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218 Novellen⸗
und zum Grafen gewendet, fragte ſie mit ernſtex Miene: „Sie beſtehen darauf, Herr Graf?“
„Ja, und wenn Sie mich hören—
„Sie ſollen überraſcht werden,“ antwortete kurz die Gräfin.
Die Thüre ging auf, der Abbate trat ein, der Graf entfernte ſich unter dem gewohnten Ceremoniell.
Graf Lodovico war indeß voll der reizendſten Bilder über die Unabhängigkeit Venedigs nach ſeinem Palaſte zurückgekehrt. Er ſah im Geiſte durch die unermeßlichen Schätze die drückende Noth der armen Stadt erleichtert, Miethtruppen und Lebensmittel durch die Allmacht des Goldes hervorgezaubert und den Marcus⸗Löwen ſiegreich aus dem ungleichen Kampfe hervorgehen. Jeder Augen⸗ blick des Verzuges ſchien ihm ein Diebſtahl am Glücke ſeiner Vaterſtadt. Der Raum ſeiner Wohnung war für das Hochgefühl ſeines Herzens zu enge, er mußte hinaus,
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doppelt glücklich! Dieſer Sonntag war ein herrlicher Maitag. Das dunkle Blau des wolkenloſen Himmels ſpiegelte ſich ſo klar und hell in der blauen Lagune wider, und die architektoniſche Pracht der ſchönen Meereskönigin ſtieg aus dem naſſen Spiegel hervor wie eine feſtlich ge⸗ ſchmückte Braut, auf deren Stirne der Ernſt thront, in⸗ deß das ſelige Auge ſchon im Vorgenuſſe der nächſten Zu⸗ kunft ſtrahlt. Nur eine wehmuthvolle Seite trübte dieſes ſchöne Bild,— die ſchwere Trauer im Herzen ſeiner Be⸗ wohner, welche ſchweigſam, angſtvoll durch die Gäßchen wandelten. Lodovico, einen ſo ſchönen und heitern Him⸗ mel in ſeinem Innern, als jener, der über ſeinem Haupte ſich wölbte, fühlte doppelt ſchwer dieſen Contraſt. Halb⸗ laut murmelte er vor ſich hin:„Heute ſoll Euer Glück ge⸗ gründet werden!“
Am Marcus⸗Platze herrſchte reges Leben. Politiſche Combinationen und Reflexionen bildeten in allen Kaffee⸗
— fühlt ſich ja der glückliche Menſch in der freien Natur
Zeitung.[III. Jahrg. V
häuſern den Hauptgegenſtand der Unterhaltung, nur Lodo⸗
vico ſaß allein vor dem Café Florian und ſtarrte wie ge⸗ dankenlos in die vorbeiwogende Menge, war ja ſeine ganze Seele bei Bianca. Vergebens ſuchte ſie ſein Auge unter all' den prachtvollen Toiletten; was mag der Grund ihres heutigen Ausbleibens ſein? Er hatte wohl über eine Stunde an ſeinem Platze geſeſſen, ſie hätte nicht unbe⸗ merkt vorbeikommen können. Unwillig ſtand er auf, um ſich nach ihrem Palaſte zur Abendgeſellſchaft zu begeben.
Als er in dem Palaſte der Gräfin anlangte, überreichte ihm die Cameriera ein Billet. Er brach es haſtig auf und las:„Lieber Graf! Ein höchſt wichtiges Familien⸗ geſchäft rief mich nach Chioggia, wohin mich der Abbate begleitete. Ich hoffe, in ein paax Tagen wieder in Vene⸗ dig zu ſein, um Ihnen die bewußte angenehme Ueber⸗ raſchung zu bereiten. Bis dahin leben Sie wohl!— Ihre Bianca!“.
„Ein paar Tage!“ rief der Ungeduldige aus.„Ein paar Tage! Wie ſie ſo leichtfertig mit der Zeit tändelt, als ob das Schickſal einen Vertrag mit ihr geſchloſſen hätte, daß es ein paar Tage zu warten habe, als ob jede
verzögerte Minute, in der man hätte helfen können, nicht ſchon eine geſtohlene wäre! Und dieſer Abbate, der mir ſo oft ſchon in die Quere kam! Mußte er eben damals kommen und nicht eine Viertelſtunde ſpäter? Muß doch das Schickſal eine ſolche Menge ſcheinbarer Kleinigkeiten gerade vor mir zu einem Berge aufthürmen, der mich an meinem Vorhaben hindern ſoll! Muß das Schickſal Vene⸗ digs eben in Weiberhänden liegen, die ein Abbate nach ſeiner Willkühr leitet!“
Voll Unmuth kehrte er nach Hauſe zurück. Bis tief in die Nacht blätterte er in den Journalen, die ihm niemals ſo leer und abgeſchmackt vorgekommen, als eben heute.
