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Stunden
maleriſch ſchöne An⸗ und
Nr. 18.]
Rovellen-
Die Fremden im Val dJlier. Aus dem Reiſe⸗Tagebuche einer Dame.
1.
Wie die zunehmende Hitze des Sommers am Genfer⸗ ſee die Umgegend des faſt baumloſen Montreux allmählich von Fremden entvölkerte, ſo vertrieben die zahlloſen Mücken⸗ ſchwärme, die während der heißen Jahreszeit den Aufent⸗ halt im Rhönethal ſo unangenehm machen, auch viele Reiſende aus dem Schatten des reizenden, kleinen Bade⸗ ortes Bex in die umliegenden Berge des Waadtlandes. Chambéry! Das war die allgemeine Loſung im Monat Juli und Auguſt des Jahres 1856, und dorthin wander⸗ ten täglich zu Fuß und zu Roß die neubegierigen Tou⸗ riſten und Touriſtinnen jeglichen Alters und Landes.
Ueber die zierliche Hängebrücke bei Bex, die über die Rhône führt, geht der bequeme Fahrweg an prächtigen Wäldern von Kaſtanien und Nußbäumen, die den Fuß der Berge umgeben, nach dem Städtchen Monthey, deſſen Cha⸗ rakter bereits ganz von dem des Nachbarcantons abweicht: der nationale Kopfputz der Frauen, die eben ſo nationale Abneigung gegen die Anwendung von Waſſer und Seife; die zerlumpten bettelnden Kinder; die Heiligenbilder überall am Weg und hie und da ein Prieſter; ferner aber auch die größere Höflichkeit und Dienſtfertigkeit der Leute— Alles
Eine Concurrenz von Chamouny.
Dritte folge.
zeigte das katholiſche Valais an, von dem man drüben in Waadt gar nicht viel Gutes zu hören bekommt.
Auf dem großen, ſonſt ſo öden Marktplatz vor dem Hotel du Cerf ſah es jetzt oft ſehr lebendig aus, und eine Geſellſchaft reiſender Inſulaner nach der andern machte der freundlichen Wirthin viel zu ſchaffen: die Einen woll⸗ ten fahren, die Andern reiten und die Dritten getragen ſein, und vergeblich war es, ihnen ein Arrangement aus- zureden, was ſie ſich einmal in den Kopf geſetzt hatten. V So ſaß eben eine ſehr majeſtätiſche Lady, die füglich das Fahren hätte vertragen können, in dem ſehr engen Sattel V auf dem Rücken eines unglücklichen Maulthieres, und ihr folgten einige bruſtſchwache jüngere Damen trotz dem Rathe der Wirthin auf den ſchmalen Bergwägelchen ohne Federn, die jedem Geſunden ſchon eine Art Martyrium verhießen. Die begleitenden Gentlemen aber ſchienen mit Sieben— meilenſtiefeln angethan, ſo raſch entſchwanden ſie den Blicken der nachfolgenden Karawane.
Was lag ihnen auch an der Schönheit des hier be⸗ ginnenden Val d'Ilier, welches raſch aufſteigend ſo viel Ausſichten darbietet? Sie woll⸗
Zeitung.
ten nur zeitiger als irgend Jemand nach Chambéry, um dort ein comfortables Unterkommen zu ſichern; und in der That überflügelten ſie bald andere naturenthuſiaſtiſche Wanderer, die oftmals ſtehen blieben und zurückſchauten in das helle Rhönethal dort unten, oder gar mit raſchen Strichen ihr Album bereicherten, wie dies auch bei dem Dorfe St. Ilier geſchah.
Nach mehrſtündigem beſtändigen Steigen iſt hier die Vegetation bereits eine andere geworden, und das Reich der ſchwarzen Tannen hat die Pracht des Laubholzes faſt gänzlich verdrängt. Die Bevölkerung des Val d'JIlier zeichnet ſich durch regelmäßige Schönheit der Geſichtszüge und edle Formen vor allen Walliſern aus und iſt, wenn die Sage recht berichtet, römiſcher Abkunft. Einige kriege⸗ riſche Anlagen mögen ſie wohl von ihren Vorfahren ererbt haben, denn von hier aus gehen gar Viele in fremde Kriegs⸗ dienſte und manch tapferer Degen ruht in dieſen kleinen braunen Häuſerchen auf ſeinen errungenen Lorbeeren ganz behaglich aus. Geſellig, heiter und zuthulich ſind die Leute hier durchgehends und zeigen ein wahrhaft kind⸗ liches Erſtaunen und Vergnügen darüber, daß man ſo weit herkommen könne, um ihr Land zu ſehen, und vollends, daß man es ſo ſchön finde.
Selbſt der ſtattliche Pfarrer, der Ilier und Chambéry unter ſeinem Hirtenſtab vereint, machte keine Ausmhme hiervon; er trat zu jenen am Wege zeichnenden Wan erern und knüpfte ein Geſpräch an, aus welchem hervorging, daß er einige unbeſtimmte Vorſtellungen von Deutſchland und ſogar von Preußen habe! Beſonders erſtaunt und be⸗ friedigt aber vernahm er, daß dort die Katholiken mit den Proteſtanten fein brüderlich neben einander wohnten und im Staat kein Anſehn der Perſon gelte. Das gefiel dem gemüthlichen würdigen Herrn beſonders, und er ließ die deutſchen Wanderer nicht weiter ziehen, ohne ihnen ſein Haus gaſtfreundlich geöffnet zu haben, wo zwiſchen ſorg— fältiger Blumenpflege und einer großen Menge Bienen⸗ ſtöcke ſeine Mußeſtunden ſich theilten.„Wollte Gott,“ ſagte er beim Abſchied, den jungen Leuten die Hand rei⸗ chend,„daß alle Fremden, die hier herauf kommen, ſo däch⸗ ten wie Sie— ich würde mich dann mehr freuen, als ich leider bis jetzt Urſach habe!“ und dabei ſchaute er den Weg hinab, auf welchem eben die engliſche Karawane ſicht⸗ bar ward.
Eine halbe Stunde vor Chambéry verwandelt ſich der holprige Gebirgspfad in einen bequem chauſſirten Weg, den die Gemeinde jenes Ortes durch freiwillige Arbeitstage hergeſtellt hat.
Mit deren Hülfe war denn auch der Bau des hölzer⸗ nen, gar ſauber mit bunter Oelfarbe angeſtrichenen Hötel
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