Jahrgang 
01-26 (1857)
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Mein armer, guter Theodor! rief Malchen und um⸗ halſete zärtlich den weinenden Clarinettiſten.Du biſt viel, viel beſſer als ich. Während ich daheim an meinem Stick⸗ rahmen ruhig ſitze, mußt Du Dich auf offener Straße und in gemeinen Schenkhäuſern herumtreiben, mußt Deine Lunge anſtrengen, Dich verhöhnen und beſchimpfen laſſen, den Schlaf Dir verſagen und in roher Geſellſchaft verweilen.

Das Opfer, das Du bringſt, iſt tauſendmal größer als das

meinige.

Still, Malchen! verſetzte Theodormache mich nicht ſchamroth, oder ich laufe davon.

Ich ſtand ſchon lange und winkte Dir von fern fuhr Malchen fort.Saheſt Du mich denn nicht längſt ſchon?

O ja! bekannte Theodorallein ich ſchämte und fürchtete mich vor Dir.

Armer Theodor! Auch ich dachte in die Erde verſinken zu müſſen, wie ich Dich ſo unvermuthet als Muſikant er⸗ kannte. Anfangs glaubte ich, nur ein Trugbild vor mir zu ſehen, bis ich zuletzt meiner Sache ganz gewiß wurde. Sage mir, wie Du ein ſolches Leben ertragen kannſt?

Das will ich Dir ſagen, Malchen! Wenn ich Muſik machen muß, ſei es nun auf der Straße oder in einer Schenkwirthſchaft, ſo blicke ich unverrückt auf meine Clari⸗ nette oder auf mein Notenblatt nieder. In meinen Ge⸗ danken aber ſitze ich entweder bei unſrer Mutter am Bette, oder bei Dir am Stickrahmen, oder auch an des Vaters Grabhügel. Dann ſehe und höre ich nichts Schlechtes mehr um mich. Freilich wäre es am Ende beſſer, wenn wir alle Drei ſchon todt und im Himmel bei dem Vater wären. Nun, ewig kann ein ſolches Leben auch nicht dauern, und vielleicht löſet mich und die Mutter unſer Herrgott bald ab von dieſer Erde und ihrem Weh. Dann findet ſich eher für Dich ein braver Mann herzu, der jetzt ſich an mich einfältigen Töl⸗ pel von Bruder und an unſere gelähmte Mutter ſtößt.

Sprich nicht ſo, Theodor weinte Malchen wenn Du mir nicht das Herz vollends zerreißen willſt.

Hier haſt Du fuhr Theodor fortwas ich heute ſchon verdient habe: 6 Silbergroſchen und acht Pfen⸗ nige. Thue Dir und der Mutter eine Güte damit, ver⸗ ſchweige ihr aber ja, was Du mich haſt hier treiben ſehen. Es wäre ihr Tod, wenn ſie es erführe. Auch Du ſollteſt es mit meinem Willen nie zu wiſſen bekommen. Um unſerm ehrlichen Namen keine Schande anzuthun, habe ich mir einen falſchen beigelegt. Jetzt aber bitte ich Dich inſtändig, daß Du künftighin nie wieder auf der Straße thuſt, als kennteſt Du mich.

(Schluß folgt.)

Reiſebriefe dvon Ameſy Bölte.

1. Nom im April.

Die heilige Woche begann mit leuchtender Sonne und tief blauem Himmel, damit auch in dem Bezug einem Feſte nichts abgehe, welches die erſte Hierarchie der Welt mit Pomp zu begehen ſich zur Pflicht machte. Die Kirche von St. Peter, deren Räumlichkeit groß genug iſt, um ein Heer zu faſſen, füllte ſich ſchon bei grauendem Tage mit Menſchen aus allen Ländern der Erde und den verſchie⸗ denſten Ständen. Tribünen hatte man auf jeder Seite des Hauptaltares errichtet, auf denen die erſten Damen der

Geſellſchaft ihren Platz einnehmen ſollten, und ſchon ſeit.

