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Männer, welche ſeinen Hof und ſeine Regierung bildeten, mit äußerſtem Hochmuthe, indem er eine ruhige, aber ſtrenge Haltung beobachtete, Erklärungen vielmehr zu erwarten ſchien, ſtatt ſie ſeinerſeits zu liefern, die Angelegenheiten des Aeußern als die unerheblichern, die des Innern aber als die wichtigſten behandelte, Aufklärung über dieſe letz⸗ tern verlangte und, mit einem Worte, Fragen ſtellte, um nicht gefragt zu werden. Unſtreitig, ſagte er, indem er ſich bald an die Einen, bald an die Andern wandte, habe man Unglück, und zwar viel Unglück während dieſes Feld⸗ zuges erfahren; die franzöſiſche Armee habe gelitten, jedoch nicht mehr, als die ruſſiſche Armee. Es ſeien das die ge⸗ wöhnlichen Chancen des Krieges, über die man nicht ſtau⸗ nen dürfe und welche für Männer von echter Art nur als Gelegenheit dienten, ihre Seelenſtärke zu bekunden. In dieſer Beziehung theilte er die Menſchen in zwei Claſſen, ſolche, die nur den gewöhnlichen Proben gewachſen, und ſolche, die über alle Proben, welche es auch ſein möchten, erhaben wären; er gab zu verſtehen, daß er nur dieſe letz⸗ tern ſchätze, und hielt dem Marſchall Ney eine ſehr ver⸗ diente Lobrede, jedoch in der Weiſe, daß er zugleich andeu⸗ ten zu wollen ſchien, es könne rückſichtlich der Ereigniſſe dieſes Krieges Niemand, auch ihn nicht, Niemand als die Männer ein Vorwurf treffen, die nicht den Muth und die Geſundheit des Marſchalls Ney beſaßen. Sodann fragte er, indem er den ruſſiſchen Feldzug als Nebenſache bei Seite ließ, wie man ſich habe überrumpeln laſſen können, warum man, wenn man ihn für todt gehalten, nicht zur Kaiſerin, zum König von Rom, als den legitimen Souve⸗ rainen nach ihm, geeilt ſei, und wie man ſo leicht zu glauben vermocht habe, daß die Ordnung der Dinge ab⸗ geſchafft ſei?
Auf dieſe gegründeten, aber unvorſichtigen Fragen— denn freilich hatte Jedermann ſeinen Tod als die natür⸗ lichſte aller Nachrichten und den Sturz ſeines Thrones nach ſeinem Tode als die natürlichſte aller Revolutionen
Novellen Zeitung. 1
III. Jabrg.
betrachtet— auf dieſe Fragen wußte Niemand zu antwor⸗ ten und ein Jeder zog ſich aus der Verlegenheit, indem er den Kopf ſenkte und einzuräumen ſchien, daß da allerdings etwas Unerklärliches im Spiele ſei. Niemand wagte es, ihm die wahre Antwort zu geben, nämlich daß ſein Kaiſer⸗
thum nicht feſt gegründet ſei, daß er mit Hülfe eines ſehr weiſen Verhaltens dieſem Kaiſerthume zwar unſtreitig einen
Anſchein von Stabilität habe geben können, wie ihn neu⸗
gegründete Reiche ſelten haben, daß man jedoch bei dem
von ihm beobachteten Verfahren ſeinem Kaiſerthume keine“ längere Dauer als die ſeines eigenen Lebens in Ausſicht
ſtelle und, wenn er wie bisher fortfahre, auch ſelbſt daran
bald zweifeln werde; daß man ſich alſo auch nicht wundern
dürfe, wenn ein verwegener Menſch, indem er ihn für er⸗
ſchoſſen ausgegeben und den Sturz ſeiner Regierung ange⸗
kündigt, überall zu glauben und zu gehorchen geneigte“ Leute gefunden habe. Dies hätte man ihm ſagen ſollen, aber man ſagte es ihm nicht, theils weil man es nicht wagte, theils auch weil man es nicht begriff. Indem Na⸗
poleon aber auf Auskunft drang, indem er eines Jeden
Aufmerkſamkeit zu lange auf dieſen Gegenſtand hinrichtete,
beging er einen Fehler; denn brachte er auch keinen der Be⸗
fragten dazu, die Wahrheit zu ſagen, ſo brachte er ſie doch
zur Erkenntniß derſelben, indem er ſie darüber nachzu⸗
denken nöthigte.
