gewählt.
beſtimmt,
umt
Nr. 15.]
mäßig gebrauchen, deren Beſchäftigung ein ganzes Leben
239
Poeſie kennt man keine Ueberlieferung einer Technik, kein Lehrverhältniß zwiſchen Meiſter und Schüler; jedes ein— zelne Talent iſt hier auf ſich ſelbſt, das einzelne, angewie⸗ Gedichte von Hermann Marggraff.— Leipzig, ſen, und wahrlich, der Künſtfertigkeit nur einer der ver— F. A. Brockhaus. 1857. ſchiedenen Dichtungsgattungen vollkommen Meiſter zu .„... werden, bedarf einer ganzen angeſtrengten Lebensthätig⸗ Wie in den kürzlich von uns beſprochenen Gedichten keit, eines nie ermüdenden Strebens, das die weite Ent⸗ von Melchior Meyr, ſo liegt auch in dieſen nicht ein direct fernung ſeines Zieles oft um ſo mehr erſt erkennt, je mehr für die Veröffentlichung fabricirtes Bändchen vor uns, es ihm nahe zu ſein ſchon meinte. ſondern das innerlichſte Reſultat eines Menſchenlebens, 3. nicht der ſchleunig zuſammengeraffte Blüthenſtrauß eines Freilich wird nicht ein Jeder, ſelbſt bei äußerſter Red⸗ kurzen Frühlings, ſondern die reiche Blumenleſe aus mehr(lichkeit und Unermüdlichkeit des Strebens, das Ziel der als dreißig Frühlingen, die trotz aller Winterfröſte und geſuchten Vollendung erreichen, und wer es von der Nähe Stürme des mühevollen Gelehrtenlebens dem Dichter im-⸗ zu betrachten Gelegenheit hat, der muß ſich ſagen, daß die mer und immer wieder bis in die Gegenwart hinauf den Erfolge im Kampfe um den künſtleriſchen Lorbeer, im Beſuch des„Mädchens aus der Fremde“ mitbrachten, das Wettlauf der Talente nach dem Ziele öffentlicher Anerken⸗ bekanntlich das Thal der armen Hirten ſtets vornehmlich nung etwas myſteriös Unberechenbares ſind. Da iſt der beglückt hat. Eine, der arbeitet mit genialer Leichtigkeit; was er auf Marggraff iſt eines jener Talente, die die Bewegung das Papier hinwirft, trägt den Stempel überraſchenden vom Jahre 1830 von der Univerſität in die Literatur, aus Talents, aber nicht gereifter Vollendung, und dieſer Eine, der Wiſſenſchaft in das öffentliche Leben rief. Iſt das nicht der täglich einen großartigen Entwurf dahinzuſchleudern ein der deutſchen Jugend tief eingepflanzter Zug— die vermag, iſt in ſeinem ganzen Leben nicht einen einzigen zur Sehnſucht nach einem ideellen Berufe, nach der weihevollen Fertigkeit zu bringen im Stande. Ein Andrer dagegen Beſchäftigung mit Poeſie und Künſten, nach dem Leben trägt ſich Jahre lang, ſein Leben lang vielleicht mit einer des freien Denkers? Ja, man kann wohl annehmen, daß es Idee, er beginnt die Ausführung mit kindiſcher Ungeſchick⸗ wenige Gebildete, vielleicht keinen von der Univerſität aus-⸗ lichkeit, aber er concentrirt ſein ganzes Weſen auf dieſen gegangenen außerordentlichen Mann gibt, der nicht irgend Gedanken, er wagt es, in allen anderen Dingen närriſch einmal mit dem Gedanken oder gar mit Verſuchen umge⸗ zu erſcheinen, und erzeugt endlich in müh- und qualvoller gangen wäre, in irgend einer der freien Künſte ſein Lebens⸗ Arbeit ein Werk, das ſeinen Namen auf die Nachwelt bringt. glück zu ſuchen. Aber immer nur Einzelne, ſcheinbar Be⸗ Wieder Einer nimmt in ungewohnt jugendlichen Jahren vorzugte ſind es, die eine ſolche Laufbahn wirklich zu be⸗ einen meteorartigen Anlauf; ſein erſtes Werk ſcheint ein treten Energie oder Gelegenheit haben. Und dieſer ſoge⸗ Meiſterwerk, Arbeit folgt auf Arbeit, Erfolg auf Erfolg, nannten Bevorzugten Schickſal, was iſt es alsdann? doch plötzlich— iſt die Kraft erſchöpft, iſt der Muth ge⸗ Es iſt ein eigenthümliches Vorurtheil, das gegen den brochen?