Wochen waren von allen Seiten an die Geſandten der verſchiedenen Länder Geſuche um Eintrittskarten ergangen.

ig Jahren gehört und jetzt wieder nach Berlin kam, ſtaunte, Mantius noch immer auf der Bühne zu finden. Wie viele Hel⸗ dentenore, wie viele lyriſche Tenore ſind nach ihm aufgetaucht und verſchwunden; die Mitwelt iſt leider nur zu häufig über alle Maßen undankbar, wie konnte es fehlen, daß der Name Man⸗ tius außerhalb Berlin wie der Name eines längſtverlornen Be⸗ kannten klang! Ob denn das noch derſelbe Mantius ſei, den er in ſeinen Jünglingsjahren denTamino ſo bezaubernd ſchön habe ſingen hören, fragte mancher dicke Gutsbeſitzer aus der Provinz, einen Blick des Zweifels auf den Theaterzettel werfend, und fügte auch wohl einach Mantius, Mantius hinzu, als bedaure er, daß die Zeit über des Sängers Haupte ihr Rad nicht noch ſchneller geſchwungen!

Mantius war anfänglich für einen ganz andern Lebenslauf als den eines Opernſängers beſtimmt. Er hatte Jura ſtudirt und war bereits, irren wir nicht, bis zum Auscultator hinaufgeſtiegen, als er durch ſeine friſche, wohlklingende Stimme eines Tags bei einer Waſſerpartie auf der Havel, bei der der Geſang nicht fehlte, das regſte Intereſſe des verſtorbenen Königs, Friedrich Wilhelm III., wach rief. Zu einem Wechſel ſeines Berufes dringend aufgefor⸗ dert, gab er nach und betrat im Sommer 1830 zum erſten Male die heißen Breter des Berliner Opernhauſes, alsTamino in der Zauberflöte debütirend. Obwohl ihn Anfangs leichterklärliche Befangenheit an all' und jeder Entfaltung ſeiner Stimme hinderte und von demZu Hülfe, zu Hülfe faſt nichts vernehmbar war, ſo ſiegten doch bereits in der erſten Arie(Dies Bildniß iſt bezau⸗ bernd ſchön) die Stimmmittel dermaßen, daß man dem Debü⸗ tanten zu der glänzenden Carriere eines erſten Tenoriſten gratu⸗ liren konnte.

Nach einer heftigen, ſicherlich durch die außergewöhnlichen Gemüthsbewegungen hervorgerufenen Krankbeit trat er mit dem Jahre 1831 in den Kreis der königlichen Opernſänger und hat ſeitdem über ſechsundzwanzig Jahre namentlich in der erſten Hälfte ſeiner Laufbahn mit dem glänzendſten Erfolge als erſter Tenoriſt gewirkt.

Mantius iſt, wie die Mehrzahl der Tenoriſten, von kleiner Figur, äußerlich weder über Ander in Wien, noch Roger hervor⸗ ragend, mit denen er es hinſichtlich der Stimmkraft auch in ſeiner Blüthezeit ſchwerlich hätte aufnehmen können. Zum eigentlichen Heldentenor, wie ihn die neuere Oper, namentlich von Meyerbeer, bedarf, fehlte ihm außer der Perſönlichkeit auch das durchgreifende Material der Stimme. Ja die älteren Leute, welche ſich an die. erſte Zeit ſeiner Bühnenwirkſamkeit noch ſehr wohl erinnern kön⸗ nen, behaupten, er habe die Stimmkraft gleich in den erſten Jahren durch Uebernahme einiger zu heroiſcher Partien weſentlich gebrochen.

Das eigentliche Feld ſeiner Thätigkeit war demnach die lyriſche und die Spieloper. Dort entfaltete er beſonders in den beiden Rollen desTamino und desFloreſtan all ſeine Ge⸗ ſangskunſt, hier glänzte er durch ſein muntres und, wenn auch nicht immer, doch größtentheils höchſt charakteriſtiſches Spiel vor⸗ zugsweiſe alsGeorges Brown inDie weiße Dame und als Poſtillon von Lonjümeau. 3

Aber man glaube ja nicht, daß Mantius bei ſeinen hervor⸗ ragenden Mitteln Alles von ſelbſt zugefallen ſei. Was er gewo⸗ den, ja daß er ſo lange ſich auf den Bretern hat behaupten 4 nen, verdankt er nur dem jahrelangen Fleiße, den er der⸗ 76 des Geſanges unabläſſig widmete. Auch er hat den W n

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Novellen⸗Zeitung. III. Jahrg.

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