Jahrgang 
01-26 (1857)
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valle Nr... Er war ein vertrauter Diener des letzten

Noveſſen⸗Zeitung.

[III. Jahrg.

In einem ärmlichen Stübchen ſaß ein alter Mann bei

Dogen Lodovico Manin. Es ſollen unermeßliche Schätze, dem matten Scheine der Lampe. Nur wenige weiße Locken

hinterlegt von den Dogen für die äußerſten Unglücksfälle der Stadt, verborgen liegen, und nur Domenico weiß den Ort anzugeben.

Wie biſt Du zur Kenntniß des Geheimniſſes ge⸗ langt?

Ich war ein fünfzehnjähriger Burſche und genoß das vollſte Vertrauen Domenico's, der Cameriere und Gondoliere des unglücklichen letzten Dogen geweſen. Am Abende des 11. Mai 1797 ich werde den Mai jenes Jahres und insbeſondere den zwölften niemals vergeſſen wünſchte der Doge auszufahren. Domenico und ich ruder⸗ ten. Die Frage des Dogen, ob Domenico mir wohl ver⸗ traue, bejahte er, und, per bacco, er hatte ſich in mir nie⸗ mals getäuſcht. Ich bin alt geworden und habe nie geſchwätzt. Ich würde es ſelbſt Ihnen nicht geſagt haben, wenn ich nicht wüßte, daß die jetzige Gefahr für Venedig die höchſte iſt, und daß nur Sie Venedig retten können. Es war ein Abend wie heute, dafude war tief bewegt und ſagte: Du ſchwörſt mir bei⸗Allem, was Dir heilig iſt,

nur demjenigen den Ort zu zeigen, der die Locke bringt. Domenico ſchwur, und ich erfuhr, daß an einem Orte

der Schatz der Dogen von Venedig liege. Sehen Sie, Eccelenza, wie unſere alten Dogen für die Zukunft Schon gut, fiel der Graf ein, denn der Alte hätte ſich wieder in ſeine Plaudereien über das Glück der Dogen⸗Republik verloren. Nach einer kleinen Pauſe be⸗ fahl er:Wir fahren nach Seravalle zu Domenico. Der Graf ſtand auf. rück, und in kurzer Zeit ſtiegen ſie in dem entlegenen Stadtviertel Venedigs ans Land. Du fährſt mit der Gondel zurück und kommſt mor⸗ gen Mittags zu mir. Ich werde zu Fuße heimkehren. Der Alte bezeichnete ihm nochmals Domenico's Woh⸗ nung, wünſchte ihm viel Glück, und ging.

Beide kehrten zur Gondel zu⸗

ringelten ſich unter dem rothen Nicolottokäppchen hervor, doch der feurige Blick ſchien das Alter in der gekrümmten Geſtalt Lügen zu ſtrafen, und die kräftige Stimme, mit der er eben ein junges Mädchen an ſeiner Seite ausſchalt, ſchien die eines rüſtigen Mannes zu ſein. Die ſechzehn⸗ jährige Tonietta ließ manche Perle aus ihren ſchwarzen, liebeſprühenden Augen auf die Glasperlen, die ſie emſig auf Schnüre auflas, fallen, und auf dem blaſſen, aus⸗ drucksvollen Geſichte, umſchattet von ſchwarzen Locken, prägte ſich ſtiller Gram mit aller Lebendigkeit aus. Die arme Tonietta hatte vom mürriſchen Großvater Domenico ſo eben eine jener langen Strafpredigten wegen ihres Marco, der in den Reihen der muthvollen Jünglinge der Artillerie⸗CompagnieBandiero⸗Moro kämpfte, erhalten, die das faſt tägliche Morgen- und Abendgebet des Alten waren. Je mehr jedoch der Großvater den begeiſterten Anhänger des Dictators ſchalt, deſto tiefer und lebendiger

grub ſich deſſen Bild in das Herz des liebenden Mädchensh

je mehr Hinderniſſe man in den Weg legte, deſto kühner, erfindungsreicher wurde die Liebe.

