Jahrgang 
01-26 (1857)
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Es ſchlägt an des Mieders Gitterwehr;

Wohl funkelt dein Aug', doch in Freude nicht, Es glänzt von des Haſſes Fackellicht,

Das lodernd in deinem Buſen verzehrt,

Was erſte Lieb' dir an Glück beſcheert.

Er führte dich aus der Heimath fort,

Was trauteſt du auch ſeinem gleißenden Wort? Was wollt'ſt du mit deiner Liebe hier

In der Liebe prächtigem Staatsquartier?

Was wollteſt du, die nur lieben kann,

Bei dem geiſtvollen fränkiſchen Don Juan?

Er küßte die Knospe, ihr Duft zerrann,

Was geht ihn die welkende Blüthe noch an? Ja, raufe dein Haar und ſchlag' an die Bruſt, Du zauberſt zurück nicht des Lenzes Luſt, Vorbei, vorbei iſt die glückliche Zeit,

Du ſchöne, wildherrliche Ruſſenmaid!

Was ſingſt du verzweifelnd dem Sturme dein Lied, Der hin nach dem fernen Oſten zieht?

Er bringet nicht Kunde vom Oſten zurück, Vom verſcherzten, verlorenen Heimathsglück. Doch horch, welch tief befreundeter Ton

Schallt rings um das neue Babylon?

Horch! ruſſiſche Weiſen im Trommelſchall,

Als Baß dazu dumpfer Kanonenknall! Aufjubelt Tatjana:Mein Vaterland,

Du holeſt dein Kind! Ich bin nicht mehr verbannt! Gegrüßet, gegrüßet, du Heimathsklang,

Du meiner Brüder Schlachtengeſang!

Die Brüder, die Rächer, die Ruſſen ſind da, Die eroberte Weltſtadt grüßt ihr Hurrah!

Sie brauſen herein durch die Boulevards,

In den Staub hin ſinket der goldene Aar,

Der geglüht in der Sonne von Auſterlitz,

Der bis Moskau getragen des Cäſars Blitz; ( Noch zuckt er im Todeskampf bang und ſchwer

Rovelfen-Zeitung.

Ihm träumt vom einſamen Fels im Meer,

Von Prometheusqual in der Wüſtenei,

Von des Geiers krächzendem Todtenſchrei.) Und Wog' auf Woge brauſt einher

Des Oſt, des Nord empörtes Meer Vereinzelte Kämpfer noch hier und dort Ihre Leichen wälzet die See mit fort.

Noch raget im Haufen ein junger Chaſſeur,

Auf der Heldenbruſt das Kreuz d'honneur,

Auf der Stirn ein Maal:Pyramidenſchlacht, Im Aug' den Schatten der Todesnacht.

Ergib Dich! Er lächelt ſtolz und kalt. Zum Stoße zucken die PikenHalt!

Mir laßt ihn! Ein wilder Koſak drängt vor Und hebet den Säbel ſchnaubend empor:

Du biſt es, mit dem mein Kind entflohn! Verruchter! Nimm hin Deines Frevels Lohn! Die Klinge blitztHalt ein! halt ein!

Ein Ruſſenmädchen ſtürzt durch die Reih'n Er iſt es! verſchont ihn! Zu ſpät, zu ſpät Haſt Du, Tatjana, für ihn gefleht.

Die Sonne verlöſcht, es ſchauert die Nacht

Um den Helden der Pyramidenſchlacht.

Laß ihn ſterben, Betrog'ne! und jetzt zu Pferd, Zurück zur Heimath, zum Vaterheerd!