Auf ſeine dringenden Fragen antwortete man nur, in⸗ dem man mit den Augen auf den Miniſter der Polizei hin⸗ wies, den man als den eigentlichen Schuldigen, als Den⸗ jenigen bezeichnen zu wollen ſchien, der für Alles, nicht nur für Malet's Verſchwörung, ſondern vielleicht ſogar für den ruſſiſchen Feldzug büßen ſollte. Der Herzog von Rovigo befand ſich dieſen Morgen in einer völligen Iſo⸗ lirung; Niemand wagte mit ihm zu ſprechen und alle An⸗ weſenden ſahen bereits eine eclatante Ungnade für ihn kommen.
Nach einem allgemeinen und förmlichen Empfange
ihre eigenen Straßen und Plätze, Conditoreien und Badeorte. Jedes Städtchen, ehe es noch aus dem Ei gekrochen, hat ſchon ſeine Ariſtokratie, welche die kleinlichſten Unterſuchungen anſtellt, bevor ſie neuen Ankömmlingen das Gitter öffnet, mit welchem ſie ſich umzogen hat. Und wenn in einem Oertchen durchaus kein Vorzug zu entdecken wäre, den ein paar Familien für ſich in An⸗ ſpruch nehmen könnten, ſo würde der Umſtand hinreichen, daß der eine Prediger lederne Handſchuhe trüge und der andere wollene, um die Gemeinde des erſtern ſich vornehmer fühlen zu laſſen.
Die Sucht, ſtreng abgeſchloſſene Ariſtokratien zu bilden, iſt in Amerika um ſo ſonderbarer, weil dort die Grundlagen dafür fehlen. Was vom europäiſchen Adel herübergeſiedelt iſt, hat ſeine Kennzeichen und ſeine Erinnerungen verloren, es gäbe auch kein Mittel ſie zur Anerkennung zu bringen. Neue Wappenſchilde aber, ſo leidenſchaftlich reichgewordene New⸗Yorker darin verliebt ſind, machen noch weniger Eindruck. Bildung iſt faſt überall Mittelgut und zugleich Gemeingut. Das Farmermädchen denkt und ſtrebt nicht viel anders, als die reichſte Kaufherrntochter. Wenngleich hochgebildete Gentlemen, welche auf ſich ſelbſt ruhen, vorhanden ſind, ſo iſt ihre Anzahl doch überaus klein. Großes Vermögen, das vom Großvater herrührt, wird zwar höher geſchätzt, als wenn es der Vater erworben, aber es iſt weder ein ſicheres noch ausſchließliches Beſitzthum. Der Handel häuft Reichthümer zu⸗ ſammen und verſchlingt ſie wieder. Kurz es fehlt die hinreichende Anzahl alter reichbegüterter Familien, in deren Häuſern ſich der Glanz feinerer Bildung und ausgewählter Genüſſe mit öffent⸗ lichem Anſehen vereinigt. In der amerikaniſchen Geſellſchaft findet vielmehr eine ewige Fluth und Ebbe ſtatt. Das Leben
darin drängt ſich dann hier, dann dort, und kommt und geht, wie alles in Amerika. Die Männer kommen mit ihren jungen Frauen hier⸗ und dorther gezogen, man findet ſich zuſammen, gibt Geſell⸗ ſchaften, macht Ausflüͤge voll Lachen und Fröhlichkeit, aber es hat das alles etwas von dem Unſtetigen des Gaſthauslebens. Die Leute wollen ſich eben nur ſo lange mit einander vergnügen, als ſie gerade beiſammen ſind. Dieſer Gegenſatz des Flüchtigen und Wandelbaren in der amerikaniſchen Geſellſchaft macht das Beſtreben, ſich vornehm abzuſchließen, immer wieder ohnmächtig.
Man trifft in andern Ländern ſelten ſo viele Menſchen bei⸗ ſammen, welche ſich gegenſeitig mit ſo achtungsvollem Vertrauen, mit ſo viel Herzlichkeit und Offenheit behandeln und einander ſo gern und unverweilt Dienſte und Gefälligkeiten erzeigen. Und dennoch ſitzt im Hintergrunde ihrer Gedanken und Gefühle ein kleiner Egoismus, der jeden Einzelnen wie mit einer unſichtbaren Mauer umgibt und die warme Hingabe des Gemüths, die tiefere Anhänglichkeit und Verehrung ſelten auffkommen läßt. Man trägt ängſtliche Scheu, die Gefühle eines andern anzutaſten; wenn ſich aber der Mehrheit der Geſellſchaft eine Anſicht bemächtigt hat,
ſo nimmt dieſe ſofort die Schärfe des Unterſuchungsrichters an.
Theater. gaſtſpiel von fanny Janauſchek in Leipzig. Wir hatten Gelegenheit, dem Gaſtſpiel der Frankfurter Heldin in Berlin während des vorigen Monats beizuwohnen, und da es von Intereſſe ſein dürfte, dieſelbe Künſtlerin unmittelbar nach
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