Jahrgang 
01-26 (1857)
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276 Noveſſen⸗Zeitung.

de la Dent du Midi ausgeführt worden; trotzdem es ſehr geräumig war, reichten ſchon jetzt ſeine Räume nicht hin für die Zahl der täglich ſich mehrenden Gäſte, und Alles war ſomit in beſtem Gange, Chambéry in die Reihe der beliebten Sommerſtationen einzuführen, und das zwar mit vollem Recht. In gleicher Höhe mit dem Thale von Chamouny liegend, iſt es jedoch mehr als dieſes vor rauhen Winden durch ſeine Lage geſchützt, und die Luft daher leicht und doch zugleich mild, was man nicht jedem Berg aufenthalt nachrühmen kann; ja es gedeiht hier, über 3000 Fuß hoch, noch einiges Laubholz und die kleine Bergkirſche in Menge.

2. Im Hötel de la Dent du Midi.

Von den zierlich geſchnitzten Balcons, die jede Seite des Hauſes drei Etagen übereinander verzieren, ſieht man hinab in das terraſſenartig tief eingeſchnittene Thal, in deſſen Grunde der Bergſtrom rauſcht, und mit Staunen mißt der Blick auf dem andern Ufer deſſelben von der Sohle bis zu dem eisgekrönten Scheitel die imponirende Berg⸗ königin, la dent du midi. Ihre wilden Felszacken und Gletſcher mit den daraus heruntereilenden Waſſerfällen, ihren Wäldern, grünen Matten und einzeln verſtreuten

Chalets, aller Reiz der Alpenwelt liegt hier nachbar⸗

lich nahe gerückt und zugänglich vor dem Auge des Natur⸗ freundes.

Im Innern des Hötels ſah es im erſten Jahr ſeines Beſtehens im Ganzen noch recht blank und ſauber aus, ein Zuſtand, der im Wallis nicht urſprünglich daheim iſt.

Sämmtliches Mobiliar der kleinen Gemächer erhob ſich

nicht über eine Commode, ein Tiſchchen und zwei Stühle von Tannenholz, wozu ſich noch ein winziger Spiegel ge⸗

ſellte, denn aller Luxus war auf den Eßſaal und den daran

grenzenden Salon verwandt worden, und mit ſichtlicher

Befriedigung öffnete daher auch der Wirth, Monſieur Lonfat, ſeinen neuen Gäſten die Thüren der genannten Räume.

Aber es war auch zum Staunen, hier oben im Wallis, an der Grenze der Cultur, in einen Eßſaal zu treten, deſſen Wände mit rothem Velourpapier geſchmückt erſchienen und darin an einer langen Tafel, auf welcher mehrere Lampen mit Glaskugeln ihr Licht verbreiteten, etwa vierzig Per⸗ ſonen verſammelt zu finden, deren Anzug ſogar einen An⸗ flug von gewählter Toilette kund gab, wenigſtens von Seiten der Damen. Mehrere große Bouquets von Alpen⸗ blumen, Rhododendron, Lilien und Enzian zierten die Tafel, und zahlreiche Metalltheekannen, die umherkreiſten, bewieſen, daß man zum ſogenanntengo§ter verſam⸗ melt ſei.

Wie überall in jedem Penſionshaus der Schweiz war die Geſellſchaft aus verſchiedenen Nationalitäten zuſammen⸗ geſetzt, und die drei herrſchenden Sprachen, engliſch, fran⸗ zöſiſch und deutſch, ſchwirrten bunt durch einander die letztere repräſentirt durch eine hübſche Anzahl Berliner, denn in welchem noch ſo verſteckten Winkel der Erde gäbe es nicht Einige dieſes neuerlich ſo kosmopolitiſch geworde⸗ nen Völkchens? Das Ganze ſah auf den erſten Anblick recht heiter und geſellig aus, und die vorhin erwähnten Reiſenden gratulirten ſich zu ihrem Entſchluß, eine Woche lang als Penſionaire das letzte Gemach in Beſchlag genom⸗ men zu haben, das die engliſche Karawane, die mittler⸗ weile auch eingetroffen war, übrig gelaſſen hatte, und be⸗ gannen die Tiſchgeſellſchaft etwas genauer zu muſtern.

