Jahrgang 
01-26 (1857)
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Wahrhaftig, Albrecht! Du biſt es, und ich konnte noch zweifeln. Sei von Herzen willkommen, woher Du auch geflogen biſt nach Deiner Weiſe. Direct aus dem Auslande oder gar aus der andern Hemiſphäre? Deine letzten Briefe datirten aus Conſtantinopel, wenn ich nicht irre. Nimm Platz, Albrecht; richte Dich häuslich ein.

Dein Zerwürfniß mit dem Oheim Du weißt doch, daß er nicht mehr unter den Lebendigen iſt? geht mich nichts an; es war ja auch mehr eine traurige Erbſchaft, die Du von Deinem Vater her angetreten hatteſt. Wir bleiben die Alten!

Albrecht ſo wollen wir ihn jetzt mit Werner nennen athmete bei dieſen Worten ſchwer auf, als hätten ſie ihm eine Laſt von dem Herzen genommen. Dann ſagte er in ſeinem ernſten, raſchen und leichten Tone:

Der Tod des Oheims hat mich ſehr geſchmerzt, zu⸗ mal da er unter ſo betrübenden Verhältniſſen erfolgt iſt. Ich habe erſt heute von dem Ereigniſſe Kunde erhalten und zwar in Weilheim, wo ich die Unſrigen beſuchte. Jetzt komme ich von dort. Sie wollten mich gern drüben be⸗ halten, aber es duldete mich nicht; ich mußte ſehen, wie es Dir ginge, von dem ich Jahre lang kein ſterbendes Wort gehört habe.

Werner lächelte ein wenig und erwiderte mit leiſem Spotte:

Biſt Du im Auslande zur Erkenntniß meines Werths gekommen, Albrecht, dann kann ich es den fremden Län⸗ dern nur Dank wiſſen. Früher haſt Du mir ſolche Zärt⸗ lichkeit nicht gerade zu Theil werden laſſen, obſchon unſere Vetterſchaft wenigſtens immer treulich reſpectirt wurde. Doch Du biſt eben ein Flüchtling; man muß die Son⸗ nenblicke Deiner Huld genießen, ſie mögen zur günſtigen oder ungünſtigen Stunde auf Einen fallen.

Jener blickte von Neuem befremdet darein und wollte

Noveſſen⸗Zeitung.

Doch das wurde mir ſchon vor einem Jahre erzählt. Warum ſollten wir einander fremder geworden ſein, als früher?

eben fragen, ob er gar vielleicht ungelegen erſchienen; allein Werner verbeſſerte ſich raſch, drückte ihm nochmals freund⸗ lich die Hand und traf dann auf der Stelle ſo umſichtige Fürſorge für die Bequemlichkeit des Gaſtes, daß Dieſer in der That über die Geſinnungen ſeines Wirths nicht länger im Zweifel ſein durfte.

Als das Nöthigſte beſorgt und Albrecht unter Geleite eines Dieners auf das ihm angewieſene Zimmer, dicht neben demjenigen Werner's, abgetreten war, um ſeine Reiſekleider mit andern zu vertauſchen, fand Werner einen Augenblick Muße, um ſeine eigenthümliche Lage dem Gaſte gegenüber zu überdenken. Dieſem mußte es ja auffallen, daß die Frau vom Hauſe fehlte, daß Alles nur von dem Herrn geleitet wurde, und kaum war es möglich, über die⸗ ſen kritiſchen Punkt ſelbſt mit einer Nothlüge hinwegzukom⸗ men. Oder ſollte Werner ſich ſelbſt und Helenen einen gerade heute unerträglichen und am Ende doch nutzloſen Zwang auferlegen? Würde wenigſtens Helene für ihren Theil hierzu befähigt oder auch geneigt ſein?

Wie ſich nun einmal die Umſtände an dieſem unſeligen Abend zu einer jähen Entſcheidung von allen Seiten zu⸗ ſammengedrängt hatten, ſo beſchloß denn auch Werner dem nahen Verwandten gegenüber, von deſſen Zartgefühl und Ehrenhaftigkeit er faſt überzeugt war, aus Nichts ein Ge⸗ heimniß zu machen und ihn dann, wenn es einmal nicht zu ändern, einen möglichſt richtigen Blick in die vorliegen⸗

den eigenthümlichen Verhältniſſe thun zu laſſen. In Kur⸗ zem mußten ja ohnehin dieſe Dinge alle zur Sprache kom⸗ men und für ſich ſelbſt gewann er durch rückhaltsloſe Offenheit für den heutigen traurigen Abend mindeſtens den Vortheil einer Erleichterung ſeines Herzens.

