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Venedig Beſitz; Lodovico Manin war nur noch ein ein⸗ facher Bürger. Und gleichfalls am 18. Jänner 1848, alſo gerade nach fünfzig Jahren, an eben demſelben Tage, faſt um die nämliche Stunde wurde ein anderer Manin
als Staatsverräther in das Gefängniß abgeführt,— Als meine Mutter es ihm in die Hand gelegt, gab er es
ſollte man nicht an eine abſichtliche Ironie des Schickſals glauben?
„Erſparen Sie mir, lieber Graf, die Schilderung der damaligen Verhältniſſe, welche meine Mutter in lebendigen Zügen mir oftmals entworfen; auch Ihnen werden ſie oft mitgetheilt worden ſein. So große politiſche Umgeſtal⸗ tungen ſind ſtets von mancherlei Uebeln begleitet, weil ſie
Charakterloſigkeit verbreiten. Während die Einen vor dem neuen Herrn in kriechender Unterthänigkeit ſich krümmten, waren Andere unbeſonnen genug, von Verſchwörungen das Heil des Vaterlandes zu hoffen. Beneidenswerth iſt derje⸗ nige, der in ſo allgemeinem Sturme das Gleichgewicht des geſunden Raiſonnements nicht verliert und als feſter Charakter weder zum Heuchler noch zum Schwärmer wird. Lodovico Manin war keines von beiden. um ſich noch an Neuerungen gewöhnen zu können, und gleich einem Donnerſchlage traf ihn die Aufforderung, den Eid der Treue dem neuen Staate in die Hand Péſaro's zu ſchwören. Am feſtgeſetzten Tage beſteigt der tiefgebeugte Greis die Gondel, die ihn nach dem Regierungsgebäude bringen ſoll. Er war noch nicht lange im Saale, da er⸗ hebt ſich ein dumpfes Gemurmel, das ſtets lauter und lauter wird und einer allgemeinen Verwirrung Platz macht. In dem Augenblicke, als der greiſe Doge den geforderten Eid der Treue leiſten ſollte, wurde er vom Schlage getroffen und man trug den halbtodten Mann die Treppe hinunter. Meine Mutter, wie Sie wiſſen, war eine der nächſten Ver⸗ wandten und der Liebling des Dogen; Sie können ſich den
fürchterlichen Moment denken, als man den faſt lebloſen
Greis in ihre Wohnung brachte. Manin war nicht todt,
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die Beſinnung kehrte zurück, doch hatte er die Sprache verloren. Nachdem man ihn auf ein Ruhebett gebracht und ſein Oberkleid geöffnet hatte, ſchlüpfte ein Goldſtück, das an einer Schnur hing, hervor. Der Doge hatte es bemerkt und gab ein Zeichen, man möge es abnehmen.
ihr zurück. Ein krampfhafter Händedruck, ein wehmuth⸗ voller Blick waren die einzigen Dolmetſche ſeiner kämpfen⸗ den Gefühle. An demſelben Tage noch ſtarb der greiſe, letzte Doge von Venedig.
„Meine Mutter bewahrte dieſes Goldſtück als heiliges
Andenken, als einen Talisman, der Glück und Segen über bis in die Familien Parteiſpaltungen, Mißtrauen und
die Familie bringen ſollte; ſie hätte es bei Lebzeiten nie— mals aus den Händen gegeben. An ihrem Todtenbette gab ſie es mir, ihrer einzigen Tochter, mit tauſend mütter⸗ lichen Lehren und Segnungen.
„Herr Graf, Sie ſehen, welch große Bedeutung die⸗ ſes Amulet für mich, aber auch nur für mich hat; Sie
ſehen, welch große Erinnerungen ſich an daſſelbe knüpfen.
Ich frage Sie nun offen: Herr Graf, was müßten Sie
Er war zu alt,
ſich von einer Dame denken, die einen ſo heiligen Familien⸗ ſchatz, eine ſolche Erinnerung aus ihren Händen gäbe, bloß um die Laune eines Mannes zu befriedigen, ja ſelbſt für den Fall, daß der Mann ihr nicht gleichgültig wäre? Ueberlegen Sie ernſt, ob Sie dieſes von mir fordern können?“
Eine lange Pauſe trat ein;— endlich begann der Graf:
„Selbſt nach dieſer Auseinanderſetzung kann ich nicht anders, als auf meiner Bitte beharren, und wenn Sie, liebe Bianca, mich gehört haben, werden Sie ſelbſt ur⸗ theilen.“
Die Cameriera trat ein und meldete den Abbate Don Bortolo, der eiligſt mit der Dame des Hauſes zu ſprechen wünſche.
