Jahrgang 
01-26 (1857)
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und gräbt und wird noch Hunderte von Jahren graben, bis man die Stätten an das Licht gefördert, die einſt eine mächtige Bevölkerung trugen.

So oft ich den St. Peter betrete, fällt mir ein, daß dieſer ungeheure Bau und ſeine nicht zu erſchwingenden Koſten die erſte Veranlaſſung geweſen ſind, in Deutſchland die Proteſtation hervorzurufen. Ohne Tezel und ſeine Ab⸗ laßzettel, wo wären wir heute? Und wiederum, wohin ſind wir auf dieſem Wege gelangt? iſt die reformirte Kirche eine Kirche zu nennen?

Ich hatte Zeit genug, in dem weiten Raume des St. Peter dieſen Betrachtungen nachzuhängen; denn erſt um zehn Uhr verkündete die Garde der Nobeln, welche aus den Söhnen des herabgekommenen römiſchen Adels zuſammen⸗ geſetzt iſt, die Ankunft des Papſtes, und während ſie, mit ihren glänzenden Helmen und goldbeſetzten Uniformen, ein leuchtendes Spalier in der dichten Volksmaſſe bildeten, zeigte ſich ſchon von ferne her der Baldachin, unter welchem, auf einem Stuhle ſitzend, den ſeine Diener auf den Schul⸗ tern trugen, der Heilige Vater, hoch über der Menge her⸗ vorragend, ſeinen Weg langſam nach dem für ihn am äu⸗ ßerſten Ende der Kirche errichteten Throne fortſetzte.

Dort angekommen, ließ man ihn behutſam den Boden gewinnen, und während er die Stufen hinanſtieg und ſeinen Platz einnahm, reihten ſich die Cardinäle, Biſchöfe und Ordensgeiſtlichen an beiden Seiten auf langen Sitzen hin, eine geiſtliche Corporation bildend, wie ſie nur hier verſammelt werden konnte. Die Geſandten aller Höfe, in reichen Uniformen, ſchloſſen ſich dieſen an, und darüber hinaus ſah man die Königin Chriſtine von Spanien mit ihrem Hofſtaate und die Großfürſtin Olga mit ihrem Ge⸗ mahl, dem Prinzen von Würtemberg. Beide Damen waren ſchwarz gekleidet, mit ſchwarzen Schleiern auf dem Haupte, wie es die Sitte erforderte. Olga ſah ſchön und elegant, aber zugleich blaß und leidend aus. Ob ſie glücklich ſei, wer dürfte das von einer Prinzeſſin fragen wollen?

Rovellen⸗Zeitung.

Der Heilige Vater begann indeſſen die Austheilung ſeiner Palmen, von denen ſämmtliche anweſende Prieſter von dem erſten bis zu dem letzten, ein jeder eine von ihm fordern durfte und dafür, ſeinem Range gemäß, Hand, Knie oder Fuß mit einem Kuſſe zu berühren Erlaubniß hatte. Dies Ceremoniell währte zwei Stunden und war, in ſeiner einförmigen Wiederholung, keineswegs unterhaltend zu nennen. Um zwölf Uhr beſtieg der Papſt endlich wieder ſeinen Stuhl, und wurde hinausgetragen, wie er gekom⸗ men, auf dem Wege ſeine Hand ſegnend über die Menge ausſtreckend, die ihm neugierig zuſchaute. Die ſämmtlichen Cardinäle folgten ihm, um in einer Seitenkapelle am an⸗ dern Ende ihre Kleidung zu wechſeln, und ſo erſchienen ſie denn, als der Zug wieder an meiner Tribüne vorüber kam, in violetten Mänteln, während ſie vorher in den reichge⸗ ſtickteſten Obergewändern geprangt. Alle dieſe Ceremonien haben einen verſteckten Sinn, ſie ſind das Symbol von einem Etwas, das der Laie nicht erräth und, wenn er die Erklärung lieſt, nur halb verſteht und ſchnell vergißt. Andacht ruft ſolch ein Schauſpiel nicht hervor. Und den⸗ noch hört man, daß alljährlich viele Neubekehrte dadurch gewonnen werden! Dieſe Thatſache iſt ſchwer zu be⸗ greifen, wenn man Augenzeuge der Mummereien geweſen iſt, die die Urſache eines ſolchen Uebertrittes geweſen ſind.

