Jahrgang 
01-26 (1857)
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Dritte

Franzöſin dem Dienſtbefliſſenen ihrerſeits, um es wieder ſchließen zu laſſen, wobei ſie einen Blick des Triumphes nach jener alten Dame ſandte. Doch ſo leicht war die ſtolze Britin nicht beſiegt. kommen, um die friſche Bergluft zu genießen, und zahlte

dafür täglich ihre 4 Francs! es war alſo eine Beeinträch-

tigung ihrer Rechte, und ſie beauftragte mit entſchiedenem Ton ihren Nachbar, den tapfern Major Hiburne, mit dem Lüftungsproceß. Kaum aber holte ſie erleichtert Athem, ſo hielt jene ihr Tuch vor das Geſicht und verließ mit unzweideutigen Zeichen des Unmuths das Gemach. Ein

leichtes Lächeln auf den Geſichtern, welches ihr folgte, war für's Erſte der einzige Commentar zu dieſer kleinen Scene,

die ſich faſt täglich mit den verſchiedenſten Variationen er⸗ neuerte.

Dem grünen Salon neben dem Eßſaal gaben Sopha's und Lehnſtühle, ja ſogar eine Menge Newspapers, dem engliſchen Traveler ganz unentbehrlich, ein ziemlich com⸗ ffortables Anſehn. chen lag auf einem der Sopha's graziös hingegoſſen, wie in ihrem Boudoir in Paris, unbekümmert um das offene Fenſter in ihrer Nähe; ſie ſchien ganz vergeſſen zu haben, daß ſie eigentlich Zahnweh habe, und geſtattete ruhig einem Polen den unbeſtrittenen Genuß der Abendluft.

Nur ein kleiner Theil der Geſellſchaft pflegte den Sa⸗ lon zu beſuchen; die Einen waren müde heimgekehrt von ihren Wanderungen, oder rüſteten ſich zu einem Ausflug, indeß die Mehrzahl, engliſche und genfer Methodiſten, ſich zu ihrem Abendgottesdienſt vereinigte.

3. Die Rivalität der Confeſſionen.

Nach einigen Tagen Aufenthalts unter dem Dache der Dent du midi hatten die Neuangekommenen manche kleine Scene obiger Art beobachtet, manches anzüglich-ſcharfe

Sie war ja expreß hierher ge⸗

Das allerliebſte franzöſiſche Trotzköpf⸗

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Wort gehört und überhaupt manches Anzeichen einer tie⸗ fen Spaltung unter den Bewohnern des Hauſes wahr⸗ genommen: confeſſionelle Antipathien waren es, die wie ein dunkler Faden ſich durch alle geſelligen Beziehungen hindurch zogen und die Unduldſamkeit der reſp. Parteien gradehin bis zur Leidenſchaftlichkeit ſteigerten. Der Wirth kam dadurch nicht ſelten in große Verlegenheit: hatte er die katholiſche Partei, die am Curé und an der ganzen Be⸗ völkerung ihre Stütze, ſo wie an der Pariſerin ihr Organ beſaß, kaum mit Verſprechungen und Betheuerungen be ruhigt, wie z. B. den tapfern Major Hiburne aus dem Hauſe zu ſchaffen, ſo ließ ihn eben derſelbe Major gleich darauf zu ſich rufen und drohte ihm, das neue Etabliſſe⸗ ment von Chambéry in dem unfehlbarenMurray oder

irgend einem engliſchen Journale zu vernichten, wenn er ihm und ſeinen Freunden nicht nach Willen thue.

Die katholiſche Partei, meiſt aus convertirten Eng⸗ länderinnen, Franzoſen und Polen beſtehend, zählte eine ſehr gewandte Frau zu ihren Gliedern, die, eine Art soeur grise, ſich anſcheinend voll Demuth nur mit barmherzigen Werken beſchäftigte, bei der Gegenpartei aber für einen weiblichen Jeſuiten galt. Sie führte eine unerſchöpfliche homöopathiſche Apotheke mit ſich, aus welcher ſie mit vieler Unfehlbarkeit den Thalbewohnern, die eigentlich jedes ärzt⸗ lichen Beiſtandes entbehren, ſehr freigebig ſpendete. Da bei war allerdings die beſte Gelegenheit, den Leuten auch zugleich etwas an den Gewiſſenspuls zu fühlen, um zu er⸗ fahren, ob ſie noch gute Katholiken ſeien, ſo wie jede von der Gegenpartei angelegte Mine durch eine Gegenmine un ſchädlich zu machen.

