Jahrgang 
01-26 (1857)
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IIl. Jahrg.

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Nr. 16.] Dritte unterhielt ſich indeß Napoleon mit Jedem einzeln. Nament⸗ lich lieh er dem Herzoge von Rovigo ſein Ohr und zwar ziemlich lange, denn er hatte eine gewiſſe Achtung für deſſen Muth, Geiſt und Aufrichtigkeit. Kühn und ungezwungen hatte der Herzog von Rovigo etwas von jenen dreiſten Dienern, die gewohnt ſind, einen zwar polternden, aber im Grunde nicht bösartigen Herrn nicht zu fürchten, und jederzeit bereit ſind ihm zu ſagen, was er nicht gern hört und was zu wiſſen ihm nützlich iſt. Obwohl ſehr ange ſchwärzt durch die böswilligen Berichte des Kriegsminiſters Clarke, der aus Furcht, daß man ſich in Betreff einer Ver⸗ ſchwörung, wobei viele Militairs figurirten, an ihn halten werde, Alles auf die Polizei geſchoben hatte, und obwohl ihm überdies der unangenehme Umſtand ſeiner Abführung nach der Conciergerie zur Laſt lag, verlor er doch keines⸗ wegs die Faſſung, und indem er auf das Einzelne einging, machte er dem Kaiſer begreiflich, wie die Polizei nicht habe unterrichtet ſein können, da Alles nur im Kopfe eines ver⸗ wegenen Tollkopfes vorgegangen, der ſein Geheimniß Nie⸗ mand mitgetheilt habe; wie ferner dieſer Mann, indem er ſich der ſo glaublichen Nachricht, Napoleon ſei durch einen Schuß getödtet worden, bedient habe, eine allgemeine Leicht⸗ gläubigkeit gefunden, die ſich ſofort in unwillkührliche Mit⸗ ſchuld verwandelt habe; wie ſodann unſchuldige Officiere, die nicht annehmen konnten, daß man ſie in ſolchem Grade zu täuſchen vermöge, ihre Soldaten einem ſo wahrſchein⸗ lichen Betruge geliehen hätten und Verbrecher geworden

ſeien, ohne es zu ahnen, und wie endlich diejenigen, die

bemüht geweſen, an eine ſehr weitverzweigte Verſchwörung glauben zu laſſen, um die Polizei anſchuldigen zu können, zunnützerweiſe zwölf Opfer hingerichtet hätten. Dieſe der ſtrengen Wahrheit entſprechende Erklärung, die den Herzog von Rovigo bedeutend entſchuldigte, ſchützte ihn zwar nicht Vor dem noch täglich bei der Erinnerung an ſeine Verhaf⸗ tung ausbrechenden allgemeinen Gelächter, denn die Lach⸗ ſuſt gibt eben ſo wenig der Vernunft Gehör als der Zorn,

folge. aber ſie rechtfertigte ihn in den Augen eines Gebieters, welcher ſtets aus Genie gerecht war, ſobald er nicht aus Zorn oder aus Berechnung ungerecht war. Alles dies enthielt jedoch eine ſchwere Anklage in Betreff Derjenigen, die zwölf Unglückliche hatten erſchießen laſſen, von denen nur drei ſchuldig waren, ja im Grunde nur ein einziger, denn die Generale Lahorie und Guidal, die an die Nach⸗ richt vom Tode Napoleon's geglaubt hatten, konnten hin⸗ ſichtlich ihres Verfahrens als von dem Einfluſſe eines un⸗ freiwilligen Irrthums beherrſcht betrachtet werden. Dieſe Anſicht hatte Napoleon ſchon zu Smolensk gehegt und er fühlte ſich darin beſtärkt, nachdem er den Herzog von Ro⸗ vigo gehört hatte; bei einer derartigen Gelegenheit mochte er indeß ſeine Miniſter und ſeine Großwürdenträger eines übertriebenen Eifers wegen nicht tadeln, und er hütete ſich wohl, ihnen denſelben zum Vorwurf zu machen. Er räumte ein, daß der Herzog von Rovigo in dieſer Angelegenheit allein richtig geurtheilt habe, fügte indeß hinzu, ſeine Ver⸗ haftung ſei einem ſpottſüchtigen Publicum gegenüber ein verdrießlicher Umſtand, gab ihm aber zugleich deutlich zu verſtehen, er werde keineswegs durch ſeine Ungnade dieſem Publicum Recht geben, und ſetzte ſodann, nach Beendigung dieſer Audienz, Jedermann durch ſichtliche Beweiſe der Gunſt in Erſtaunen, die er dem Herzoge von Rovigo zu. Theil werden ließ, indem er nach Kräften einen Miniſter wieder zu Anſehen zu bringen ſuchte, den er nicht leicht zu erſetzen wußte und den er keinenfalls durch Herrn Fouché in einem Augenblicke erſetzt haben würde, wo die Treue eine der koſtbarſten Eigenſchaften werden ſollte. So weit Herr Thiers. Nicht weniger merkwürdig und von entſchieden theatra⸗ liſcher Berechnung und Wirkung war alsdann des Kaiſers Rede vor dem Staatsrathe, in der er all' die verheerenden Wirkungen des von ihm veranlaßten, unternommenen und ausgeführten Krieges niemandem anders zur Schuld an⸗ rechnete, als den Ideologen!