Guten Abend, Domenico, grüßte der eintretende Graf.Ich habe mit Dir allein zu ſprechen, ſchicke das Mädchen fort.

Iſt es nicht gefällig, Eccelenza, daß wir hinaustreten? Es iſt ſchon finſter, und ich laſſe meine Tonietta des Abends nicht gerne vor's Haus.

Gut, entgegnete Lodovico. Der Greis ſtand auf, und ſie traten hinaus, wo ſie ſich auf die hölzerne Bank vor dem Hauſe ſetzten.

Was ſteht zu Dienſten? fragte Domenico in ſicht⸗ licher Spannung.

Du warſt Cameriere des Dogen Lodovico Manin bis zu deſſen Tode?

Ja, Eccelenza, ich war ſo glücklich, dem vortrefflichen

K

euilleton.

d.e

Cheodor Mügge in Scandinavien.

Der Verfaſſer vonAfraja undErich Randal hat in ſei⸗ nen Romanen wie in ſeinen Reiſebeſchreibungen den Norden haupt⸗ ſächlich zum Gegenſtand ſeiner Betrachtungen und Schilderungen gemacht. Schon vor einer Reihe von Jahren veröffentlichte er die Reſultate eines Ausfluges dahin alsDrei Königsſtädte im Norden; jetzt liegen die Beobachtungen einer neuen Reiſe nach Schweden, Norwegen und Dänemark unter dem Titel:Nor⸗ diſches Bilderbuch, Reiſebilder von Theodor Mügge. Zweite unveränderte Auflage. Frankfurt a. M., Verlag von Meidinger Sohn u. Comp. 1857 uns vor. Das ſind tou⸗ riſtiſche Skizzen, die zu den bedeutendſten in ihrer Art zu rechnen ſind. Was wir kürzlich an einem Buche ähnlicher Art zu rügen hatten, daß es ſich über die Form des Tagebuches, über die treu⸗ herzige Erzählung der perſönlichen Begegnungen des Verfaſſers

bewanderten Reiſenden und Schriftſtellers in der That Bilder, ffür ſich ſelbſt beſtehende Kunſtwerke, Daguerreotypien, zu einem

nicht erhebe, das gilt von dieſem Werke nicht; im Gegentheil iſt es

deſſen großer Vorzug, daß die Perſon des Darſtellenden und die

Zufälligkeit ihrer Erlebniſſe ganz zurücktritt vor den Gegenſtän⸗ den, vor den Thatſachen, die hier in ihrem eigenſten Weſen, in all⸗

gemeiner Bedeutſamkeit uns zur Anſchauung gebracht ſind. Th. Mügge gibt uns hier mit der Sicherheit und Energie eines viel⸗

glänzenden, in Licht und Schatten wechſelnden, Nähe und Ferne vereinigenden Panorama aneinandergereiht. Landſchaft, Archi⸗ tektur, Volksleben, Häuslichkeit, Kunſt, Literatur, Theater, Handel und Induſtrie, hiſtoriſche Reminiscenzen, politiſche Tendenzen, das Alles zog der Verfaſſer in das Bereich ſeiner ſkizzirenden Feder. Die patriotiſche Geſinnung namentlich und die Aufmerk⸗ ſamkeit auf die nationalen Intentionen und Conflicte, die dort im Norden ſich vorbereiten, geben dem Buche eine ganz beſonders ernſte und nachhaltige Wichtigkeit. Wir haben bereits in unſe⸗ rem Blatte einige Auszüge aus der Darſtellung der neueſten ſcan⸗ dinaviſchen Unionsbeſtrebungen mitgetheilt. Hier mögen nun noch einige Landſchafts- und Culturbilder ihre Stelle finden, die ihrem Inhalte und ihrer Form nach des Intereſſes nicht ent⸗ behren werden.

I. Sommernacht in Stockholm. Den langſameren Uebergang der Natur vom Winter zum Frühling, wie wir ihn kennen, hat man im Norden nicht. Fängt es gegen Ende April oder Anfang Mai an zu thauen, ſo erfolgt