Jahrgang 
01-26 (1857)
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Vorliebe zeigte, ſich mit dem Seelenheile ſeiner Patienten zu beſchäftigen. Jene Schriftchen wurden in alle Hütten des Thales bis in die entlegenſten der Berge vertheilt und mit Gaben aller Art, und zwar durchaus ungeiſtigen, ge⸗ würzt und annehmbar gemacht, wobei es an Bemerkungen über den Curé und die Heiligen, oder was dahin gehört, nicht fehlte. Die Leute nahmen meiſt die Gaben und guten Dinge, ließen die Bücher ungeleſen und brachten ſie all⸗ mählich zu ihrem Pfarrer, der am Schluſſe der Saiſon kaum mehr wußte, wo er ſie alle laſſen ſollte.

Den Deutſchen widerſtrebte dieſer engherzige religiöſe Parteigeiſt und ſie ſuchten ſich außerhalb eines ſolchen Treibens zu halten, das ihnen natürlich dieſen Aufenthalt in den freieren Bergen minder angenehm machen mußte, als ſie es ſich daheim wohl poetiſch genug ausgemalt haben mochten. Wie es ſo oft im Auslande geſchieht, ward auch hier den Deutſchen, und namentlich den Proteſtanten unter ihnen, eine große Lauheit in religiöſer Hinſicht vorgeworfen. Allerdings iſt der Grundcharakter derſelben wenig geeignet zu engherziger Intoleranz oder fanatiſcher Bekehrungs⸗ ſucht. Nicht aber etwa Phlegma oder Mangel an reli⸗ giöſem Gefühl iſt der Grund dazu denn wer wollte dem Deutſchen das warme, lebendig empfindende Gemüth ab⸗ ſprechen? Nein, es liegt in der philoſophiſch⸗ſpeculativen Richtung ſeines Geiſtes, die Dinge ſelbſt gern von allen Seiten zu betrachten, daß er auch der freien Entwicklung von Anſichten und Ueberzeugungen Anderer vollen Spiel⸗ raum gewährt.

Unſere Landsleute alſo hielten ſich neutral; die Herren⸗ verließen gern am frühen Morgen das Höôtel und über⸗ ließen das Amt des Vermittelns den Damen, wozu es dieſen auch durchaus nicht an Gelegenheit fehlte; denn alle Augen⸗ blicke ward irgend ein unbedeutender Actus des täglichen Lebens zur Parteifrage erhoben. Vertheilten die Fran⸗ zöſinnen Näharbeit, um eine arme katholiſche Familie mit Kleidern zu bedecken, ſo verweigerte ſicher die alte Lady

Novellen⸗

zeitung.[III. Jahrg.

ſelbſt die Mitwirkung ihrer Jungfer dazu; bot dagegen die proteſtantiſche Partei ihre Hülfe zur Krankenpflege, na⸗ mentlich eines ſchwer verwundeten Burſchen aus dem Dorfe an, den die soeur grise unter ihre Obhut genommen hatte, ſo ſah man darin nur das Beſtreben, der Kirche eine Seele abwendig zu machen, und wies es ſcharf zurück; ja die ho⸗ möopathiſche Doctorin hätte am liebſten verſucht, die ver⸗ letzte Arterie am Kopfe des Burſchen mit einigen Streu⸗ kügelchen und Amuletten zu heilen, um nur den verhaßten methodiſtiſchen, allopathiſchen Collegen los zu ſein.

Uin ſo waren der kleinen, aber kränkenden Reibungag, die ſich Bin in den Eßſaal der Jungfern und Bonmu K ſtreckten, kein Ende! 4

Natürlich mußte dieſer im Innern des Penſionshauſes wuchernde Same der Zwietracht auch nach Außen hin ſeine Früchte tragen: dem durch die methodiſtiſche Pro⸗ paganda angegriffenen Pfarrer blieb nur Beichtſtuhl und Kanzel zur Vertheidigung; und bald erſchallten im Hauſe des Herrn donnernde Worte vonKetzer,wandelnden Wölfen in Schafskleidern u. ſ. w. Allmählich wur⸗ den die freundlichen Grüße der zutraulichen Bewohner des Dorfes ſeltener und kälter, wenigſtens für Alle, die an dem großen Crucifix vor der Kirche vorüber gingen, ohne es zu grüßen.Etes vous de la bonne réligion?« fragte eine alte Frau, die in den Bergen vor ihrer Hütte ſaß, einen verirrten Wanderer; und auf deſſen Antwort, daß ſeine Religion eine gute, wenn auch nicht eben die katholiſche ſei, bedachte ſich die Alte erſt eine Weile und ſagte dann endlich, als ſei ſie nun mit ihrem Gewiſſen im Reinen: e'est égal, den Weg muß ich Ihnen doch noch zeigen! und wies ihn zurecht.