— im Begriff, die olympiſche Höhe zu erreichen, Stand gerade des Literaten in der bürgerlichen Geſellſchaft iſt der Anlauf gelähmt und nie wieder ſammelte dieſes für mannigfach exiſtirt und von gewiſſen Seiten abſichtlich unerſchöpflich gehaltene Talent ſich auch nur zu mittel— wach erhalten wird. Daß ein Gebildeter irgend einer an- mäßiger Schöpfung. Noch ein Andrer hat bis in das dern Kunſt ſich widme, der Muſik, der Malerei, Sculptur, hohe Mannesalter als Stümper gegolten, mit keiner Arbeit ſelbſt dem Theater, das wird von Dieſem und Jenem viel- Ernſt gemacht, keine Spur von Originalität von ſich ge— leicht mit Achſelzucken bedauert, aber immerhin doch als geben, und mit einem Male ſchlägt er eine Tonart an, die begreiflich angeſehn, und ſolche Beſchäftigung gilt als ein noch nicht dageweſen; nun entzückt er die Welt mit Gedicht wenn nicht beneidenswerther, ſo doch immer das Leben aus⸗ über Gedicht, die alle das Gepräge ungeahnter Vollendung füllender Beruf. Nicht ſo mit der literariſchen Carriere. tragen. Dieſer geht daran zu Grunde, daß er bei un⸗ Dieſe möchte man gar zu gern als etwas durchaus Neben⸗ glaublicher Begabung zu Vieles und zu Großes will; jener ſächliches, als einen Dilettantismus und deshalb als etwas iſt in den Himmel erhoben, weil er ſeine ſchwachen Kräfte nicht ganz Ehrenvolles angeſehen wiſſen, weil ihr der auf ein enges kleinliches Gebiet beſchränkte, und ein Dritter, Zwang der Zunft, das Schulmäßige der Bildung, die Re- der es ihm nachmachen will, kommt nie zu einem Ziele, gelmäßigkeit in der Ausübung und die Nothwendigkeit in weil er ſich auf die eine Gattung concentrirte, da die Natur
Literariſche Beſprechungen.
der bürgerlichen Geſellſchaft fehle. Dennoch aber zeigt es ihn für die andere beſtimmte. Hier arbeitet ein ernſtes
ſich als Thatſache, daß die beſtehenden Inſtitute des Buch- Genie ohne Lohn, das unermüdlich neuen Lebensſtoff aus handels und der Journaliſtik ſo und ſo viel Kräfte regel⸗ bisher verſchloſſenen Schachten fördert; dort gelangt ein gefälliges Talent zu Geld und Ehre, weil es Allen einnimmt und durch dilettantiſche Thätigkeit nicht erſetzt gemeinſames Material geſchickt zu formen weiß. Dieſe werden kann. Was aber vornehmlich die freie Production V ſchnell gefextigte Arbeit wird augenblicklich in Jedes Mund betrifft, ſo iſt das eben ein Unglück unſerer geſammten getragen, um in Jahresfriſt vergeſſen zu ſein; jene werth⸗ Literatur ſeit den Claſſikern, daß man dieſe nicht als aus⸗- volle Studie liegt Jahrzehnte unbeachtet, bis der Zufall ſchließlichen Beruf, als vollgültige Zunft anzuſehen und ſie in das verdiente Licht ſtellt. Glückliche Lebensverhält⸗ zu betreiben gewohnt war. Die ſchulmäßige Ausbildung niſſe ſind es ein Mal, die ein Talent zur Blüthe bringen, in keiner Kunſt iſt ſo ſchwer zu erlangen, als in den poeti- ein ander Mal, die es in Trägheit einſchlummern laſſen; ſchen Künſten, eben weil es hier keine Schulen, Akademien, dieſe Größe war durch den Druck der Nothwendigkeit zu Conſervatorien und ſonſtige Lehranſtalten gibt. In der ihrer ganzen Entfaltung erſt emporgetrieben, jene kam vor
—


