Jahrgang 
01-26 (1857)
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Saal trat, ſtanden ſie Alle auf, ihn zu begrüßen, und ver⸗ neigten ſich ſo tief, als ob er ein König wär', und wie nun mein Mann ringsum ſein Compliment macht, da ward er gewahr, daß alle die Damen um ihren Kopf ein blauſei⸗ denes Band geſchlungen hatten und auf jedem Band war meines Mannes Name mit ſilbernen Buchſtaben eingewirkt. Der Hausherr aber hatte denſelbigen Namen an beiden Enden ſeines Rockkragens mit feinen Stahlperlen einge⸗ ſtickt, daß es ausſah, als ſei er meines Mannes Diener und trage ſeine Livrée. Es war ein prächtiges Feſt, das ihm der Herr Shaw, ſo hieß der Hausherr, gab, und zu⸗ letzt bat Herr Shaw meinen Alten, ihm ein Andenken zu geben, und er gab ihm eine kleine Tabakdoſe, die er ſich juſt den Tag für ein paar Gulden gekauft hatte, und dann bat er ſich auch ein Andenken von der Hausherrin aus, von der mein Mann ſagt, daß ſie die ſchönſte Frau auf Erden iſt. Da nahm die Madame Shaw das Band aus ihrem Haare und gab's dem Mann und er hat's an ſeine Lippen gedrückt und hat geſchworen, nur an ſeinen größten Ehrentagen wolle er das Band tragen. Und ſiehſt Du, Katrinel, er hat Wort gehalten, denn er hat das Band ge⸗ tragen, als er zum Kaiſer ging. Aber meine Geſchicht' iſt noch nit ganz aus, hör' nur weiter! Ein paar Tage ſpäter ging der Herr wieder hin, den Herrn Shaw zu be⸗ ſuchen, da zeigt ihm der die Doſ', die mein Mann ihm ge⸗ ſchenkt hat. Er hatte ein Futteral von Silber darüber machen laſſen, darauf war eine Leier gar ſchön eingegraben und ringsum ſtand eine lateiniſche Inſchrift, welche beſagt, daß mein großer berühmter Mann ihm die Doſe geſchenkt habe. Iſt meine Geſchichte nit ſchön, Katrinel?

Ja, die Geſchichte iſt ſchön, ſagte die alte Katrinel ſinnend,nur die ſchöne Madam Shaw will mir nit ganz gefallen. Ich wett', der Herr Doctor hat auch den Papa⸗ gei von ihr, und darum hat er das Viech ſo gern, obwohl es ſo ſchauderhaft ſchreit und den Herrn gewiß oft in der

Novelſen⸗Zeilung.

Arbeit ſtört.

[III. Ja hrg

Ja, er hat den Vogel von der ſchönen Madam Shaw, ſagte die Herrin lächelnd.Sie hat das Paperl gelehrt, drei Melodien aus des Herrn ſchönſten Quartetten zu pfei⸗ fen. Sie ſelbſt hat den Vogel wochenlang darin unter⸗ richtet, hat ihm alle Tage viel Stunden lang die Melodien vorgeſungen und vorgepfiffen, und als er ſie dann auch hat pfeifen können, da hat ſie den Vogel zum Abſchied an mei⸗ nen Mann gegeben.

Aber das Thier pfeift und ſingt doch nimmer die Me⸗ lodien; erſt ein einzig Mal, gleich wie er gekommen war, hat er ſie geſungen, nachher nimmer mehr.

Das macht gewiß, er hört hier alle Tag' ſo viel Muſik und ſo viel neue Melodien, die der Herr auf ſeinem Claveſinbulum trommelt, daß das dem armen Thier den Kopf verwirrt und er ſeine eigenen Melodien vergeſſen hat.

Aber ſein engliſch Kauderwälſch hat er doch nimmer verlernt, brummte Katrinel.Was bedeuten wohl die Worto, die er allzeit kreiſcht?

Es iſt auch ein Sprüchel, das ihn die ſchöne Madam Shaw gelehrt, Katrinel. Weiß nit ganz mehr, wie es heißt; aber es fangt an: Vergiß mein nicht, vergiß nicht und da fängt das Thier wieder an zu ſchr ien und zu kreiſchen. Gewiß hat er heute noch keinen Zucker bekommen. Wo iſt denn der Conrad, daß er den Vogel beſorgt?

Er iſt in die Stadt gegangen, der Herr Doctor hat ihm Commiſſionen gegeben!

