Jahrgang 
01-26 (1857)
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Novellen Heirathsgeſuch.

Ein Gentleman, der zweimal nach einander im Par⸗ lament ſaß, nahe an ſechzig Jahre alt iſt, ſehr glänzend 7 5

und gaſtfrei lebt und ein bedeutendes Vermögen verliert,

wenn er ohne Nachkommen ſtirbt, iſt nicht abgeneigt, eine Witwe oder ledige Dame zu heirathen, wofern die Partie von guter Herkunft, feinen Sitten, und bereits Bürgſchaft für Sicherung jener Erbſchaft bieten kann! An Breck⸗ nock, Esq., Will's Kaffeehaus, adreſſirte Briefe werden die ſchuldige Berückſichtigung, Verſchwiegenheit und jedes mögliche Zeichen der Achtung finden.

Es ſoll ſich wirklich eine Dame gefunden haben, welche den Anforderungen dieſer Anzeige entſprach, aber das Ende der Laufbahn dieſes außerordentlichen Mannes nahte ſchnell. Als er zu Padua mit dem Künſtler Romney zu Mittag ſpeiſte, blieb ihm ein Rebhuhnknochen in der Kehle ſtecken. Seine Diener, welche ſein Ende nahe glaubten, ließen einen Prieſter kommen, worüber er ſehr entrüſtet war, und als man ihn fragte, in welchem Glauben er aus der Welt ſcheiden wolle, antwortete er:Ich hoffe, als guter Mu⸗ ſelmann.

Es trat eine Entzündung ein, an welcher er in wenig Tagen ſtarb. Er hinterließ einen Sohn, Edward Wortley Montague, damals in Oſtindien, eine Tochter, Mary, welche in dem Urſulinerinnenkloſter zu Rom Nonne war, und einen von der allgemeinen Meinung ihm zugeſchriebe⸗ nen Sohn, Fortunatus, auch Maſſond genannt, einen ſchwarzen Knaben, dreizehn Jahre alt, der, wie bereits er⸗ wähnt, bei ihm in Venedig und Roſette lebte.

Die Ueberreſte des excentriſchen Reiſenden wurden in einem Kloſter zu Padua beigeſetzt.

Zeilung. III. Jahrg.

HRumoriſtiſche Studien aus dem täglichen Leben.

1lI. Das claſſiſche Kränzchen. Die Leihhausdirectorin iſt Witwe und gilt im Städt⸗ ſhen für eine ſehr gebildete Frau, die jeden Donnerstag Abend punkt acht Uhr die bedeutendſten literariſchen Kräfte des Oertchens um ihren Theetiſch verſammelt.

Die Geſellſchaften der Frau Directorin werden im (Städtchen alsClaſſiſche Kränzchen angeſehen; jedes Mitglied dieſes Kränzchens wird von den übrigen Einwoh⸗

nern als eine literariſche Größe betrachtet und rechtfertigt

dieſen Titel durch eine ſtolze, vornehme Haltung der Menge

gegenüber.

Die Frau Directorin iſt noch in den beſten Jahren, Beſitzerin eines unabhängigen Vermögens, welches ihr ge⸗ ſtattet, ganz ihren literariſchen Neigungen nachzuhängen. Jeder durchreiſende Schriftſteller von mehr oder weniger Bedeutung erhält ſofort eine Einladung zum Kränzchen; die Mitglieder dieſer Geſellſchaft beſtürmen die Wohnung des durchreiſenden Schriftſtellers, wälzen ſich im Staube vor ihm und ſind glücklich, wenn ſie ſich an einem öffent⸗ lichen Orte mit der fremden Größe zeigen dürfen. Der Herr Notar iſt gewöhnlich der Erſte, der ſich an den Fremden herandrängt und ihn durch allerlei diplomatiſche Kniffe zu einem Spaziergange auf die Wachtparade zu be⸗ wegen weiß; hier poſaunt der Herr Notar allen vorüber⸗ gehenden Bekannten aus, daß ſein Begleiter der berühmte Dichter Z. iſt, und nach einer kleinen Weile hat der Fremde in ſeinem Gefolge alle literariſchen Größen des Ortes.

