Jahrgang 
01-26 (1857)
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Novellen mal ſo wie Du, ſo ruhig ſtill im Gemüthe! Ich weiß es ja wohl, die Jahre gehen dahin, dann will ich ſein wie Du Großmutter!

Die Großmutter lächelte ſtill vor ſich hin und ſchüttelte das alterſchöne Haupt.Auch in der Jugend war ich anders als Du jetzt! Es iſt nicht mehr die alte Zeit Alles iſt anders geworden, auch die Menſchen! Ich glaube, es iſt gut ſo, aber in vielen Stücken war jene Zeit auch gut, ein bischen rauher ging ſie freilich wohl mit Einem um, aber damals konnte man auch mehr vertragen, es paßte Alles gut zuſammen. Am gebrochenen Herzen wollte

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Keiner grade ſterben, aber den Schmerz hielt man ſchon

tüchtig muthig aus, und das Arbeiten war dafür eine gute Medicin. Das neumodiſche Zeug, die Romane, mach⸗ ten dazumalen auch noch keinen Menſchen mondſüchtig, und ſo aberwitzige Lieder, ohne Sinn und Verſtand, nahm Dir Keiner in den Mund. Ja, wir muſteirten auch, des Sonntags und ein Mal in der Woche des Abends. Ich ſpielte gewiß zehn ſchöne Melodien auf dem Klavier und ich ſang auch dazu. Aber das waren andere Lieder! Spinne, liebes Mütterlein, den rothen Sarafan und das Eine, Du kennſt es ja wohl, am Schluſſe eines jeden Verſes heißt es allemal:Drum wenn ich nicht ſelbſt mein Herz bewache, o da hilft kein Argus und kein Drache.

Ach Großmutter, lächelte Hedwig,weißt Du, das blieb noch immer die alte Geſchichte!

Die Großmutter ſchwieg eine kleine Weile ſtill, wie in Gedanken verſunken. Dann, als wolle ſie ſich aufraffen aus wehmüthigen Erinnerungen, begann ſie wieder eifrig zu ſpinnen und zu ſprechen.Wenn jetzt Hochzeit ſoll gehalten werden, dann iſt es ſchlimmer, als würde urplötz⸗ lich ein ganzes Regiment für den Krieg ausgerüſtet. Da i*ſt nicht vorgeſorgt, gar nicht. Da werden Damaſte ge⸗ kauft und Maſchinenleinen, es iſt ja Alles fertig zu haben in der Fabrik. Da werden nicht mehr wie ehemals die beſten und berühmteſten Tiſchler aus der Stadt verſchrie⸗

Zeitung.

ben und auf den Hof genommen, daß ſie vor und nach die gediegenen prächtigen Möhelſtücke, die ſoliden Truhen und Gelaſſe aus dem in den eigenen Waldungen gefällten V Eichenholze ſchaffen, Gott bewahre! Vier Wochen vor

der Hochzeit wird in die Möbelmagazine gefahren und das

leichtſinnige kokette Geräth fertig gekauft. Das hängt Alles zuſammen. In meiner Zeit da fing man mit vier⸗ zehn Jahren an zu ſpinnen und zu weben, und ein ſchnee⸗ weißes Stück Linnen nach dem andern glitt in die große, eiſenbeſchlagene Truhe hinein. In vier Jahren oder fünf, dann war Alles fix und fertig, dann brauchte nur der Bräutigam zu kommen.

Durfte er nicht früher da ſein? frug die Enkelin, leiſe neckend,wann kam denn der Großvater?

Ueber das Geſicht der alten Frau zuckte es faſt unmerk⸗ lich, der Faden am Spinnrad brach, ſie legte die Hände im Schooße zuſammen und ſchwieg lange.

Die neue Zeit iſt beſſer, ſagte ſie dann wie vor ſich hin.Ich wollte es nicht erzählen, nun mag es doch ge⸗ Es iſt ſechzig Jahre her und länger, da ſaß ich

ſchehen! hier an derſelben Stelle und ſpann und weinte dabei. Aber das Weinen wollte ich vor mir ſelber nicht laut werden laſſen, ich wiſchte die Thränen immer aus den Augen, be⸗ vor ſie die Backen herunterlaufen konnten. Ich hatte einen Mann unſäglich lieb, ſchon zwei ſchöne Jahre hindurch. Dein Urgroßvater aber hat es nicht gewußt und er durfte es nicht wiſſen, denn er war ein geſtrenger Herr, brav und ehrenfeſt, aber wer nicht von Adel war, der galt ihm nichts. Und derjenige, den ich ſo über Alles lieb hatte, war unſer junger Pfarrer.

Der Enkelin Augen blitzten empor:Erich, Groß⸗ mutter, o ſag', war es Erich?