Ein Tag nach dem andern verging, Bianca war noch immer nicht zurückgekehrt. Täglich ging er nach ihrem Palaſte, täglich bekam er die Antwort:„Noch nicht.“
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der zugleich Arzt und Phyſiolog iſt, ſo trefflich behandelt werden. Das Studium der Weine in ihren Beziehungen zu den verſchiede⸗ nen Conſtitutionen und Temperamenten, dem Alter, dem Geſchlecht und den Beſchäftigungen der Weinconſumenten iſt in der That der ernſteſten Beachtung würdig. Gaubert beweiſt bei der Beantwor⸗ tung der Frage, welchen Wein man wählen, ſeiner Conſtitution und Lebensweiſe und zugleich ſeinem Budget aneignen ſolle, eine außerordentliche Umſicht und er wendet die Chemie auf den Wein in ihrer vollen Macht an.
Es würde uns zu weit führen, wollten wir dem Doctor Gau⸗ bert in den gelehrten Unterſcheidungen hinſichtlich der Wirkung der verſchiedenen Weinſorten auf unſere Organe folgen; wir wollen hier bloß noch erwähnen, daß derſelbe von den franzöſiſchen Weinen
geoiſie bilden diejenigen, die gleich der ruhigen, rechtſchaffenen und mäßigen Bourgeoiſie zuweilen reich an ſoliden Verdienſten, häufiger aber ohne große Eigenſchaften und eben ſo ohne Fehler ſind; dann folgt die Multitude und in einem noch geringern Grade die vile multitude, die aber der Dr. Gaubert, als ein wür⸗ diger Sohn ſeiner Zeit, aus ihrer Niedrigkeit zu erheben wünſcht, zu welchem Zwecke er ſich nicht bloß auf Wünſche beſchränkt, ſon⸗ dern zugleich die nöthigen Mittel nachweiſt. Dabei gibt der Ver⸗ faſſer den Weinconſumenten über den Ankauf und den Gebrauch des Weins, dieſes wichtigen Hülfsmittels für die Ver⸗ dauung, ſehr nützliche Rathſchläge. So ſagt er z. B. demjenigen, der bei einem reichen Diner des Guten zu viel gethan hat:„Die Hülfe der mouſſirenden Weine iſt in ſolchen Umſtänden nicht genü⸗ gend; ſie perſprechen in ſolchen Fällen mehr als ſie halten. Ein
diejenigen als die Ariſtokratie bezeichnet, die durch ihre Treff⸗ lichkeit den Geiſt ermuntern und das Herz erfreuen; die Bour⸗
Deſſertwein, ein alter Keres, in kleinen Zügen genoſſen, iſt dann ein weit ſichreres Mittel zur Beſeitigung der Unannehmlichkeiten des
überfüllten Magens.“ 1. 72 Bekanntlich bildet die Weinausfuhr einen wichtigen Artikel
des franzöſiſchen Handels. Von den 12— 14 Millionen Flaſchen Champagner, die in Frankreich jährlich fabricirt werden, wird ein V ſehr großer Theil auf den Tafeln engliſcher Lords und ruſſiſcher Bojaren verzehrt. In Frankreich beſchäftigen ſich eine Million Menſchen mit dem Bau, der Bereitung und dem Handel des Weins, der aber auch in dem Nationalreichthum zwei Milliarden vertritt, wie ſich das und vieles Andere aus dem Buche des Dr. Gaubert erſehen läßt. C.
Aus der Gegenwart. Die maritime Entwickelung Preußens. Das zweite Heft der neuen Brockhaus'ſchen Monatsſchrift: „Unſere Zeit“ bringt unter obigem Titel eine biſtoriſch⸗ſtatiſtiſche Darſtellung der preußiſchen Seemacht.
h Die hiſtoriſchen Bezüge dabei ſind freilich gering: bisher war es nur unter dem großen Kurfürſten und unter dem erſten Könige, daß man überhaupt von preußiſchen Segeln ſprechen konnte. Seit dem Jahre 1848 aber,
ſo heißt es, haben ſich Preußens maritime Streitkräfte in ruhiger Sicherheit für eine ſtürmiſche wie für eine friedliche Zukunft ent⸗
Wahtr. vielverheißend für Preußen, das ſich zu dieſen höheren Stufen der militairiſchen und handelspolitiſchen Machtentfaltung
endlich aufgekämpft hat, nicht weniger verheißend für diejenigen
deutſchen Staaten, die in dieſem Streben einen Antheil der noth⸗
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