Jahrgang 
01-26 (1857)
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vor ſich hin und ließ es geſchehen, daß das Mädchen ihr die naſſen Augen leiſe küßte, dann fuhr ſie fort:Ja wohl, Hedwig, er war es und das weiß ich gewiß, vor unſerm Herrgott war er hochadlig. Er hatte es lange ſtill mit ſich herumgetragen und ich hatte ihn immer lieber und

lieber und wir wußten Beide wohl, daß es ſo war, aber

ſagen wollten wir es uns nimmer. Da kam es, daß meine Mutter ſtarb und ich hatte nicht Schweſter noch Bruder und wollte in großem Leide vergehen an ihrem Sarge. Die ſelige Mutter war mir ſo unbeſchreiblich viel geweſen. Da, Kind, an ihrem Sarge, da iſt es gekommen, daß wir uns geſagt haben, wie wir im Herzen Eines dem Andern Alles waren. Ich bebte wohl vor dem Vater, aber ich wußte auch, daß nichts Sündhaftes war in unſrer großen Liebe, ich wußte es ſo gewiß, als hätte es mir die todte Mutter geſagt, darum habe ich nie zur Erde zu ſehen brauchen vor dem Vater und unſer Herrgott hat es gewollt, daß er nicht erfuhr, was ihm ein harter Stoß geweſen wäre. Aber

unſer Beider Leben wurde nun ein anderes; ich brauche Dir das nicht zu erzählen, man kann auch nicht davon

ſprechen; das Heiligſte und Schönſte, was unter zwei Menſchen beſtehen kann, das muß ſtill verſchwiegen vor jedem Andern in den Herzen leben; wird es geſagt, dann fällt der Thau von dem grünen Blatte und der Sonnen⸗ ſtrahl prallt darauf, dann mag es leicht geſchehen, daß das grüne Blatt dürre wird. Ich war jung und dachte nicht gar weit. Ich wußte wohl, daß ich den bürgerlichen Mann nicht heirathen durfte, aber ich wollte auch nicht daran denken, einen Andern nehmen zu müſſen; wenn ich je ſo weit kam mit meinen Gedanken, dann nahm ich mir vor, in ſolchem Falle den Herrn Vater anzugehen, daß ich ein Stiftsfräulein werden dürfte. Da war es, daß ich hier jenes Morgens ſaß und ernſtlicher als ſeither darüber nachdachte, wie es doch nun werden ſollte mit mir und ihm! Es war mir ſo bangſam zu Muthe wie nie vor⸗ her, ſo kam es auch, daß ich weinen mußte. Am vorigen

Dritte folge.

Tage war nämlich Sonntag geweſen und ich hatte Erich predigen hören, er legte das Gebot aus: Ehre Vater und Mutter, auf daß es Dir wohlgehe und Du lange lebeſt auf Erden. Ich ſaß im Kirchſtuhle und weinte die bit⸗ terſten Thränen, ich ſchluchzte faſt laut; ich wußte es wohl, er dachte an mich, denn wir wußten Beide aus vielerlei Gründen, daß es nun bald eine Aenderung geben würde. Seine frommen Worte ſollten mir Stärkung bringen, an ſich ſelbſt dachte er nicht, aber ein paar Mal verſagte ihm die Stimme, daß er innehalten mußte.Katharine, ſagte mein Vater, als ich neben ihm her aus der Kirche ſchritt,unſer Paſtor iſt ein Mann von echtem Schrot und Korn, und das habe ich eben bei mir beſchloſſen, von dem Tage an, wo Deine Hochzeit ſein wird, da will ich ſein Gehalt um fünfzig Reichsgulden jährlich erhöhen, die V Hälfte, das iſt herkömmlich und paſſend bei ſolcher Ge⸗ legenheit, aber die andere Hälfte erhält er um dieſer Pre⸗ digt halber. Aber Du, Kind, das ſage ich Dir, Du ſollſt mir nicht wie dieſen Morgen in der Kirche das Herz ſchwer machen, die Frau Mutter iſt wohl aufbewahrt, und für Dich wird nun auch bald geſorgt. Mir ging ein Stich durch's Herz. Ach, ich wollte wohl den Vater ehren, und Ungehorſam und Widerſetzlichkeit gegen die Eltern kannte man damals noch nicht; aber auf die Verheißung in dem Gebete wollte ich gerne verzichten in meinem jungen Herzen. Das Alles ging mir an dem Morgen durch die Seele und als ich noch hier ſaß und ſpann und weinte, da kam Dein Urgroßvater zu mir, und an dieſer Stelle hier, eine halbe Stunde ſpäter, hatte ich mein Schickſal erfahren. Unſer Gut war in damaliger Zeit noch Ma⸗

ſoratsgut und fiel immer nur männlichen Erben anheim.

