Jahrgang 
01-26 (1857)
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Dritte folge. 5 291

Rr. 19.]

(lll. Jrg

Novellen-Zeitung.

Die Fremden im Val d'Ilier.

4 Aus dem Reiſe⸗Tagebuche einer Dame.

(Schluß.) 4. Der Berliner als Gemsjäger.

Fünf wirkliche Gemſen auf einmal zu ſehen! welch Glück für einen Touriſten ſelbſt ohne notoriſchen Sei⸗ tenblick auf die davon zu erhoffenden Braten! Zwar waren es nur todte, die da auf der Hausflur des Hôtel de la Dent du Midi hingeſtreckt lagen, umgeben von einem dich⸗ ten Kreis theilnehmender Beſchauer, die aus allen Zimmern herbeigeeilt waren und in allen Zungen ihr Bedauern über dieſen Anblick ſo lebendig ausſprachen, daß die ſonnen⸗ hraunen Gemszäger in Ledergamaſchen, die in der Thür des Hauſes lehnten und mit vielem Stolz um ſich ſchauten, ſehr verhärteten Herzens ſein mußten, wenn ſie nicht wirk⸗ lich in ſich gingen und ihre ſchwarze That bereuten. Da lagen ſie nun die ſcheuen Kinder der Felsklippen, noch jetzt das zierliche Haupt mit der ihnen eigenthümlichen Grazie gewendet, und ließen ſich bewundern und ſtreicheln. Zeſonders erregte das kleine, noch ganz ungeſchickt aus ſehende Gemszicklein, welches neben der todten Mutter lag, ſine beſondere Theilnahme und gerechte Entrüſtung über die Jäger, die trotz dem, daß die Jagd noch geſchloſſen war, alles geſchoſſen hatten, was irgend Lebendiges ihnen in den Weg gekommen war; die Murmelthiere und die Schneehühner hätte man ihnen noch hingehen laſſen, aber las arme Kleine? nein!S war eben a Glück wie's Einem in Jahren nich paſſirt, ſagten die Leute,in drei Tagen fünf Gemſen! man muß es nehmen wenn man's jnd't!Aber, lieben Leute, wenn's verboten iſt? wandte ein gewiſſenhafter Norddeutſcher ein.Hm, die Polizei kann uns Nichts thun, meinten Jene, ſchlau mit den Augen blinzelnd,denn die Thiere ſind oben auf den Gletſchern von Savoyen geſchoſſen. Da nun in beſagten Diſtricten kein Grenzzoll oder Steueramt exiſtirt, auch ſlbſt die feinſte jagdpolizeiliche Spürnaſe keinen Unter⸗ ſhied zwiſchen einer königl. ſardiniſchen und republikaniſch⸗ walliſiſchen Gemſe zu machen vermöchte, ſo gehen die Wild⸗ feevler freilich ungeſtraft aus, bis dereinſt das ganze Ge⸗ ſolecht der Gemſen ausgegangen ſein wird.

War jener blonde, ſchlanke junge Mann, mit ebenfalls

ſor ſonnverbranntem Geſicht, in ähnliche düſtre Betrach-

tungen über ſolche drohende Zukunft verſunken, untergeſchlagenen Armen und finſterm

die braunbepelzten Opfer menſchlicher Habſucht anſtarrte, trotzdem die Uebrigen dem Ruf der Tiſchglocke folgten, die zum Thee läutete? Er ſchien mit einem Entſchluß zu kämpfen und ſchaute prüfend die beiden kräftigen Geſtalten der Gemsjäger und ihre Mienen an.Hier oder nie! ſagte er endlich energiſch zu ſich ſelbſt und knöpfte ſeine grüne Jagdpikeſche bis ans Kinn zu, als ſei er nun be⸗ reit, ſagte den Männern, daß er ſie nach Tiſch ſprechen wolle, und ging mit einem Male wieder frohen Blickes und ſtolz aufgerichteten Hauptes in den Eßſaal.Nun, ich bin wahrhaft froh, daß Sie ſich endlich von Ihren todten Lieblingen getrennt haben, Baron! Sie ſahen ja eben da draußen ſo verzweifelt und melancholiſch aus, wie etwa ein unglücklicher Liebhaber auf der Bühne ſagte ſeine Tiſchnachbarin freundlich und ſetzte ihm die Theekanne hin. Da haben Sie recht ins Schwarze getroffen, Gnädigſte! Ha, eine unglückliche Liebe iſt's; eine wahre Leidenſchaft die blonde Miß ihm gegenüber verſenkte ihre Blicke tief in das Muſter ihres Deſſerttellerstreibt mich nun ſchon Wochen, ja Monde lang umher und nimmt täglich zu, verſetzte der Baron Buchwald mit ſteigender Lebhaftigkeit, aber jetzt hoffe ich am Ziele zu ſein! Die Miß rückte den Stuhl und verſchwand; der Baron hatte jedoch keines⸗ wegs ſie gemeint, als er einen ausdrucksvollen Blick über ſie hinweg nach der Dent du Midi warf, die zum Fenſter herein ſchauete.So darf man alſo gratuliren? fragte ſeine Tiſchnachbarin etwas verlegen, eine ſo zarte Herzens⸗ angelegenheit mit ſo viel unnöthiger Offenheit behandeln zu hören.Gratuliren? ſuhr der junge Mann faſt heftig auf, indem er den Thee in die Zuckerſchale goß, und winkte wie abwehrend,nein, Gnädigſte, gratuliren Sie mir erſt, wenn ich ſie wirklich geſchoſſen haben werde.

Geſchoſſen? wen denn? frug nun ihrerſeits entſetzt die Dame und nahm dem Zerſtreuten die Theekanne weg.

Nun, die Gemſe, wonach all' mein Sinnen und Trachten geht! rief der eifrige Nimrod und ſtimmte dann ſelbſt mit in das herzliche Gelächter der Anderen ein. Aber Sie haben doch Recht gehabt, Gnädige, mit der Anſpielung auf eine unglückliche Liebe, es iſt aber noch ärger als das; denn ſehen Sie, ich glaube kaum, daß ich für ein Mädchen, und wär's ein Engel, ſo viel Mühe und Noth ertrüge, als ich ſchon um den Wunſch, in den ich nun einmal verliebt bin, ertragen habe.

Sie Unartiger! mahnte die Dame den mittheilſamen Landsmann aus Schleſien, der nun ein klägliches Bild ſeiner bisherigen Jagdverſuche auf dies edle Wild vor ihr ent rollte. Gewiß ein ſchweres Bekenntniß für einen ſo tüch⸗

daß er mit tigen Jäger, als Baron Buchwald daheim in den Forſten Blick noch immer ſeines Vaters ſich rühmen durfte zu ſein.