iinander von einem ganz verſchiedenen Publicum beurtheilt zu ſehen, ſo ſeien über ihr dortiges Auftreten wenige Worte vor⸗ ausgeſchickt. 4

Das erſte Erſcheinen des Frl. Janauſchek in Berlin frappirte nehr, als daß es ſofort entzückte. Die Geſtalt der Künſtlerin iſt niehr eine großartige und hohe, als eine anmuthige; ihre Schön⸗ heit iſt nicht die Schönheit par excellence, die da an ſich ſchön it und nur ſchön, auch ohne jeglichen Ausdruck; dieſes Antlitz zeirkt erſt, wenn das Feuer inneren Lebens es durchleuchtet. Dazu fum, daß das Coſtüm der Gaſtin überraſchte: man war in Berlin ſewohnt, die Orſina von Frau Crelinger weiß, von Frl. Viereck ſhwarz geſpielt zu ſehen; Frl. Janauſchek wagte es, in rother Robe aufzutreten, wie weit dieſe Toilette geſchmackvoll war, wagen wir nicht zu entſcheiden; daß die Künſtlerin ſich aber damit in irgend etwas gegen Gerſon vergangen hatte, war das Urtheil der Verliner Damen. Trotz ſolcher Aeußerlichkeiten riß das Spiel der Unbekannten alsbald zu lauteſter, jede Pointe hervorhebender Anerkennung fort, die ſchließlich einen doppelten Hervorruf veran⸗ laßte. Wenn indeß dennoch die erſten Stimmen der Preſſe nicht abſolut und enthuſiaſtiſch billigende waren, ſo kann man auch leeſen ihr Recht dazu nicht abſprechen, denn die Würde des Ber⸗ liner Hoftbeaters, das ſo viele erſte Größen unter ſeine Mitglie⸗ dr gezählt hat und noch zählt, kann wohl darauf Anſpruch die zum ſondern daß er den

te führen, ſogleich ſich auffliegen ſieht, Kvalitäten gegenüber, die er zu bekämpfen hat, ſone Befähigung erweiſe.

Eine außerordentliche Begabung aber wurde von allen Sei⸗ ſen der Debütantin zugeſprochen, und wenn ſie dieſelbe auch vor

Schritt für Schritt

der rigoroſeſten Kritik in ihrem zweiten Auftreten nicht zu erhöh⸗ tter Geltung bringen konnte, ſo lag die Schuld davon in der Wahl der Rolle, die noch unglücklicher als die der erſten war. Die De⸗ borah, ſo ſehr ſie auch beim erſten Erſcheinen als Product eines neu auftauchenden Talentes mit Recht Aufſehen erregte, iſt doch jetzt für den gebildeten Berliner eins der fatalſten Stücke von der Welt. Dieſe dorfgeſchichtliche Jüdin, die von freier Liebe renom⸗ mirt, als wenn ſie unter den weiland freien Weibern bei Hippel auf der Charlottenſtraße ihre Ausbildung genoſſen hätte, und die alsdann im Stile der claſſiſchen Tragödie um einen Bauernjungen pathetiſch raſt, als wenn er ſich nicht auf die kna⸗ benhaft albernſte Weiſe gegen ſie benommen hätte, dieſe Figur gab der Künſtlerin Gelegenheit, wieder die große Menge, die das Romantiſche immer rührender findet als das Vernünftige, durch ihre Declamation zu endloſem Jubel fortzureißen, nicht aber vor der Intelligenz ihr Darſtellungstalent in echt künſtleriſchem Stile zur Entfaltung zu bringen. Wenn indeß hier ſchon dieſe Gluth der Empfindung, dieſer Dämon der Leidenſchaft einen tiefen Ein⸗ druck hervorrief, ſo konnte die dritte Rolle, die Thusnelda, doch jedenfalls keinen Zweifel darüber walten laſſen, daß die Gaſtin zu den beachtenswertheſten und originellſten Phänomenen gehört, die auf den deutſchen Bühnen jetzt heimiſch ſind.

Nachdem wir nun noch einem achtmaligen Auftreten der Künſtlerin in Leipzig beigewohnt haben, werden wir Anſpruch darauf machen dürfen, jene Berliner Eindrücke ergänzen und ein Totalbild ihrer geſammten künſtleriſchen Befähigung entwerfen zu können..

Wer ihre Thusnelda, ihre Phädra geſehenmuß ihr unbe⸗ dingt das Zeugniß geben, daß ihr die mächtigſten Mittel, das