Der jetzige Majoratserbe war ein Vetter, dem ich immer von Herzen gut geweſen. Der war mir zum Gemahl be⸗ ſtimmt und die Eltern von beiden Seiten bereits einig.

ſollte die Hochzeit ſein. Es bricht kein Herz von Trauer

Minna bat ſo rührend, daß der Fürſt ihr ſagte, der Grund der Verhaftung ſei die Erlauſchung eines ſehr wichtigen Staats⸗ geheimniſſes.

Bei dieſen Worten konnte das Mädchen nur mit Mühe ein lautes Gelächter unterdrücken.

1Ew. Durchlaucht, bat ſie,wollen all' der Gnade, die Sie inir bereits erzeigten, nur die eine noch hinzufügen, mit mir nach der Feſtung zu kommen, um dort ſelbſt den großen Verbrecher, den gefährlichen Spion zu verhören. 1

Ein ſchönes junges Mädchen bittet nur ſelten vergeblich; der Fürſt gewährte daher ihren Wunſch und einige Stunden darauf trat er in Begleitung Minna's in den Saal, in welchem ſich der Doctor Beatus, der Lieutenant Blume und der Vater Minna's befanden..

Herr Doctor, ſagte der Fürſt voll Güte zu dem Gelehrten, iſt es wahr, daß Sie mit oder ohne Abſicht das Geſpräch ange⸗ hört haben, das ich mit meinem Miniſter hielt, als wir Sie in meiner Bibliothek fanden?

Ja, Ew. Durchlaucht, entgegnete Beatus;die Biblio⸗ ihek, die ich hier fand, iſt in der That ausgezeichnet, und wenn es nur meinethalben wäre, würde ich ſehr gerne hier bleiben; denn nirgends läßt es ſich ruhiger ſtudiren.

Die Antwort paßte ſo wenig zu der Frage, daß der Fürſt heinahe geglaubt hätte, der Gelehrte wolle ſeiner ſpotten; indeß war deſſen Miene ſo würdevoll, deſſen ganze Haltung ſo ehrer⸗ hietig, daß der Fürſt ſein Staunen bezwang und ſagte:

Ich fragte Sie, ob Sie das Geheimniß

Gegen allen Reſpect den Fürſten unterbrechend, entgegnete glücklich erforſcht; denn ich

kann jetzt auf Jahr, Tag und Stunde, ja auf die Minute beſtim⸗ men, wann der berühmte Komet von 1720 wieder erſcheinen wird! Ich bitte daher auch nicht für mich, ſondern nur um die Gnade, daß Ew. Durchlaucht meinem Neffen und ſeinem künftigen Schwie⸗ gervater die Freiheit geben und Erſterem Ihre unſchätzbare Gunſt wieder gewähren möchten!*

Jetzt verlor der Fürſt wirklich die Geduld, und heftig rief er aus:Entweder will dieſer Menſch ſich über mich luſtig machen, oder er iſt verrückt!

Weder das Eine noch das Andere, Ew. Durchlaucht, ver⸗ ſicherte Minna mit beſcheidener Zuverſicht und ſchelmiſchem Lä⸗ cheln.Er iſt aber ſo taub, daß er von Ew. Durchlaucht Fra⸗ gen höchſtens immer das letzte Wort verſtanden hat.

Bei dieſer Erklärung brach der Fürſt in ein lautes Gelächter aus; dies aber nahm der Gelehrte für eine Verſpottung der von ihm gemachten Entdeckung, und er ſagte daher mit einem beinahe unehrerbietigen Eifer:

Wenn Ew. Durchlaucht mich auch auslachen, ſo iſt es des⸗ halb doch nicht minder wahr, daß ich die Wiederkehr des berühm⸗ ten Kometen von 1720 auf die Minute berechnet habe.

Dieſe mit beinahe komiſchem Zorne geſprochenen Worte über⸗ zeugten den Fürſten vollends, daß der große Gelehrte ſtocktaub und daher ſicher nicht Mitwiſſer des wichtigen Staatsgeheimniſſes ſei. Er ließ daher augenblicklich den Feſtungscommandanten kommen und erklärte demſelben, daß er die drei für ſo gefährlich gehaltenen Staatsgefangenen augenblicklich in Freiheit zu ſetzen habe. Dann kehrte er in ſeine Reſidenz zurück, nachdem er zuvor noch in Kenntniß geſetzt worden war, aus welcher Veranlaſſung

In der nächſten Woche kam er an, in einem Vierteljahre