Jahrgang 
01-26 (1857)
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Branitzky, einer ſo reichen als ſchönen Dame, einnahm. Sie erzählte mir von dem Leben und Treiben der römiſchen Prinzeſſinnen, von deren häuslichen Einrichtungen und ihrer Verbindlichkeit, Klöſter zu inſpiciren und die Vor⸗ ſteherinnen religiöſer Orden zu ſein, wodurch ihnen ſo ſehr viel Zeit geraubt würde, daß ſie nicht einmal im Stande ſeien, pünktlich ihr Mittagsmahl einzunehmen.

Ich hörte ihr zu und freute mich, die Stunden auf die Art entſchwinden zu ſehen. Meine Nachbarilt zur Rech⸗ ten, eine echte Pariſerin, die nur auf wenige Wochen nach Rom gekommen war, theilte mir ſehr lebhaft mit, daß ſie am 13. Juni in ihrer Vaterſtadt eintreffen müßte, um, wenn es ſein ſollte, au sein de famille zu ſterben. Ich begriff lange nicht, worauf ſich das bezog; denn von dem fürchterlichen Kometen, der uns Untergang droht, hatte ich noch kein Wort gehört.

Um zwölf Uhr füllte ſich mir gegenüber die Tribüne mit den hier anweſenden königlichen Perſonen und in der Geſandten-Loge erſchien zugleich der alte König Ludwig von Baiern in hellblauer Uniform, mit einem breiten Or⸗ densbande, Haar und Bart faſt völlig weiß. Aller Augen folgten ihm mit aufrichtigem Wohlwollen; denn unter allen deutſchen Fürſten erfreut er ſich der größten Liebe und Ach⸗

tung ſeiner Zeitgenoſſen.

Bald darauf beſtieg auch der Papſt ſeinen Stuhl, heute nur mit einer einfachen weißen Mütze bekleidet, und nach einigem Räuchern und Kniebeugen wurde ihm eine weiße Schürze vorgebunden, das rothe mit Gold geſtickte Ober⸗ gewand abgenommen und er ſchritt nun zur feierlichen Fuß⸗ waſchung der Pilger. Dieſe ſaßen, zwölf an der Zahl, in einer Reihe zwiſchen unſerer Tribüne und dem Altare, waren weiß gekleidet, hatten weiße Mützen auf und weiße Schuhe an. Dieſer ganze Anzug wird ihnen nach der Cere⸗ monie zugetheilt. Der Papſt nahm ein weißes Tuch, tauchte es in ein ihm gereichtes Becken und fuhr damit über den entblößten rechten Fuß des glücklichen Pilgers,

der darauf das Tuch zum Geſchenke erhielt, womit dieſer Act an ihm vollzogen, reichte ihm dann noch ein ſchönes Bouquet friſcher Blumen und ein Stück⸗Geld, und ſchritt darauf weiter. Nachdem er das Gleiche an allen Zwölf gethan, begab er ſich wieder auf ſeinen Sitz, und wir durf⸗ ten uns entfernen. Die größte Zahl der Anweſenden war ſchon vor uns hinausgeſtürmt, um in das Zimmer zu ge⸗ langen, wo nun die Pilger geſpeiſt wurden. Eine Dame lag ſogar blutend vor uns am Boden, die Stirne durch eine große Spalte auseinandergeriſſen, eine Wunde, welche ſie durch einen Sprung von unſerer Tribüne gewonnen. An Ohnmächtigen fehlte es außerdem nicht. Das weibliche Geſchlecht zeigt bei ſolchen Veranlaſſungen ſtets einen ſol chen Eifer und einen Muth, der mit Gefahren und Schwierigkeiten ſpielt, als wären ſolche für ſie nirgends vorhanden, ſobald ein Zweck ihre Thatkraft wach ruft, daß man glauben muß, ſie würden auch als Krieger etwas ge⸗ leiſtet haben. Jedenfalls ſpielen ſie die Rollen von Ama zonen immer noch mit gleichem Geſchicke. Sehr viele der Anweſenden brachten heute den ganzen Tag im Vatican zu, deſſen ſämmtliche Räume einem Jeden frei geöffnet ſtan⸗ den, ſo daß auch der Geringſte im Volke darin umherwan⸗ dern konnte.