Jeſus Maria, das Geſchrei wird immer fürchterlicher! Geh doch, Katrinel, gib dem armen Paperl ſein Stück Zucker!

Ich wag's nit, Frau Doctorin, er ſchnappt immer nach mir mit ſeinem abſcheulichen Schnabel, und wenn ihn die Kett' nicht hindern thät', würde er mir die Augen aus⸗ hacken! 24

Er macht's mit mir juſt eben ſo, ſagte die Frau Doctorin ängſtlich,aber wir können doch deshalb das

Manzerl iſt der Beelzebub und die Straf⸗Drohung ſämmt⸗ licher Kinder des Dorfes und mein mitleidiger Ausruf:Armer Manzerl war vielleicht der erſte freundliche, helle Klang, der in ſein wüſtes, rußiges Leben drang. Außer in der Kirche erſcheint er nie unter den Bauern; die Glashütte mit ihrer Gluth und ihren Rauchwolken iſt die ihm allein zugeſtandene Welt; über dem Ofen wird er einſt einſchlafen, ohne Rechenſchaft von Gott und Menſchen für ſolch jammervolles Daſein zu fordern, kein Glück fühlend als den erſten Lichtſtrahl, der von drüben herüber in die von Ruß und Schmach befreite Seele fällt..

Wenn er mich jetzt ſieht und ich ſuche ihn faſt täglich mit Eifer auf, dann wendet er den Kopf nach mir, zeigt mir die weißen Zähne und ruft:Vergelt's Gott! läßt ſich aber um Alles nicht aufhalten und geht ſchnell vorbei.

Geſtern, vor meiner Abreiſe, ging ich in die Glashütte, um von meinem ſchwarzen Manzerl Abſchied zu nehmen; ich trat vor ihn hin, daß er mir nicht entkommen konnte, reichte ihm meine Börſe in die Hand und drückte dieſe harten heißen Finger recht herzlich. Er ſah mich groß an und ſchien nicht u begreifen, wie er zu dem Reichthum komme. Als ich ſagte:Behüt dich Gott, Blechinger, ich geh jetzt fort, und der Onkel hat verſprochen, daß Du auf der Hütte bleibſt bis an Dein End! da war's, als

ſſenen Herzen lſen.

wollte eine Empfindung ſich aus dem verſchloſſ Es glänzte etwas Naſſes in ſeinen Augen aber ſeine Zunge, brachte nichts hervor, als die wenigen Worte:Behüt' Gott! Vergelt's Gott! Dabei drückte er meine Hand wie ein Stück Holz zuſammen, ich hielt den Druck herzhaft aus, wiſchte mir die Thränen von den Wangen und lief fort. Als ich mich an dem Hüttenthor umwandte, ſtand der Cyklope noch unbeweglich und

ſah mir nach. Ich hörte ſein heiſeres:Vergelt's Gott! no 5 g

lange in mir.

Jetzt ſind Wochen, Monate vergangen, und die ſchwarze Ge⸗ ſtalt kritt mir immer wieder vor die Seele. Kaum je iſt mir nach ſo kurzer Begegnung ein Bild ſo vertraut geworden, nie eines ſo unabläſſig rührend! Du weißt, ich wollte nie an das Ungewöhn⸗ liche im gewöhnlichen Leben glauben, dieſe wehmuthvolle Erin⸗ nerung feſſelt und beſchäftigt mich wie ein Roman.

Zur Länder⸗ und Völkerkunde.

Ein chineſiſches Diner. 2

In dem von uns kürzlich erwähnten intereſſanten Reiſewerke des Herrn von FerridreUne Ambassade française en Chine befindet ſich unter Andern auch die Beſchreibung eines Feſtmahles, welches der Vicekönig zu Ehren der franzöſiſchen Geſandtſchaft veranſtaltete. 4

Als wir in den Speiſeſaal traten, erzählt Herr von Ferrière, wurden unſere Augen von einem feenartigen Schauſpiel betroffen. Die Tiſche waren in dem Säulengange hergerichtet und das Ge⸗ länder und die Treppen deſſelben mit roſenfarbenen Kerzen be⸗ leuchtet. Der große Saal oder vielmehr der Garten unten war mit blauen, gelben oder grünen Lichtern erhellt, die aus tauſend in Girandolen, Säulchen und Roſen zuſammengeſtellten farbigen Gläſern ihre Strahlen verbreiteten und mit ihren Lichtſchattirun⸗

en die Bäume, Pflanzen, Blumen, ſo wie die weißgewandige Menge, welche ſich zu unſern Füßen auf der andern Seite des