Jahrgang 
01-26 (1857)
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Abend meinen berühmten Freund, den Dichter Z., zuführen zu können, doch ſeine plötzliche Abreiſe verhinderte mich daran. Haben Sie, Frau Directorin, ſchon den heutigen Waggon geleſen, wiſſen Sie ſchon, daß die Frau von Goltzheim endlich mit ihrem RomanDie Vatermörderin herausrückt?

Gewiß, Herr Notar, entgegnete die Directorin, gewiß habe ich es geleſen, und nach den Proben, welche

wir hier in unſerm Kränzchen von dem Roman gehört, bin

ich ſehr geſpannt; auch habe ich daran gedacht, unſerm würdigen Mitgliede heute Abend eine Ueberraſchung zu bereiten, ich werde Ihnen ſpäter meinen Plan mittheilen. Für den Roman mag die Frau von Goltzheim viel Talent haben, aber Dichterin iſt ſie nicht; doch eine Neuigkeit, wir haben heute Abend zum erſten Male den Herrn Oberlehrer in unſerer Mitte.

Den Oberlehrer?

Ja wohl, Herr Notar, er hat mir ein außerordent⸗ lich liebenswürdiges Billet geſchrieben, ſo, daß ich nicht abſchlagen konnte. Hören Sie den Brief:

Frau Directorin! Die Römer ſagtenpanem et circenses, Brod und Bildung. Das erſte verſchaffe ich mir, natürlich pa- nem, das zweite, nämlich circenses, möchte ich ausbil

den in Ihrem mit Recht ſo gerühmtenclaſſiſchen Kränz⸗

chen, wenn Sie mich einer Einladung würdig halten. Mit vorzüglicher Hochachtung Georg Heuer, Lehrer an hieſiger Schule.

Das Billet iſt freilich ſehr beſcheiden, bemerkte der

Notar,und das gerade gefällt mir an dem jungen Mann.

Nun, wenn er uns nicht gefällt, Herr Notar, wenn ſeine Bildung nicht für unſere Anſprüche ausreicht, können wir ihn ja das nächſte Mal weglaſſen.

Gewiß, Frau Directorin, wir müſſen vor Allem dar⸗

Noveſſen⸗Zeitung.

ſauf ſehen, keine unwürdigen Elemente in unſern Verein zu ziehen; doch wollen Sie nicht auch einmal den Re⸗ dacteur des Waggon, Schwarzheim, und den Doctor ein⸗ laden?

Nein, Herr Notar, denn Schwarzheim's Frau iſt eine zu arrogante Perſon und der Doctor hat keinen Frack; man muß dieſe Leute zwar benutzen, aber ſich immer auf

gehörige Diſtance halten.

Die Unterredung wird abermals unterbrochen durch V die Ankunft des Commerzienrathes, der Frau von Goltz⸗ heim, des Muſiklehrers Neumann und mehrerer Anderen. Nach den üblichen Begrüßungen ſetzt ſich die Geſellſchaft um den Theetiſch und die allgemeine Converſation beginnt.

Meine Herrſchaften, beginnt der Commerzienrath, ich habe ſo eben im Caſino den neueſten Waggon geleſen und muß geſtehen, daß dies Blatt ſich macht. Ein Artikel über die Stellung Rußlands iſt von einer Gediegenheit, die mich in Erſtaunen ſetzt; ich wüßte nur einen Mann in der Stadt, dem ich die Abfaſſung eines ſo geiſtvollen Auf⸗ ſatzes zutrauen könnte.

Und der wäre? fragen Alle.

Ich darf ihn nicht nennen, fährt der Commerzien⸗ rath fort, indem er einen bedeutſamen Blick auf den Notar wirft,doch darf ich bemerken, daß der Verfaſſer ein Mit⸗ glied unſerer Geſellſchaft iſt.

Unſerer Geſellſchaft?

Ja wohl, meine Herrſchaften, unſerer Geſellſchaft; wenn ich meinen Gefühlen trauen darf, würde ich den Herrn Notar zum Verfaſſer jenes Leitartikels erklären.

Der Herr Notar? rufen Alle.. 3

Aber Herr Commerzienrath, ſagt der Notar,ich bitte Sie, und wenn ich der Verfaſſer wäre, ſo könnte es mir keineswegs lieb ſein, in die Oeffentlichkeit zu treten; denn....

