Jahrgang 
01-26 (1857)
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Dritte folge.

Rovellen-Zeitung.

Edward Wortley Montague, ein Original.

Daß dieOriginale, die rückſichtslos eigenthümlichen Pexrlönlichkeiten, in unſrer Zeit mehr und mehr ausſterben, iſt dine vielfach gemachte Erfahrung. W. H. Riehl hat in ſeinenculturhiſtoriſchen Betrachtungen über das achtzehnte Jahrhundert die Gründe dazu aufgeführt; ein andrer Schriftſteller, A. Schloenbach, hat es unlängſt unternom⸗ men, eine Anzahl ſolcher Originale zu portraitiren und geſammelt herauszugeben. Wir ſind in Stand geſetzt, einen hiſtoriſchen Beitrag dazu zu geben. Hätten wir nicht in Burke's bekanntem Family romance hinlängliche Beweiſe für die Wahrheit unſerer Erzählung, ſo dürften wir wohl erwarten, denen beigezählt zu werden, welche, um Shak⸗ ſpeare's tadelnde Aeußerung über gewiſſe Schauſpieler zu entlehnen,die Natur ganz abſcheulich nachahmen. Ge⸗ wiß gibt es manche erfundene Geſchichte, welche die natürliche Beſcheidenheit weniger überſchreitet, als die einfache Wirklichkeit der unſrigen, und doch haben wir nur documentirte Wahrheit gegeben, ja die Züge in dem Charakter unſers Helden mehr zu mildern, als zu ver⸗ ſtärken geſucht.

Edward Wortley Montague war der Sohn der genia⸗ len, aber excentriſchen Lady Mary Wortley Montague und begleitete ſie ſchon als Knabe nach Conſtantinopel, wohin ihr Gemahl als engliſcher Geſandter gegangen war. Der Knabe war damals erſt drei Jahre alt, und es iſt wohl möglich, daß dieſe frühzeitigen Reiſen den Grund zu ſeiner ſpätern Neigung zu einem herumſchweifenden Leben legten. Mit einem Muthe, wie ihn wenige Mütter außer ihr bewieſen, machte ſie an ihm den Verſuch der Blattern⸗ impfung, und er war das erſte engliſche Kind, an welchem ein ſolcher angeſtellt wurde; zum Glück für die europäiſche Welt war aber der Erfolg ſo günſtig, daß Lady Mary ſpäter das Verfahren unter ihren Landsleuten mit einer Zuverſicht einführen konnte, welche zuletzt allen Widerſtand des Vorurtheils und der Unwiſſenheit beſiegte. Mr. Mait⸗ land, welcher die Geſandtſchaft als Arzt nach Conſtan tinopel begleitete, gibt darüber folgenden Bericht:

Um dieſe Zeit war die Gemahlin des Geſandten, welche es ſich hatte angelegen ſein laſſen, ihre Wißbegierde über den Gegenſtand zu befriedigen, und ſehr nützliche Beobachtungen gemgaht hatte, von der Sicherheit der Ope⸗ ration ſo völlig überzeugt, daß ſie beſchloß, ihren einzigen Sohn, einen hoffnungsvollen Knaben von etwa ſechs Jahren, derſelben zu unterwerfen. Vor Allem ließ ſie Jemand aus⸗

ſeit vielen Jahren das Verfahren ausgeübt hatte.

findig machen, von dem man den Impfſtoff nehmen könnte, und dann ſchickte ſie nach einem griechiſchen Weibe, das Mit vieler Mühe fand ich ein paſſendes Subject, und die gute Frau ging ans Werk, benahm ſich aber wegen ihrer zittern⸗ den Hand ſo ungeſchickt und verurſachte dem Knaben mit ihrer ſtumpfen und roſtigen Nadel ſo viele Qual, daß mir ſein Schreien wehe that, und er beſaß doch ſo viel Muth, daß zuvor kaum ein Schmerz ihn zum Schreien bringen konnte. Ich impfte daher den andern Arm mit meinem Inſtrument und mit ſo wenig Beſchwerde für ihn, daß er ſich nicht im geringſten darüber beklagte. Der Erfolg war ausgezeichnet. Dieſe Operation wurde im März 1717 zu Pera bei Conſtantinopel gemacht.

Zwei Jahre ſpäter kehrte die Familie nach England zurück, wo der junge Edward auf die Weſtminſterſchule kam. Jetzt erwies es ſich, daß er, wie die Talente ſeiner Mutter, ſo auch deren excentriſches Weſen geerbt hatte, aber in ſo hohem Grade, daß es zuweilen faſt einen Anſtrich von Tollheit annahm.

Der Knabe war nicht lange auf der Schule, als er deren Feſſeln überdrüſſig wurde. Er entfloh und hatte Alles ſo klug gemacht, daß alle Bemühungen, ihn zu ent⸗ decken, fehlſchlugen. Vergebens erließ man Anzeigen; Covent Garden und die Schlupfwinkel von St. Giles wurden nach allen Richtungen hin durchſucht und hohe Belohnungen auf ſeine Entdeckung ausgeſetzt, doch man fand keine Spur von dem Flüchtling. Seine Familie ſchien ihn für immer verloren zu haben, was gar nicht un wahrſcheinlich war, wenn man den damaligen Zuſtand der Hauptſtadt erwägt.

Zufällig hatte ein Freund der Familie, Mr. Forſter, mit dem Capitain eines bei Blackwall liegenden Schiffes etwas abzumachen; er reiſte dahin, von einem Diener des alten Mr. Wortley Montague begleitet. Sie waren in Blackwall nicht weit gegangen, als eine bekannte Stimme, welche Fiſche ausrief, ihre Aufmerkſamkeit erregte. Beide riefen zugleich:Wie ähnlich der Stimme des jungen Montague! und ſchickten ſogleich dem Knaben einen Ma⸗ troſen nach, unter dem Vorgeben, daß ſie von ihm zu kau⸗ fen wünſchten. Eine ſolche Schlinge nicht ahnend, kam der junge Hauſirer, einen Korb mit Schollen, Flindern und andern Fiſchen auf dem Kopfe, mit dem Matroſen zu⸗ rück. Als ſie ihn ſahen, blieb ihnen kein Zweifel, trotz der Kaltblütigkeit, mit welcher der Knabe ſich verleugnete. Da er jedoch ſah, daß er entdeckt ſei und ſich nicht verbergen könne, warf er ſeinen Korb hin und eilte davon. Dies verrieth ihn. Man erfuhr bald, wem der Korb gehöre, und machte ohne Schwierigkeit ſeinen Aufenthaltsort aus⸗