Die Großmutter nickte ſtumm. Ein klarer Tropfen fiel aus ihren Augen auf die Hände der jungen Braut, womit dieſe die durchſichtig feinen Finger der Großmutter umſchloſſen hielt. Die alte Frau lächelte wie ein Engel

der hohe Gefangene es verlaſſen hatte, um den Thron des Landes zu beſteigen.

Doch die zahlreichen Erzeugniſſe des Luxus, ja ſelbſt die Ge⸗ nüſſe einer Tafel, wie er ſie noch nie in ſeinem langen Leben ge⸗ koſtet, galten unſerem Gelehrten nichts, im Vergleich zu der reichen Bibliothek, welche die eine ganze Wand bedeckte und in der er mehrere Werke fand, nach denen er ſich ſchon längſt geſehnt hatte, um ein von ihm verfolgtes Problem löſen zu können.

Ganz vertieft in einen Folianten, den er ſorgfältig von jahre⸗ lang darauf angeſammeltem Staube gereinigt hatte, hörte er es nicht, daß zu ungewöhnlicher Zeit ſeine Thür geöffnet wurde, und erſt als ſein Neffe Fritz ihm die Hand auf die Schulter legte, wurde er aus ſeinem gelehrten Grübeln erweckt.

Der junge Officier kam, ſich nach dem Grunde der ihm ganz unerklärlichen Verhaftung ſeines Oheims zu erkundigen, und als dieſer ihm das Wenige geſagt hatte, was er ſelbſt wußte, zweifelte Fritz nicht, daß hier nur ein Mißverſtändniß walten könne, und ſetzte gemeinſchaftlich mit dem alten Herrn, der ſich nicht zu rathen wußte, ein Gnadengeſuch auf, das er in die eigenen Hände des Fürſten zu übergeben verſprach.

Doch als er den Gefangenen verlaſſen wollte, ſagte man ihm zu ſeinem nicht geringen Schrecken, daß auf Befehl des Mi⸗ niſters ein Jeder, der mit dem höchſt gefährlichen Staatsgefange⸗ nen verkehrt habe, ſelbſt in Haft gehalten werden ſolle.

So ungerecht dieſer Befehll auch ſein mochte, gab es doch kein Auflehnen dagegen, und ſich in das Unvermeidliche fügend, überlegten Oheim und Neffe nun gemeinſchaftlich, auf welche Weiſe ſie ihre Freiheit wieder erlangen könnten. Noch waren ſie am nächſten Tage zu keinem Reſultate gelangt, als Minna's Vater zu

S

ihnen hereingeführt wurde, um ſich nach dem zukünftigen Schwie⸗ gerſohne zu erkundigen, da deſſen Ausbleiben ſeine Tochter mit der unausſprechlichſten Angſt erfüllt hatte, und er als ſpießbürger⸗ lich gehorſamer Vater nicht hatte ſäumen mögen, ihr womöglich Beruhigung zu verſchaffen..

Auch er wurde, als er wieder gehen wollte, zurückbehalten, und die Sache fing an ſehr ernſthaft zu werden; dennoch konnte Fritz ein Gelächter nicht unterdrücken, als er daran dachte, wie ihr gemeinſchaftliches Gefängniß einer Mauſefalle gliche, in die zwar Jedermann hineingelaſſen wurde, aus der man aber Niemand wieder hinaus ließ.

Sein Jugendmuth hielt ihn aufrecht, ſo daß er die beiden alten Herren, die faſt verzweifeln wollten, zu tröſten vermochte, und nachdem es ihm gelungen war, mit einem Soldaten der Be⸗ ſatzung ein Einverſtändniß anzuknüpfen, meldete er ſeiner Minna

iin einem ausführlichen Briefe die ganze Lage der Sache und bat

ſie dann, danach alle nöthigen Schritte zur Befreiung der drei Männer zu thun, ſich dabei aber ſorgfältig davor zu huͤten, einen Fuß in die Mauſefalle zu ſetzen..

Glücklich gelangte der Brief in die Hände des jungen Mäd⸗ chens, dem die Liebe Scharfſinn und Muth verlieh. Sie eilte nach dem Schloſſe, erbat und erlangte eine Audienz bei dem Fürſten.

Gnädigſter Fürſt, ſagte ſie,der Doctor Beatus, mein Bräutigam, der Lieutenant Blume, und mein Vater ſind Ge⸗ fangene auf dem Schloſſe Eiſenſtein; den Grund ihrer Verhaftung kenne ich zwar nicht, doch bürge ich mit meinem Leben dafür, daß allen Dreien nicht das geringſte Vergehen zur Laſt gelegt werden kann. Deshalb erſuche ich Ew. Durchlaucht um die Gnade, mir das Verbrechen des Doctor Beatus zu nennen.

[III. Jahrg.

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