Der Heilige Vater hielt jetzt am Hochaltare ein kurzes Gebet und begab ſich dann wieder auf ſeinen Thron, wäh⸗ rend ein alter Kirchengeſang angeſtimmt wurde, deſſen großartige Einfachheit ſeltſam mit dem Pompe vor unſern Augen contraſtirte und zum Nachtheile des letzteren unſere Gedanken auf das erſte Chriſtenthum lenkte, aus deſſen Schooße dieſe Töne hervorgegangen. Die langgehaltenen Töne, welche kein Inſtrument begleitete, hallten weithin durch den unendlichen Raum dieſer größten Kirche der Chriſtenheit. Der Heilige Vater ſaß dort in ſeinem langen rothen, reich mit Gold geſtickten Mantel, die ſpitze Mütze

mit der dreifachen Krone auf dem Haupte, und Tauſende

Typen verdankt, und daß ſich in ſeinem Palaſte und auf ſeiner Tafel in jeder Hinſicht eine europäiſche Eleganz zeigt. Ehe er auf den Thron gelangte, lebte er 27 Jahre in der größten Zurückge⸗

zogenheit und während dieſer Zeit erwarb er ſich die Kenntniſſe, welche ſeine Thronbeſteigung in der Geſchichte Siams zu einer

merkwürdigen und ſehr wohlthätigen Aera machen. Er wurde 1804 geboren und iſt jetzt folglich 53 Jahre alt. Chan Fa Noi, der zweite König ſein Bruder ſcheint eben ſo achtungswerth zu ſein. In Bezug auf denſelben ſagt Sir John Bowring: Mein Umgang mit dem zweiten König war in jeder Hin⸗ ſicht der angenehmſte. Ich fand in ihm einen Gentleman von einem ſehr ausgebildeten Verſtande ruhig, ſelbſt beſcheiden in ſeinen Sitten willig, ſeine Kenntniſſe mitzutheilen, und ernſt in der Aufſuchung von Belehrung. Seine Tafel war eben ſo rein und ordentlich angerichtet, wie in einem gut eingerichteten eng⸗ liſchen Hauſe. Ein Lieblingskind ſaß auf ſeinen Knieen, deſſen Mutter an der Thür des Zimmers ſich niederkauerte, doch keinen Antheil an der Unterhaltung nahm. Der König ſpielte ſeinen

Gäſten auf den Pfeifen der tragbaren Laosorgel ſehr hübſche Me⸗

lodien vor. Er beſitzt ſehr verſchiedene muſikaliſche Inſtrumente; es gibt dort eine Menge nationaler Spiele und Zeitvertreibe, Reiterkünſte, Elephantenkämpfe und andere Beluſtigungen. Was

aber dem König das meiſte Intereſſe zu gewähren ſchien, das war

ſein Muſeum von Modellen, nautiſchen und philoſophiſchen

Inſtrumenten und eine Menge von wiſſenſchaftlichen und andern Merkwürdigkeiten. Dieſe beiden Könige regieren ein Jeder in ſeinen beſtimmten Grenzen in vollkommener Harmonie. Dieſe doppelte Monarchie iſt in Siam eine ſehr alte Einrichtung und bei dem Volke ſehr populär.

Nach dem Berichte des Verfaſſers ſind die Siameſen eine ſehr liebenswürdige und einſichtsvolle Race, die in Allem, was die geſelligen Einrichtungen betrifft, einen hohen Grad der Civi⸗ liſation erreicht hat.

Das ſiameſiſche Volk bekennt ſich zum Buddhismus und ſcheint demſelben mit Liebe anzuhängen, ohne jedoch bigott zu ſein. Sie laſſen ſich mit unſern Miſſionären willig in religiöſe Streitfragen ein und zeigen in ihren Beweisgründen einen großen Scharfſinn. Der Verfaſſer erzählt:

Ich fand die Siameſen gar nicht abgeneigt, religiöſe Fra⸗ gen zu beſprechen, und das allgemeine Reſultat der Beſprechungen war:Ihre Religion iſt ausgezeichnet für Sie, und die unſrige iſt ausgezeichnet für uns. Alle Länder erzeugen nicht die näm⸗ lichen Fruͤchte und Blumen und wir finden, daß für die verſchie⸗ denen Nationen auch verſchiedene Religionen paſſend ſind. Der jetzige König iſt ſo tolerant, daß er 3000 Sclaven(Kriegsgefan⸗ gene) hergab, um von den katholiſchen Miſſionären in der Re⸗ ligion unterrichtet zu werden, wobei er ſagte:Aus dieſen Leuten mögen Sie Chriſten machen...

Der katholiſche Biſchof Pallegoix, der ein großer Günſtling des Königs iſt, berichtet einige Unterhaltungen, die er mit dem erſten Könige gehabt hat und die dem liebevollen Geiſte deſſelben Ehre machen. Er ſagte: 2

Verfolgung iſt gehäſſig; Jedermann muß es frei ſtehen, ſich zu der Religion zu bekennen, die er vorzieht. Zugleich fügte er hinzu:Wenn Sie irgendwo eine gewiſſe Zahl Leute bekehren, ſo laſſen Sie mich es wiſſen, daß Sie das gethan haben; ich

werde denſelben dann einen chriſtlichen Gouverneur geben und ſie

ſollen nicht von ſiameſiſchen Behörden beläſtigt werden. 26.

IIII. Jahrg.

Nr

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