Jahrgang 
01-26 (1857)
Einzelbild herunterladen

Il Vuirg Nr. 16.

mich!

V

Grasplätzen unter den Bäumen

Zroßmutter und Enkeſlin.

Novellette nach dem Leben. Von

Louiſe Eſche.

Motto: Noch iſt die Zeit der Roſen. Roquctte.

ſo werden alle Vorurtheile ſchwinden. Rouſſeau.

Hohe alte Linden und dicke Kaſtanienbäume ſtehen in weitem Halbkreiſe vor einem alterthümlichen, würdevollen Hauſe. In der Mitte des durch die Bäume eingeſchloſſe⸗ nen Raumes, in gothiſchem Stile umbaut und von ſelt⸗ ſamen, in Steinhauerarbeit ausgeführten mythologiſchen Figuren belagert, befindet ſich ein Brunnen, ſicher doppelt ſo alt, als die Bäume ſelbſt.

Es iſt aber auch, als wenn ſich die Bäume etwas dar⸗ auf zu gute wüßten, ſo in ſtattlicher Reihe den ſchönen alten Brunnen und vor allem das ehrwürdige, ſtolze Haus mit den zackigen Giebeln und weitaus gebauten, mit ſpitzen Thürmchen verſehenen Erkern ſchirmend hinter ſich bergen zu dürfen! Die ernſten Kaſtanien haben erſt vor wenigen Tagen die grünen Fächer empfangen; nun breiten ſie die⸗ ſelben zierlich aus und ſtehen da, ſtill, unbeweglich, wie verſtummt vor der eigenen Prächtigkeit, denn über Nacht ſind ihnen zahlloſe Blüthenkerzen aufgeflammt.Was ſind die Kronleuchter drinnen im Saale gegen uns! ſagte der jüngſte Kaſtanienbaum und ſtieß ſeinen Nachbar leiſe an; aber er bekam keine Antwort von dem Alten, und da blieb er auch wieder ſtille. Weit aus greifen die Bäume mit ihren Aeſten. Die ſchönſten Zweige haben ſich jeder ein Fenſter erwählt, in das ſie hineinplaudern und mit den alten Geräthſchaften drinnen in den großen tiefen Zimmern ihr loſes Spiel treiben, oder auch ernſte Worte wechſeln, je nachdem es kommt. Da iſt nun vorzüglich der älteſte Lindenbaum, der hat beſtändige uralte Freundſchaft und viel Heimlichthuerei mit den alten Familienbildern im Saale.

Draußen auf Feld und Garten lag der Tag voll bren⸗ nender Gluth, im Hofe war es waldfriſch! Und doch ſtan⸗ den die vielen grünen Tiſche und Stühle auf den weichen 3 heute leer und unbenutzt und ſahen ſich dumm an. Sonſt mußten ſie ja jeden Tag herhalten und bekamen viel zu hören und zu ſehen, was war das heute? In aller Frühe war ein Dienſtmädchen gekommen und hatte Jedes vom Kopf bis zu den Füßen

unmanierlich hergenommen, dann waren ſie aber auch den ganzen Tag in Ruhe gelaſſen worden was hatte das Alles zu bedeuten? Kam wirklich mal Jemand aus dem Hauſe, dann ging es, eins, zwei, drei über die Grasplätze geſprungen, in den Garten und dann mit Händen voll Blumen wieder ins Haus zurück, was ſollte das heißen?

Im Hauſe ſollte morgen Hochzeit ſein. Darum kam Niemand, ſich draußen hinzuſetzen, darum war Alles drin⸗ nen beſchäftigt. Das flog Trepp' auf und ab, in dem alten Bilderſaale war eine große prächtige Tafel gedeckt.

Das war doch auch noch mal wieder etwas für die alten Damen an der Wand! Sie ſahen aus ihren Rah⸗ men auf die reich beſetzte Tafel herab, als wolle Jede das Silber erkennen, was ſie ſelbſt vor ſo und ſo viel Jahren als Brautſchatz mit ins Haus gebracht hatte. Die alten Herren ſahen bedenklicher darein. Das ſollte Gott wiſſen, was ſie morgen für leichtfertige, freiheitsſinnige Reden zu hören bekamen. Mit der jungen Generation war es nichts mehr. Wohin war der ariſtokratiſche Sinn gekom⸗ men? Wie manches haarſträubende Geſpräch hatten ſie nicht ſchon hören müſſen über den alten Adel und die ehr⸗ würdigen Reichstitel! Als wenn das verbrauchte Firmen wären! Und morgen morgen hatte die junge Tochter im Hauſe Hochzeit mit einem Bürgerlichen, einem modernen Kreisrichter! Hatten ſie je ſo etwas erlebt? Geſehen hatten ſie ihn ſchon, aber er ſah nun einmal gerade ſo aus, als die eigenen hochgeborenen Enkel, und Alle ſtanden auf Du und Du mit ihm und thaten, als ſei er genau ihres Gleichen. Es war wenigſtens gut, daß ſie die Trauung nicht anzuſehen brauchten. Der Trautiſch wurde oben im Nebenzimmer geſchmückt.

Zwei junge Mädchen, die Schweſtern des Brautpaares, ſchlangen ein Gewinde von glänzend friſchem Sommergrün um die weiße Damaſtdecke. Sie waren heiter und voll Erwartung und Freude für morgen. Die Thüre öffnete ſich ein wenig ein ſchönes glückliches Geſicht bog ſich herein! Aber, da bei dem leiſen Geräuſche, das die ſich öffnende Thüre verurſachte, warfen die Beiden drinnen gleichzeitig die Locken aus den lachenden Geſichtern, nur ein Aufblick, aber er ſcheuchte die lauſchende Braut wieder

wurde.

Die arme Braut hatte heute nirgend ein Bleiben. Ihr morgender Ehrentag ſchloß ſie von jeder häuslichen Be⸗ ſchäftigung aus, wie dürfte die Braut auch nur an das

Kleinſte, was ihren Hochzeitstag ſchmücken ſoll, helfende Hand anlegen? Die blühenden Gewinde, die überall in den Thüren, Treppen und Gängen leiſe ſchaukeln, ſie wollen morgen auf ſie herniederlachen, nur für ſie da ſein; darum

von der Thüre hinweg, die nun ſchnell hinter ihr geriegelt