Die evangeliſchen Miſſionaire Albions und Genfs iihrerſeits waren dagegen mit ganzen Kiſten voll Bibeln V oder Tractätchen gegen den im Valais herrſchenden Katho⸗ 1

licismus ausgerüſtet und erfreuten ſich ſogar eines jungen, friſch promovirten, wahrhaften Doctors, der ſeinerſeits ein gefährlicher Rival der Franzöſin war und eine beſondere

ſeiner ganzen Weltanſchauung zu-⸗Grunde liegt, können wir nicht

unterlaſſen, aus der Schilderung ſeines Kindheitslebens hier an⸗ ſuführen. Er erzählt auf den erſten Seiten:Die Methode mei⸗ jer guten Mutter, mir üble Gewohnheiten abzugewöhnen, möge plgendes kleine Beiſpiel anſchaulich machen. Ich war als kleiner Junge ſehr leckerhaft und hatte deshalb Neigung zum Naſchen. Eines Tages nun, als ich eben im Begriff ſtand, dieſe Neigung zu lefriedigen, überraſchte mich die Mutter auf der That. Nachdem ſſe mir ihren Unwillen aanfangs durch ſtumme Pantomime zu er⸗

kunen gegeben, brach ſie enndlich das drohende Schweigen, indem

ſe mich alſo anredete: Muß ich das von Dir erleben, weißt Du

ncht, daß die Lüſternheit der erſte Schritt zu jedem Laſter iſt? Hat Dir nicht der Vater erzählt, daß unſere erſten Eltern deswegen

aus dem Paradieſe gejagt worden ſind, weil ſie gegen das gött⸗

liche Gebot von der lockenden Frucht des Baumes der Erkenntniß zu naſchen ſich durch die Schlange der Verſuchung verleiten ließen, und daß dadurch die Sünde in die Welt ſ eiſchrak bei dieſem Vergleiche meiner kindiſchen Naſchhaftigkeit mit dan mir wohlbekannten Vergehen Adams und Eva's und nahm nir vor, dieſen Fehler abzulegen. In der Folge, nachdem ſich nein Verſtand entwickelt hatte, hat mir dieſer Vergleich viel zu driken gegeben. Wie, wenn mich die Mutter wegen meines Ver⸗ ghens aus dem Vaterhauſe, dem Paradieſe der Kindheit, gewor⸗ ſen hätte, würde nicht Jedermann dieſes Verfahren hart und grau⸗ ſan gefunden haben? und Gott, der die Güte ſelbſt iſt, ſollte ſich eiter noch größern Härte ſchuldig gemacht haben, indem er die Nüſcher, die in geiſtiger und moraliſcher Beziehung doch Kindern glichzuachten waren, nicht bloß aus dem Paradieſe trieb, ſondern

ſcch ſie und ihre Nachkommen zur Hölle verdammte?

gekommen iſt? Ich

Oſtern 1789 kam Verfaſſer auf das Lyceum nach Arnſtadt. Ein Bild alterthümlichen Schullebens wird uns hier entworfen; unwillkührlich erinnert die Situation hier und da an Perthes' Jugenderinnerungen. Unter den beſchränkteſten Verhältniſſen be⸗ zog Blumröder dann die Univerſität Jena, um Theologie zu ſtudiren. Auch er war einer von denen, die aus dieſer Wiſſen⸗ ſchaft in eine andere Carrière getrieben wurden. Er ging unter die Soldaten, wurde in Berlin Bombardier und mußte mehrere recht drückende Jahre bei dem geringen Solde und unter der ſtrengen Disciplin, auch noch von Krankheit verfolgt, ausharren. Wir finden hier eine ſprechende Schilderung damaliger Soldaten⸗ zucht:Welches Gefühl für einen jungen Mann, der vom freien Studentenleben herkommt, unter der Fuchtel eines Schneiders zu ſtehen, denn mein neuer Vorgeſetzter trieb, wenn er außer Dienſt war, das Schneidergewerbe. Er wies mir zum Logis eine kleine Stubenkammer an, die ich jedoch mit zwei andern Bombardieren und einem Kanonier theilen mußte. Daß unter dieſen Umſtänden ſtrenge Ordnung nöthig war, um Colliſionen zu vermeiden, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Es war nämlich damals in den Caſernen folgende Ordnung eingeführt: Die Stuben waren an die ver⸗ heiratheten Unterofficiere oder Soldaten vertheilt, mit der Ver⸗ daß ſie 3 bis 4 unverheirathete Militairs bei ſich auf⸗ nehmen mußten. Wenn es kalt war, konnten die Bombardiere zwar die geheizten Stuben mit den Wirthsleuten theilen, durften ihnen aber nicht läſtig fallen. Zum Glück hatte mein Wirth keine Kinder, und ich fand ſo viel Platz in ſeiner Stube, daß ich unge⸗ ſtoͤrt ſchreiben, leſen und zeichnen konnte. Alle fünf Tage bekam ich ein Commißbrod und 12 Gr., womit ich auskommen mußte, denn ich hatte mir vorgenommen, meinen armen Eltern nicht wei⸗

V pflichtung,