchungen an, da ſie gewohnt ſind in der Geſinde⸗ ſtube gefüttert zu werden! Thut er den Kerls ſelbſt da⸗ mit irgend einen Gefallen? ſehen wir zu ſolcher Aufleh⸗ nung gegen die herrſchende Art irgend eine dramatiſche oder ſittliche Veranlaſſung? In der folgenden Scene, als man Helene zum Singen zwingen will, tritt eine ſolche nun allerdings ein, und daß er hier für ſie zum Schutze auftritt, iſt das erſte, was uns für ihn intereſſiren kann. Aber wie ſchützt er ſie? auf die ungeſchickteſte Weiſe, die ſich ihr ärgſter Feind nur hätte erſinnen können, um dieſen gut⸗ müthigen alten Herrn gegen ſie aufzureizen! Iſt er es denn nicht, der durch ſeine Taktloſigkeit allein die ſpäteren ſchwierigen Situationen ihr erſt auf den Hals zieht? Hat Alexander dazu in Deutſchland, Frankreich und Amerika ſich umgeſehen, um zuletzt eine Lebensart mitzubringen, die ihn ganz einfache Verhältniſſe verwirren und das Ge⸗ gentheil von dem, was er beabſichtigt, erreichen läßt?

Wie wenig Alerander den Verhältniſſen, in denen er ge⸗ boren iſt, in beſtimmter Beziehung gegenüberſteht, ſehen wir namentlich auch aus der 5. Scene des 2. Actes mit Anatol, in der er über dienationale Entwicklung ſpottet, während doch Alles, was er dort von denVolksthümlern ſagt, uns klarer und vernünftiger erſcheinen muß, als was wir über ſeinen Kosmopolitismus ins Blaue hinein ver⸗ nehmen. Daß er ferner ſchon in der Scene vorher von den Bauern die Symbole des Brodes und Salzes nicht an⸗ nimmt, können wir ebenſo wenig mit ſeinen Hindeutungen

Noveſſen⸗Zeitung.

III. Jahrg.

auf Volkserziehung zuſammenreimen. Alles in Allem, dieſer Alexander iſt keine realiſtiſche Geſtalt, keine conerete Perſönlichkeit, ſondern das Pathos des Dichters, das ganze Stück ein Tendenzſtück, ein ſehr ehrenwerthes, ſehr geiſt⸗ voll und edel gehaltenes, vor Allem theatraliſch ſehr wirk ſames Tendenzſtück, aber eben immer ein Tendenzſtück. Den höheren poetiſchen Anſprüchen mehr zu genügen, wenngleich es weniger Bühnenglück erlebte, ſcheint uns des Dichters älteres Drama:Zar und Bürger. Hier iſt die Tendenz zu natürlich und conſequent motivirten Perſön⸗ lichkeiten verkörpert, und die Tendenz ſelbſt, den Kampf der ruſſiſchen Nationalität mit dem fremden Beamtenthume und dem unbedingten Fortſchrittseifer des großen Peter ſchildernd, zeigt ſich in der Klarheit und beſtimmten Glie⸗

derung, die wir in Alexander Wolinski's Humanismus vermiſſen.

Wir können hieran ein paar Worte über ein neues, dem Publicum noch nicht bekanntes Drama deſſelben Dich⸗ ters knüpfen. Wolfſohn hat endlich den Boden ruſſiſcher Geſellſchaftsabnormitäten, der von den Gogol, Lermontoff, Turgenew u. A. ſo mannigfach novelliſtiſch ausgebeutet iſt, verlaſſen und hat ſich in dem Dramadie Oſternacht ſeinen Schauplatz in Spanien zu Ende des 15. Jahrhun⸗ derts erwählt, um uns den Kampf des verfolgten Juden⸗ thumes mit der Inquiſition zu ſchildern. Das Motiv des Stückes iſt jene Beſchuldigung der Juden, daß ſie in der Oſternacht Chriſtenblut zu opfern pflegten, die noch in den vierziger Jahren in Damaskus zu einem Aufſtand Anlaß V gegeben hat. Ein Domprediger Veit in Wien trat damals

auf der Kanzel gegen ſolche Sage auf, indem er geſtand, er ſei ſelbſt geborener Jude und wiſſe deshalb die Unwahr⸗ heit derſelben. Eine ähnliche Scene wendet der Dichter zur ſchließlich glücklichen Löſung des Ganzen an, das die Ten⸗ denzfrageNathans des Weiſen in einer neuen Form mit geſteigerter dramatiſcher Spannung behandelt und bei des Verfaſſers geprüfter Bühnenſicherheit auch des thea⸗ traliſchen Erfolges nicht entbehren wird.

R. Giſeke.

Allgemeiner Anzeiger.

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