„Ein paar Augenblicke Geduld,“ entgegnete die Gräfin,
und von den übrigen 24 Millionen Hectolitres iſt die Hälfte mittel⸗ mäßig und die andere Hälfte gering oder ſogar ſchlecht, ja es gibt darunter ſelbſt abſcheuliche Gewächſe. Man ſieht daraus, wie ſehr die Wagſchale ſich auf Seiten der geringen Weine neigt. Gaubert beweiſt das, denn er beſchäftigt ſich nicht bloß mit den franzöſiſchen Weinen. Er hebt dann hervor, daß in Frankreich der Genuß des Weins weit allgemeiner verbreitet iſt, als in jedem andern Lande, daß aber auch die klimatiſchen Verhältniſſe daſelbſt für den Wein⸗ bau günſtiger ſind, als in vielen andern Ländern, und nachdem er die önologiſche Bilanz gezogen hat, ſtellt er die Frage, wie die
Weinbauern der letzten Kategorie bei im allgemeinen vortrefflichen
Trauben das Mittel finden, ſchlechten Wein zu erzeugen. Er findet
die Schuld in dem Mangel an Sorgfalt und in der Verfahrungsart
bei der Bereitung und Behandlung der Weine, aber auch in dem Mangel des Abſatzes, weshalb man ſich in manchen Departements gar keine Mühe mit dem Weine gebe. Der Verfaſſer ertheilt in die⸗ ſer Beziehung Rathſchläge, die, wenn ſie von den Weinbauern be⸗ herzigt werden, den Reichthum Frankreichs an Wein, ſowohl nach der Quantität wie nach der Qualität, bedeutend vermehren müſſen.
Höchſt intereſſant in dieſem Buche iſt das Capitel von der fermentation vinaire, über die Menge von Verfahren, die bei der ſo wichtigen Weingährung für die Kunſt der Weinbereitung ange⸗ wendet werden. Wer nicht ſelbſt Oenolog iſt oder die von uns be⸗ ſprochene Schrift nicht geleſen hat, der kann ſich gar nicht vor⸗ ſtellen, in wie viel Stämme, Unterſtämme, Gruppen und Sorten ſich dieſes Collectivweſen vertheilt, das man mit dem allgemeinen
Namen Wein bezeichnet, das ſich im Faſſe und in der Flaſche un⸗
aufhörlich verändert und das ſeine Jugend, ſein männliches und Greiſenalter hat, das endlich hinfällig wird und ebenfalls manchen
Krankheiten unterworfen iſt, gegen die Dr. Gaubert zweckmäßige Heilmittel empfiehlt. Zugleich weiſt der Verfaſſer die unerſchöpf⸗ liche Reihe von Varietäten des Weins nach, von denen jede ihre eigenthümlichen Eigenſchaften und Fehler hat und zwar nach Ver⸗ hältniß der Elemente, welche an ihrer Zuſammenſtellung Antheil haben. Mancher Wein, bemerkt Gaubert, liebt die Ruhe und von einem ſolchen konnte Olivier de Serres in ſeinem Théatre d'agri- culture, das 1614 veröffentlicht wurde, mit Recht ſagen:„Man muß ſich ſorgfältig hüten, bei den mit Wein angefüllten Fäſſern hin⸗ und herzulaufen oder gegen dieſelben zu ſtoßen; deshalb ſind die Weinkeller und Weinlager an einſamen, von Geräuſch entfern⸗ ten Orten angelegt worden.“ Manche andere Weinſorte gewöhnt ſich dagegen vollkommen an die Bewegung und Reiſen zur See und zu Lande. Einen Beweis dafür liefert nicht nur der Dry Madera, jener der die Linie mehrmals paſſirt hat, ſondern noch weit mehr Romance⸗Conti, der über das baltiſche Meer nach Petersburg ver⸗ ſchifft wurde und von da nach China und wieder zurückkam, alſo ganz Rußland, Sibirien und die Tatarei durchreiſete, folglich die Länder auf unſrer Erde paſſirte, welche das ſchrecklichſte Klima und die härteſte Temperatur haben, und dabei die Reiſe bald zu Wagen, bald zu Schlitten mitten durch Schnee und Eis, unter dem größten Wechſel der Hitze und Kälte, unter Regengüſſen und den heißeſten Sonnenſtrahlen machte. Nun, dieſer Wein, das kräftige Kind Bur⸗ gunds, erregte am 15. Mai 1856 in Dijon bei der Ausſtellung durch ſeinen Wohlgeſchmack und ſein Bouquet den gaſtronomiſchen Enthuſiasmus der Weinproducenten im Departement der Gold⸗ hügel.
Die diätetiſche Eintheilung der Weine, die eins der merkwür⸗ digſten Capitel dieſes Buchs bildet, kann nur von einem Oenologen,