Der Herr Notar geht dann Abends auf's Caſino und ſagt Jedem, der es hören will:Heute bin ich mit mei nem Freunde, dem berühmten Z., ſpazieren gegangen! Haben Sie ihn nicht bemerkt? Der große junge Mann mit blondem Haar....

liche und ſinnliche Vortheile zu erzielen, kann kein auffälligerer Gegenſatz gegenübergeſtellt werden als die Fanfaronnade des Laſters, die in der erwähnten Komödie gewiſſermaßen als eine neue geſellſchaftliche Manier, als eine durch die Ausartung der heutigen Verhältniſſe in die Mode gekommene Lebensmaxime be⸗ handelt wird.

Ob die franzöſiſche Geſellſchaft wirklich ſchon ſo weit aus⸗ geartet und in der Auflöſung begriffen iſt, um dem Individuum, das ſich in den glänzenden und ſtarken Harniſch gewiſſer Laſter wirft, ein größeres Anrecht auf Geltung und Anſehen zuzuge⸗ ſtehen, wagen wir weder zu bejahen noch zu verneinen. Wenn es aber möglich iſt, auf dieſe Lebensanſicht, die eine umgekehrte Tartüfferie des Jahrhunderts in ſich trägt, eine Zeitkomödie für das Theaterpublicum zu begründen, ſo kann die ganze Kategorie nicht aus der Luft gegriffen ſein, ſondern muß den Manieren der heutigen franzöſiſchen Geſellſchaft wenigſtens in gewiſſen Kreiſen entſprechen und dieſelben bereits wahrheitsgemäß wiederſpiegeln.

Die gegenwärtige gehört jedoch in gewiſſem Betracht eben⸗ falls zu den fantarons de vice, denn auch ſie iſt in manchem Be⸗ tracht innerhalb beſſer, als ſie ihrer Macht wegen ſcheinen will, und wenn ſie um ihres Beſtandes willen die Freiheiten der Nation angegriffen hat, ſo trägt ſie doch, ſobald ſie will, alle Elemente zu einer echten Wiedergeburt dieſer Freiheiten in ſich und würde ihnen vielleicht in der Zukunft eine größere Garantie ihrer Ver⸗ wirklichung gewähren können, als dieſelben unter irgend einem frühern Regime gefunden haben

Die fanfarons de vice, die zugleich als heimliche Bie⸗ dermänner erſcheinen, ſind in jener Komödie Leute, die ſich durchaus ſchlechter ſtellen als ſie ſind, indem ſie ihre eigentliche

Ehre darein ſetzen, in ihrem Kreiſe mit irgend einem Laſter oder einer Nichtsnutzigkeit behaftet zu erſcheinen. Gute Sitten, Herz und Gemüth, eine ehrliche und ehrenhafte Geſinnung zu zeigen,

gilt am meiſten für verfehmt und beeinträchtigt, wie es ſcheint,

die geſellſchaftliche Renommée, weshalb es in dem Kreiſe der jungen modernen Leute, den die Komödie ſchildert, zum guten Ton geworden iſt, in der diaboliſchen Farbe eines nichtswürdigen Charakters zu ſchillern und die wahrhaften und innigen Gefühle, die man noch beſitzt, als etwas ſeiner Unwürdiges ſorgfältig zu verſtecken.

Dieſe Seite hängt allerdings mit dem neuen Materialismus des Zeitalters auf das genaueſte zuſammen, der alles zu ſehr auf

die rivaliſirende Aeußerlichkeit, den baaren Vortheil und den prak⸗

tiſchen Kunſtgriff berechnet und zugeſpitzt hat, als daß es noch nützlich und gewinnbringend erſcheinen könnte, in dieſem egoiſtiſchen Kampf der Intereſſen, zu dem das ganze Leben ſich auseinander zerrt, die reinen und natürlichen Seiten des Gemüthes herauszu⸗ kehren und ſeinen Antrieben zu folgen.

Immerhin aber ſind Gemüth und Herz eine Begabung des

Menſchen, die mit der eigentlichen Wurzel ſeiner Exiſtenz zu⸗

ſammenhängt und ſo leicht nicht ausſterben wird. Es ſcheint

daher in einem geſellſchaftlichen Zuſtand, der auf ſo raffinirten

und praktiſchen Schrauben ſteht, darauf anzukommen, daß man nicht mehr die Schwachheit verrathe, Gemüth und Herz zu haben, ſondern überall in demſelben harten, gegen jedes Gefühl undurch⸗ dringlichen Panzer erſcheint, in dem alle übrigen fechten und jeder den andern zu beſiegen ſucht.

Nr.

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