Wie wird ſich freuen Dein Mütterlein,

Wie harren die Schweſtern verlangend Dein! Zu Pferd, zu Pferd! Sie hört es nicht,

Sie ſchaut nur des Todten Angeſicht Komm mit! Da ſtößt ſie den Alten zurück, Der Wahnſinn lodert in ihrem Blick:

Hier iſt meine Heimath! Sie ruft es wild Und ſinkt auf ihr todtes Götterbild.

deutenderen Dramen. Der Bearbeitung der Schiller'ſchen Werke hat ſich Herr Privatdocent Dr. Eckardt in Bern unterzogen, wo⸗ gegen Klopſtock an Herrn Dr. Zimmermann in Worms, Leſſing an Herrn Oberlehrer Hölſcher in Herford ſeinen Bearbeiter finden wird. Die Wieland'ſchen Werke, inſofern ſich das Bedürfniß einer Erläuterung herausſtellt, hat Hr. Prof. Dr. Düntzer eben⸗ falls übernommen. Von der dritten Abtheilung liegt uns vor: Schiller's Geiſtesgang, Die Räuber von Dr. Ludwig Eckardt, der in den letzten Jahren durch ſeine Arbeiten über Fauſt, Ham⸗ let u ſ. w. ſich einen ehrenvollen Namen als Kunſtkritiker erwor⸗ ben hat.

. Kant, von der Macht des Gemüths durch den blo⸗ ßen Vorſatz ſeiner krankhaften Gefühle Meiſter zu ſein. Heraus⸗ gegeben und mit Anmerkungen verſehen von C. W. Hufeland, k. preuß. Staatsrath und Leibarzt. Neunte verbeſſerte Auflage. Leipzig, 1857. C. Geibel.

Der berühmte Philoſoph ſchrieb die Abhandlung über die Macht des Gemüthes auf Anregung Hufeland's und entwickelte in derſelben mehrere Ideen, die über die individuelle geiſtige und körperliche Diätetik beachtenswerthe Notizen liefern. Sehr bezeich⸗ nend ſagt Hufeland in dem Vorworte: Das Leben des Geiſtes allein iſt wahres Leben. Das Leben des Leibes muß jenem immer untergeordnet und von ihm beherrſcht werden, nicht umgekehrt der Geiſt ſich den Launen, Stimmungen und Trieben des Körpers unterordnen, wenn das wahre Leben erhalten werden ſoll. Kann auch der Einfluß des Leiblichen auf das Geiſtige nicht geleugnet werden, ſo iſt doch die Macht des Geiſtes über das Leibliche noch größer, und da es nicht wenige Menſchen gibt, die ſogar an einge⸗

bildeten Krankheiten leiden, ſo mögen Kant's Worte um ſo troſt⸗ voller als ein lehrreicher Beitrag über Behandlung krankhafter Gefühle durch die Macht des Gemüthes betrachtet werden. Kant geht bei der Beſprechung dieſes wichtigen Thema's von ſeinen an ſich ſelbſt angeſtellten Beobachtungen und Erfahrungen aus, erör⸗ tert das, was man gewöhnlich langes Leben und Geſundheit heißt, und gibt diätetiſche Grundſätze. Hufeland unterſcheidet die Krank⸗ heit und das Gefühl der Krankheit, und empfiehlt als das beſte Mittel gegen die Hypochondrie das Objectiviren ſeiner ſelbſt, Krankheiten von dem wahren Ich zu trennen und als einen Ge⸗ genſtand der Außenwelt zu betrachten. Ich bin gewiß, ſagt Kant, daß viele gichtiſche Zufälle, wenn nur die Diät des Genuſſes nicht gar zu ſehr dawider iſt, ja Krämpfe und epileptiſche Zufälle ab⸗ gehalten und nach und nach gar gehoben werden könnten. Ganz eigenthümliche Anſichten zeigt der Verfaſſer in dem Theile, der vom Eſſen und Trinken und von dem krankhaften Gefühle aus der Unzeit im Denken handelt. Das, was von der Hebung und Ver⸗ hütung krankhafter Zufälle durch den Vorſatz im Athemziehen und von den Folgen der Angewohnheit des Athemziehens mit geſchloſ⸗ ſenen Lippen geſagt wird, iſt von wichtiger praktiſcher Bedeutung. Ueber das Denkgeſchäft und Alter ſpricht Kant nicht minder vom philoſophiſchen Standpunkte, und wiewohl die individuellen An⸗ ſichten und Erfahrungen eines Philoſophen ſich dem praktiſchen Leben nicht immer anpaſſen laſſen, ſo findet ſich doch in der vor⸗ liegenden Schrift durch Hufeland's Anmerkungen ein vielfältiger Uebergang von dieſen zu jenen.

(III. Jahrg.

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