Der Herr Notar wird durch die Ankunft des Herrn Lehrers unterbrochen, der ſchüchtern unter vielen Verbeu⸗

ſtatt des Lächelns, welches anzeigt, daß eine feine Bemerkung ver⸗ ſtanden iſt, ſchallt das Gelächter, welches luſtige Einfälle belohnt. Jeder ariſtokratiſche Kreis hat noch ein beſonders ausgeſuchtes Häuflein junger Damen aus den erſten Häuſern, welche den Ton angeben und ein Scepter führen, dem keiner ausweichen kann. Sie halten das geheime Gericht über den Ruf und die Zuläſſig⸗ keit der Mitglieder der Geſellſchaft und ſetzen in ihren Vorbera⸗ thungen unbedingt feſt, was an Vergnügungen, Scenen und Spielen aufgeführt werden ſoll. Säße wenigſtens die Erfahrung von ein paar Jabren in ihrer Mitte, ſo möchte aus den Bera⸗ thungen manches eben ſo geſcheidte als jugendliche Unternehmen hervorgehen. Aber da die Königinnen faſt jedes Jahr wechſeln, ſo kommt der Hof nie zur Ruhe und Beſinnung, er muß jedes Jahr wieder dieſelben kindlichen Ideen durchſpielen und gleicht manchmal einer Schaar von Hühnchen ohne Gluckhenne. Die

jungen Damen treiben in Amerika Aſtronomie, Chemie und

Metaphyſik und leſen den Goethe, Homer und Virgil. Aber während ihrer Glanzzeit ſind ſie beſchäftigt durch die Spiele,

Leidenſchaften und Wirbel der Geſellſchaft, ſie hatten noch nicht

Zeit bildungsſicher zu werden. Treten ſie dann in den Stand der Frauen und damit in die Zurückgezogenheit, ſo verſinken ihnen

die kaum gehobenen geiſtigen Schätze wieder, weil mit der fehlen-

den Anregung auch die Luſt vergeht, die erworbenen Kenntniſſe ſelbſtthätig anzubauen und aus ihnen die ſtille Flamme zu ent⸗ zünden, welche Geiſt und Gemüth gleichmäßig nährt und er⸗ wärmt.

Miscellen.

Weinbau im Zollverein.

Ueber den Weinbau im Zollverein entnehmen wir dem neue⸗ ſten bekannten Werke von Dieterici folgende Notizen. Nach dem durchſchnittlichen Ertrag ſteht zuerſt Bayern mit beinahe 800,000 preußiſchen Eimern oder 27 Proc., ſodann Württemberg mit 740,000 Eimern oder 25 Proc., Baden mit 630,000 Eimern oder 21 Proc,, dann kommt Preußen mit 407,000 Eimern oder 13 Proc., Großherzogthum Heſſen mit 233,000 Eimern oder nahe an 8 Proc., Naſſau mit 62,450 Eimern oder etwas über

2 Proc. und Luxemburg, deſſen Weine an Quantität nahe an Naſſau reichen, während ihre Güte ſo ſehr nachſteht, mit 56,000 Eimern oder 1,89 Proc. Sachſen iſt mit 20,000, Meiſenbeim mit nahe an 4000, Kurheſſen mit 3200, Frankfurt mit 1600 und Thüringen mit 312 Eimern aufgeführt. Der Geſammtgewinn iſt nahe an 3 Mill. Eimer. In Bezug auf die dem Weinbau ge⸗

widmete Fläche ſteht Württemberg noch vor Bayern, es folgt

Preußen, Baden, Großherzogthum Heſſen, Naſſau, Sachſen,

Luxemburg, Kurheſſen, Thüringen, Meiſenheim. Geſammt

fläche iſt nahe an 400,000 Morgen. Seit 1848 hat die mit Wein bepflanzte Fläche in Preußen ſich um 653 Morgen vermindert, wovon 560 Morgen auf die Rheinprovinz fallen. Auch im thü⸗ ringiſchen Verein haben die im Jayr 1849 mit Wein bepflanzten

972 Morgen bis 1853 ſich auf 817 gemindert; ebenſo zeigt das

Königreich Sachſen zwiſchen 1849 und 1852 eine Abnahme von

2679 auf 2601 Acker. Der im Oberamt Meiſenheim erbaute

Wein gehört zur 4., 5. und 6. Steuerelaſſe, der im Kurfürſtenthum

Die Geſammt⸗

W u ß Heſſen zur 5. und 6. Von den im Durchſchnitt der 5 Jahre 1849 ſn.

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