Jahrgang 
01-26 (1857)
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Die ſſiegende Napelſe.

Eine Erzählung von

Guſtav Nieritz.

Bevor Du zu Deinem Advocaten gehſt, Theodor ſprach die durch Gichtleiden ans Krankenlager gefeſſelte Regiſtratorswitwe Sohrmann zu ihrem achtzehnjährigen Sohneſo laß Dich beſehen, ob Du ordentlich ange⸗ zogen biſt. Ihr jungen Leute kümmert euch in der Regel wenig darum, ob die Halsbinde ſchief ſitzt, ob Vorhemd⸗ chen und Hals noch weiß genug ſind. Auf Ehre und Re⸗ putation aber muß ſelbſt der Aermſte halten. Schau', Malchen, fuhr ſie zu ihrer zwanzigjährigen Tochter fort, wie ſchmuzig Theodor's Halskragen ausſieht! Binde ihm doch einen weißen um.

Malchen holte aus einem Commodenfache einen blen⸗ dendweißen ſtark geſteiften Hemdenhals hervor, mit welchem ſie ihren Bruder ſchmückte.

So! lobte die Mutternun ſiehſt Du noch kinmal ſo ordentlich und hübſch aus. Nur etwas mehr Farbe ſollte Dein Geſicht haben.

Theodor lächelte mild und hauchte einen Kuß auf den mütterlichen Mund. Von der Schweſter begleitet, die hin⸗ ter ihm die Thüre verſchließen ſollte, verließ Theodor das Dachſtübchen. Draußen lüftete er raſch die Halsbinde, hand den erſt angelegten Hemdenhals wieder ab und hän⸗ digte ihn der Schweſter ein, die ihn in ihre Taſche barg nd zum Bruder ſeufzend ſprach:

Theodor, bitte doch Deinen Herrn Advocaten, daß er Dir Deinen Lohn auf dieſe Woche vorausbezahlt. Nur noch Pfennige beſitze ich in meinem Vermögen. In zwei Ta⸗ Vean erſt wird meine Stickerei fertig und ſo lange reiche ich

mit den paar Pfenaagen nicht aus.

Ich will's verſuchen verſetzte Theodor kleinlaut, jwäh⸗ nend eine matte Röthe über ſein bleiches Antlitz glitt. Thue Dein Möglichſtes, guter Theodor! bat Malchen. Doch was haſt Du da unter Deinem Rocke? Meine Clarinette antwortete der Jüngling.

Ich fuhr er ſtockend fortwollte ſie verſetzen

ſfer verkaufen, im Fall, daß mein Herr mir nichts vor⸗ jießen würde.

Nicht verkaufen ſagte Malchen eifrighöch⸗ M s verſetzen. Die Clarinette war unſers ſeligen Vaters V Ickenpferd und ſeither noch Deine einzige Freude. Alſo:

tverkaufen, hörſt Du? Aber wirſt Du denn wieder ſo d in der Nacht erſt heimkommen, wie geſtern? Das

Novellen-Zeitung.

kann doch nimmermehr geſund ſein, ſo lange am Schreib⸗ tiſche und über den Acten zu ſitzen! Hat denn Dein Herr gar ſo dringende Arbeit?

Je nachdem ſich's trifft erwiderte Theodor und darum kann ich nicht voraus beſtimmen, wann ich heimkehren darf.

Theodor ging, doch nicht zu dem Advocaten, bei welchem er früher um Lohn geſchrieben hatte, ſondern in die unan⸗ ſehnlichſte Gaſſe einer weitentlegenen Vorſtadt und daſelbſt in ein Haus, über deſſen einem Parterrefenſter ein hölzernes Schild mit einem gemalten Stück Karpfen, einem über⸗ ſchäumenden Bierglaſe und einer Branntweinflaſche die Vorübergehenden in eine Schenkſtube einlud.

In der letzteren befand ſich da es noch früh war niemand weiter, als ein Schenkmädchen, welches die Tiſche abwuſch.Was beliebt? fragte es, ohne von ihrer Arbeit aufzuſehen, den eintretenden und höflich grüßenden Jüngling.

Nichts, gar nichts! verſetzte Theodor, indem er Platz hinter einem Tiſche nahm.

Nichts? nichts? erwiderte die Magd verwundert und blickte den ſonderbaren Gaſt jetzt erſt an.

Wir wollen ja hier Probe halten ſprach Theo⸗ dor und zog ſeine Clarinette hervor.Kennen Sie mich nicht, Chriſtel?

Ach ja, ich beſinne mich nun! entgegnete die Magd und würdigte den Jüngling weiter keines Blicks oder Wortes mehr. Theodor unterſuchte ſeine Clarinette und ſetzte ſie in blaslichen Stand, dann vertiefte er ſich in das Leſen eines daliegenden Tageblattes.

Nach einer Weile fand ſich ein zweiter Gaſt ein, welcher der Gegenfüßler des erſten war. Wenn Theodor in ſeinem ſchwarzen Fracke, mit ſeinen erbsfarbenen Pantalons, mit der leichten Deckelmütze auf dem lichtblonden Haupthaar und dem jugendlichen Antlitz darunter den Frühling vor⸗ ſtellte, ſo war der neue Gaſt ein Bild des Winters, ſowohl dem Alter wie der Kleidung nach. Die letztere beſtand in einem alten Oberrock, über welchen die Fragmente eines lichtgrauen Mantels hingen, in engen Beinkleidern, deren untere Enden in Gamaſchen ſteckten in einem Schuhpaare, durch welches die große Zehe des rechten Fußes verſtohlen hervorlugte, und in einem alten niedergekrämpten Hute, den ein breites Schnallenband umgab. Das Alter des Mannes war über die Mitte der ſechzig hinaus, ſein Auge grau, matt und von geiſtloſem Gepräge. Dagegen bogen ſich ſeine Lippen muldenförmig in der Mitte nach unten, wie die Weintrinker beim Weinproben zu thun pflegen.

Für einen Silbergroſchen Nordhäuſer! hob der Alte zum Schenkmädchen an.Aber raſch! denn der Mor⸗