Nach einer halben Stunde ſaßen denn beide junge Männer beim Thee neben einander auf dem Sopha und erzählten ſich erſt im Allgemeinen, dann bruchſtücksweiſe im Einzelnen ihre bunten Erlebniſſe. Beide waren von

ſehr verſchiedenem Aeußeren, obwohl man im Zweifel ſein

Das Nämliche gilt von Dumas'Geldfrage. Dumas weiß zu ſchreiben, das Lob bleibt ihm unbenommen. Noch mehr, Dumas kann geiſtreich ſein, er beſitzt ſo viel Esprit, ſo viel prak⸗ tiſchen Fond, daß er's aus eignen Mitteln kann. Dumas endlich iſt ein fleißiger, gewiſſenhafter Arbeiter, der den Dialog feilt und wieder feilt, bis auch die kleinſte Ecke weggeſchafft iſt; aber der Dramatiker hat da nichts mehr zu thun, wo ſich immer und immer wieder nur der Moralprediger im Schulmeiſtertone vernehmen läßt. dame, dieſe Demi⸗monde! vom dramatiſchen, vom äſthetiſchen Standpunkte iſt gegen Inſceneſetzung einer moraliſirenden Ab⸗ handlung, wie dieſe Geldfrage, eben ſo ſehr zu proteſtiren als gegen die Frivolität der Lorettenſtücke. Aber die guten Franzoſen fühlen nun einmal heftiges Verlangen nach irgend einem Moral⸗ Surrogate: wie kann's fehlen, daß ſie zeitweilig auch einmal die Langeweile als Mutter der Unterhaltung preiſen werden.

Uebrigens liegt Dumas' Zweck weit ab von dem, welchen Ponſard in ſeinerBörſe verfolgte. Auf die Frage, ob das Geld eine ſittliche Macht ſei, antwortet Dumas mit Ja. Da es aber eine ſolche in der Gegenwart nicht iſt, ſo ergeht er ſich in verſchiedenen geiſtreichen Raiſonnements, um die Art und Weiſe anzugeben, wie es in Zukunft eine ſolche werden könne.

Daguerreotypirt iſt namentlich jener Banquier Giraud nach einem lebenden Originale mit Meiſterſchaft. Im vierten und fünften Acte entſteht auch eine kleine Verwicklung, als dieſer einen Ehecontract aufſetzt, in dem er ſeiner Braut, dem Fräulein von Roncourt, ein Heirathsgut von 100,000 Franken zuſichert, nicht aus Liebe, nur aus Schlauheit in Vorausſicht des möglichen Falls, daß ihm eines Tages ſein ſonſtiges Vermögen, wie der Berliner

Man ſagte: wie frivol, wie unſittlich iſt dieſe Camelien⸗

Ausdruck lautet pfutſch ginge. Zu den Vorzügen des Stücks geſellt ſich auch noch jene liebenswürdige Nonchalance im Bau der Acte und Auftritte, im intereſſanten Einführen und Gehenheißen der Perſonen; aber fragen wir nach der Moral der Geſchichte, ſo bleibt uns ſchließlich, trotz des ſteten Moraliſirens, nichts übrig als die Ausſicht, daß noch viele Andere über das Thema gleichfalls ſchreiben werden, und Alle werden ſie nur von der Oberfläche ſchöpfen, ohne dem materiellen Strome der Gegenwart einen heil⸗ ſamen Abzugscanal zu eröffnen. Wer einige Stunden auf höchſt geiſtreiche Weiſe angeregt ſein will, möge ſich Dumas' Sittenbild immerhin einmal anſehen, nur erwarte er keinen wahren künſtleri⸗ ſchen Genuß, keine künſtleriſche Erhebung. Natürlich gibt es ſchließlich auch eine Verlobung, Frln. v. Roncourt erhält ihren Réné; Durieu's Tochter, welche den Réns gleichfalls liebte, reſig⸗ nirt und Giraud muß mit langer Naſe abziehen aber all die liebenden Herzen wiegen dem Franzoſen im Grunde nicht ſchwerer als höchſtens eine Rente von 3000 Francs. E. M.

Das geſetz der Stürme.

So hat denn wirklich Alles in der Natur ſeide Geſetze und keines dieſer Geſetze, ſo ſcheint es, vermag ſich mehr der Erkenntniß durch den menſchlichen Geiſt zu entziehen. haltloſer, unfaßbarer als die Luft? Und auch in den Lüften ge⸗

Aus der Natur.

ſchieht nichts mehr, was zufällig, gleichgültig oder unbereche 1

wäre. Ein talentvoller, kürzlich zu früh geſchiedener in

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Was iſt unſichtbarern