Zu Anfang des Sommers fand man es ganz in der Ordnung, daß öfter an Sonntagen irgend ein proteſtan⸗ tiſcher Geiſtlicher aus Waadt oder Genf ſich einfand, um in einer großen, leeren Manſarde einen einfachen Gottes⸗ dienſt zu halten; und auch die Deutſchen nahmen gern

ter mit Geldforderungen beſchwerlich zu fallen. Es gehörte Kunſt dazu, wenn ein Bombardier, der doch etwas auf ſich halten mußte, mit ſeiner Löhnung auskommen ſollte; der Kanonier, der arbeiten durfte und ſich etwas verdienen konnte, war beſſer daran. Von der jetzt üblichen Menage⸗Einrichtung, wodurch⸗ den armen Sol daten der Unterhalt ſo ſehr erleichtert wird, wußte man damals

wo man fuͤr einen guten Groſchen eſſen konnte. Die Inhaber ſolcher Anſtalten, gewöhnlich alte Soldaten, hießen Knapphänſe; auch auf den Wachen waren dergleichen. Der Name war ſehr paſſend, denn es ging in der That ſehr knapp bei ihnen zu.

und mancher junge Volontair aus gutem Hauſe wurde oft ein Märtyrer ſeiner Eitelkeit, wenn er ſich etwa einfallen ließ, mit feinern Unterkleidern, als geliefert wurden, im Dienſte zu erſchei⸗ nen. Der Pedantismus des Zopfregiments ſtand damals noch in voller Blüthe, die gehörige Länge des Zopfes war eine wichtige

Angelegenheit, und wehe dem Unterofficier, wenn ein Soldat ſei⸗ noch nichts; doch gab es in den Caſernen Privat⸗Speiſeanſtalten,

ner Corporalſchaft nicht genau nach dem Reglement friſirt und angezogen war. Bei großen Revüen wurde die ganze vorher⸗ gehende Nacht mit Friſiren und Zopfmachen zugebracht, und der

Soldat, der gehörig zubereitet und gepudert war, durfte ſich nichte

1 8 1 Die Bombardiere mußten damals auch Wachdienſt thun

und Schildwache ſtehen. Das Schildwachſtehen war für mich etwas Entſetzliches, und ich erinnere mich noch mit Schaudern meiner erſten Wache am erſten Weihnachtsfeſte bei einer außer ordentlichen Kälte, gegen welche der preußiſche Soldat damals ſo wenig geſchützt war, weil der Mantel noch kein Stück ſeiner Be kleidung bildete. In den Schilderhäuſern hingen zwar ſogenannte Wachtmäntel, ſie waren aber gewöhnlich ſo kurz abgetragen und zerriſſen, daß ſie wenig Schutz gegen die Winterkälte gewährten; daher kam der Fall nicht ſelten vor, daß man Schildwachen auf ihren Poſten erfroren fand.

Unter dieſen Umſtänden wird man ſich nicht wundern, daß mir Stunden des Mißmuths kamen, in denen ich die übereilte Wahl des Soldatenſtandes als einen dummen Streich bereute, und die damals noch üblichen barbariſchen Strafen, Stockſchläge und Spießruthenlaufen, waren eben nicht geeignet, dieſen Stand in einem roſenfarbenen Lichte erſcheinen zu laſſen. Die Bombar⸗ diere ſtanden zwar nicht unter dem Stocke, aber unter der Fuchtel,

niederlegen, um nicht ſeine Friſur in Unordnung zu bringen. Die Grobheit, womit Untergebene von ihren Vorgeſetzten behandelt wurden, gehörte gewiſſermaßen zum Dienſt, und ſelbſt Stabs⸗ officiere mußten ſich ſcharſe Verweiſe von Höhergeſtellten gefallen laſſen. Wer ſich dieſes grobe und barſche Weſen nicht zu eigen machen konnte, galt für einen ſchlechten Officier; daber auch Scharnhorſt, der um dieſe Zeit aus dem hannoverſchen in den preußiſchen Dienſt übertrat, wegen ſeines ſanften, humanen Charakters mit der Kategorie eines ſchlechten Soldaten bezeichnet wurde.. Blumröder hält alle Mühſeligkeiten geduldig aus und

bringt es endlich auch zum Officier. Er machte den Feldzug von 1806 mit, gibt einige Hindeutungen auf die damaligen Unredlich⸗ keiten in der Militärverwaltung, mußtte ſich in der Feſtung Ha⸗ meln einer jener unbegreiflichen Capitulationen unterwerfen und retirirte, als Kriegsgefangener auf Ehrenwort, zum Oheim nach Arnſtadt. Der preußiſche Officier a. D. wird nun Schulmeiſter und Hauslehrer und als ſolcher von ſeinem Patron, Geheimrath, v. Weiſe in Sondershauſen, wieder in den Officierſtand, und

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