Nachdem ich einige Stunden zu Hauſe geruht, kehrte auch ich dahin zurück, um zu ſehen, wie dieſe Säle, deren koſtbare Kunſtſchätze ich bis jetzt ſo mühſam einzeln in Au⸗ genſchein genommen, heute, als Promenade beſucht, auf mich wirken würden. Begegnete man hier ſonſt nur Frem⸗ den, ſo ſah man heute Römer, nicht aus der vornehmen Geſellſchaft, nicht Prinzen, Grafen, Barone, ſondern aus dem wirklichen Kern der Bevölkerung, untermiſcht mit Künſtlern, die nie verfehlen, bei ſolchen Gelegenheiten nach Typen zu ſpähen. Ein paar Stunden ſchwanden ſchnell dahin und reichten nicht weiter aus, als zu einem einzigen raſchen Gange durch ſämmtliche Räume, ſo groß iſt deren Zahl, ſo weit reichend ihre Länge. Als um ſechs Uhr

dann erſt Kaiſer; er hatte das Bein des Hirſches, aber auch deſſen Hirn. Sein ganzes Leben war nichts als eine Hetze, ein fort⸗

währendes Hallalie. Man ſah ihn geheimnißvoll von einem Ende Europa's zum andern eilen, ſein Geheimniß um ſo beſſer bewah⸗ rend, da er es ſelbſt nicht kannte. Uebrigens ſahen ihm beſtändig die Ellbogen aus dem Rocke, er war ſtets in Verlegenheit und dabei ebenſo verſchwenderiſch; er warf das Wenige weg und for⸗ derte dann dreiſt im Namen des Reiches. Man ſah ihn zuletzt ſein Leben als Condottieri in dem Lager der Engländer führen und er erhielt als Kaiſer täglich 100 Thaler. Das iſt ein bis in die kleinſten Züge ausgeführtes Portrait nach Art der deut⸗ ſchen Meiſter der Renaiſſance. Die Guiſen.

Was bei allen beiden, bei Franz ſowohl, als bei ſeinem Bru⸗ der, dem Cardinal von Lothringen, beunruhigt, iſt die nervöſe Beweglichkeit ihrer Geſichter, die man in ſo hohem Grade bei keinem ſonſt findet. Der Cardinal hat eine außerordentlich zarte, faſt durchſichtige Haut; er iſt durch und durch großer Herr; offen⸗ bar geiſtreich und beredt; ſein hübſches Auge iſt hell katzengrau; man erſtaunt über die zornige Zuſammenziehung ſeines Mund⸗ winkels, den man unter ſeinem blonden Bart mehr erräth als ſieht; er kneift, er knirſcht, er vernichtet.

Franz von Guiſe hatte eine in das Graue fallende Haut⸗ farbe; er iſt mager und ſein borſtenartiges Haar graublond. Sein Geſicht verräth Nachdenken, iſt aber gemein und hat unge⸗ achtet ſeiner natürlichen Feinheit und ſeiner Entſchloſſenheit nichts von einem Prinzen; es iſt das Geſicht eines Abenteurers, eines Emporkömmlings, der noch immer höher ſteigen möchte; je länger

man ihn betrachtet, deſto finſterer ſieht er aus. Seine Schweſter Marie von Guiſe beſchuldigt ihn, Alles an ſich zu reißen. Sein Bruder Aumale empfing nichts von dem Könige, ohne daß Franz darüber betrübt war und ihn deshalb chicanirte. Das Alles ſpricht ſein Geſicht aus.

Der Herzog von Alba.

Der Herzog iſt der Menſch dazu, Alles zu überwinden. Es genügt ein Blick auf ſeine Bilder und die hiſtoriſchen Actenſtücke, um die Herrſchaft zu begreifen, die er ausübte. Er iſt ein mittel⸗ mäßiger Geiſt, aber ſtark durch die Entſchiedenheit in dem gefaßten Entſchluß, durch die Einfachheit ſeiner Anſichten und durch die Leidenſchaft. Daß er das Muſter aller Verfolger geblieben iſt, verdankt er nur der Entſchiedenheit ſeines Haſſes, dieſer vertrat bei ihm den Verſtand und die entſetzliche Ausdauer des Zornes die Stelle des Charakters; ſie verlieh ihm die ſeltene Eigenſchaft, zu jeder Stunde und bei jeder Gelegenheit zu Allem miſchloſſen zu ſein. a.

Literatur.

Die Dresdener Galerie. Geſchichten und Bilder von A. v. Sternberg. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1857..

Das Vorwort ſagt:Oft, wenn ich die Werke der großen Maler betrachtet habe, iſt mir der Gedanke gekommen, ob es denn kein Mittel gebe, dem Verſtändniß, oder wenn ich ſo ſagen ſoll, der Liebe des Beſchauers ein herrliches Gemälde näher zu rücken, als es durch eine Beſchreibung und Erklärung geſchehen kann.