Die Hitze in dem niedern Eßſaal war ſehr läſtig und der Abend draußen mild, ſo daß ein paar geöffnete Fenſter eigentlich für eine Wohlthat hätten gelten können; dies ſchien auch eine bejahrte engliſche Lady zu denken, indem ſie mit großer Gravität den Wirth erſuchte, ein Fenſter hinter ihr zu öffnen. Kaum ſtrömte erquickliche Kühle herein, ſo winkte am andern Ende der Tafel eine elegante

Feuilleton.

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Ein deutſcher Ueteran.

Manche unſerer Leſer erinnern ſich vielleicht noch eines vor fünf Jahren erſchienenen Buches unter dem TitelAchtundvierzig Jahre, Memoiren einesconſtitutionellen Officiers(Caſſel, Hotop, 1852), das wir damals mehrfach in dieſen Blättern be⸗ ſprachen. Im Augenblicke wird uns ein anderes Buch vorgelegt, das in mehr als einer Beziehung demſelben an die Seite zu ſtellen iſt:Meine Erlebniſſe im Krieg und Frieden, in der großen Welt und in der kleinen Welt meines Ge⸗ müthes. Von Aug. v. Blumröder, Fürſtl. Schwarzburg. Oberſtlieutenant a. D.(Sondershauſen, Fr. Aug. Eupel, 1857.) Dieſes Buch wie jenes hat zum Verfaſſer einenconſtitutionellen Officier, einen Militair, der Partei angehörend, die wir im All⸗ gemeinen als die conſtitutionelle zu bezeichnen pflegen. Dieſer, wie der andere, iſt aus der wiſſenſchaftlichen Carriere in die kriege⸗ riſche hinübergegangen, und Beide haben in den mannigfachſten Situationen an den Weltereigniſſen zu Anfang dieſes Jahrhun⸗ derts Theil genommen; Beide waren ſpäter Mitglieder des Frank⸗ furter Parlamentes, und Beide endlich konnten ihre Memoiren mit der Schilderung eines glücklichen Alters beenden, reich geſegnet

durch äußere Ehre und innere Zufriedenheit, den Lohn eines viel⸗ fach hin⸗ und hergeworfenen, unermüdlich angeſtrengten Daſeins.

Das Buch des Herrn v. Blumröder iſt keins von denen, die für das große Publicum beſtimmt und in den weiteſten Kreiſen Aufſehen zu erregen im Stande ſind; es hat vielmehr einen priva⸗ ten Charakter und wird deshalb einerſeits alle diejenigen intereſ⸗ ſiren, die zu dem Verfaſſer in einer perſönlichen Beziehung ſtehen, und andrerſeits den Schriftſteller von Fach, der nicht nur zube⸗ reitete Leckerbiſſen auf der Tafel ſeines geiſtigen Unterhaltes ſehen will, ſondern weil er ſelbſt der Koch iſt, der Anderen dergleichen bereiten ſoll ſein Augenmerk zumeiſt auf thatſächliches Mate⸗ rial, auf unmittelbare Darſtellungen des wirklichen Lebens zu richten hat. Zu ſolchen gehört das vorliegende Memoirenheft, und das hohe Intereſſe, das der des Daſeins kundige Blick an jeder eigenartigen und kräftig ſich auslebenden Geſtalt nehmen muß, läßt uns auch dieſe Erlebniſſe werthvoll erſcheinen..

Das Buch beginnt mit einer kurzen Familienchronik. Aus dem mittleren provinziellen Bürgerſtande iſt Verfaſſer hervorge⸗ angen; ſeine Voreltern waren Pfarrer, Inſpectoren, Apotheker in den kleinen Thüringer Landſtädtchen, vornehmlich in Arnſtadt;

er ſelbſt iſt in Gehren geboren. Einen Zug der Naivetät, die

(III. Jahrg.

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