Jahrgang 
01-26 (1857)
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Hauptmann

auf und

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Nr. 12.] Dritte

Der Hauptmann ſchritt wieder auf und nieder. Todes⸗ ſtille herrſchte in dem kurz zuvor noch ſo lärmenden Ge⸗ mache. Ich athmete freier auf, denn ich glaubte, für den Augenblick ſei keine Gefahr mehr ſür mich. Ich täuſchte mich. Der Hauptmann ſtand ſtill und fragte:Habt Ihr das Innere des Thurmes durchſucht?

Nein, erwiderten die Banditen.Wozu auch? Kein Menſch würde ſo von Gott verlaſſen ſein, ſich frei⸗ willig ſelbſt in den Rachen des Wolfes zu ſtürzen.

Wer weiß? entgegnete der Hauptmann ſpöttiſch. Vielleicht war der Menſch, den wir ſuchen, ſchon vor Euch hier und als er Euch kommen hörte und ſich den

Rückzug durch Euch abgeſchnitten ſah, iſt er nach den

oberen Stockwerken hinaufgeflüchtet. Unterſuchen wir dieſe jedenfalls; bei unſerem Handwerk iſt eine doppelte Vorſicht beſſer als eine einfache.

Und von ſeinen Leuten gefolgt, ſchritt El Nino auf

die Treppe zu. Ich ſchlich augenblicklich nach dem zweiten Stocke hinauf und bald hörte ich hinter mir den Lärm,

welchen die salteadores machten, indem ſie den Raum

durchſuchten.

Nichts! ſagte die Stimme des Hauptmanns,ſuchen wir weiter oben.

Der Thurm hatte nur zwei Stockwerke und endete mit einer Platform, auf welcher ich mit ſchwer gedrücktem Athem und von dem furchtbarſten Entſetzen ergriffen an⸗ langte. Ich ſah mich verloren, ohne alle Hülfe verloren; kein menſchlicher Beiſtand war möglich; ich lief hin und her wie ein wildes Thier in ſeinem Käfig und blickte von der verwünſchten Platform hinab in einen Abgrund von mehr als hundert Fuß. Meine Zähne ſchlugen auf einan⸗ der, kalter Schweiß tropfte mir auf der Stirne, ein krampf⸗ haftes Zittern bemächtigte ſich meines Körpers. Schon

hörte ich auf der Treppe die Schritte der Banditen, die

gleich Spürhunden auf meine Fährte gehetzt waren, und

Folge. berechnete bebend, wie viel Minuten mir noch zu leben blieben. Endlich durch den Schrecken wahnſinnig gemacht, beſchloß ich, mich lieber in die Tiefe hinabzuſtürzen, als lebendig in die Hände dieſer Ungeheuer zu gerathen, die, wie ich wohl wußte, die Gewohnheit hatten, ihre Opfer entſetzlichen Martern zu unterwerfen, um von ihnen reiches Löſegeld zu erpreſſen. Ebe ich indeß dieſe Handlung der Verzweiflung vollzog, bog ich unwillkührlich den Kopf über die Brüſtung, ohne Zweifel um die Tiefe zu ermeſſen, in die ich mich ſtürzen wollte. Da bemerkte ich ungefähr V zwei Fuß unter mir eine eiſerne Stange, etwa 3 Fuß lang und 1 ½ Zoll dick; ſie war in die Mauer des Thurmes eingelaſſen und ſtand horizontal in den freien Raum hin⸗ aus. Wozu mochte dieſe Eiſenſtange einſt gedient haben? Mit der Frage beſchäftigte ich mich in dieſem Augenblick nicht weiter. Ein plötzlicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf und gab mir die Hoffnung zurück, den Mördern zu

entrinnen, die mich verfolgten und auf dem Punkt ſtanden, mich zu erreichen. Die Zeit drängte; ich hatte keine Mi⸗ nute zu verlieren; ohne weiteres Beſinnen ſchwang ich mich daher über die Brüſtung, ergriff mit beiden Händen die Eiſenſtange und ließ meinen Körper frei daran hinab⸗ hängen. So wartete ich. Kaum hatte ich dieſe peinliche Stellung eingenommen, als die Banditen lärmend auf die Platform ſtürmten, auf der ſie nach allen Richtungen um⸗ herliefen. Das Gewitter dauerte noch immer fort; der Regen goß in Strömen herab, der Wind blies mit Ge⸗ walt und einzelne Blitze zerriſſen die ſchwarzen Wolken. Du ſiehſt, Hauptmann, es iſt Niemand hier, riefen die salteadores. Das iſt wahr, entgegnete der Hauptmann ärgerlich. Gehen wir wieder hinab; mich ſoll der Teufel holen, V wenn ich es hier ſchön finde, ſagte einer der Räuber.

Gehen wir hinab, wiederholte der Hauptmann. Ein Seufzer der Hoffnung erleichterte meine Bruſt

was ſchließlich die Gefahr ſolchen Eindruckes betrifft, ſo laſſen

Sie das unſere Sache ſein! Sie ſehen, hochgeehrte Frau, aus alledem, wie ſehr Ihre Ar⸗ beiten intereſſiren Ihren hochachtungsvoll ergebenen R. G.

Literatur.

Die deutſchen Volksbücher Geſammelt und in ihrer urſprünglichen Echtheit wiederhergeſtellt von Karl Simrock. Mit Holzſchnitten. Neunter Band. Frankfurt a. M., H. L. Brönner. 1856.

Einrichtung, Gegenſtand und Darſtellungsart der früheren Bände iſt bekannt. Dieſer enthält erſtens die Geſchichten von Hans Clauert, demmärkiſchen Eulenſpiegel, zweitensdas deutſche Kinderbuch, auf faſt 300 Seiten eine Sammlung von 1009 Liedern, Verschen, Sprüchwörtern, Scherzen u. ſ. w., wie ſie, der lieben Jugend vorzuſingen oder von ihr zu ſingen, im Munde des Volkes exiſtiren. Was werden unſere Hausmütter, Muhmen und Ammen ſagen, wenn ſie vernehmen, daß ein nam⸗ bafter deutſcher Gelehrter jahrelanges Studium darauf gewandt, um all' die Kindereien zuſammenzutragen, die ſie mit ihren Klei⸗ nen plappern? Wenn ſie ſich einen ſo recht ſtockgelehrten Germa⸗ niſten anſehen, werden ſie von ihm glauben, daß er nicht in Indien und Egypten bei den Königsgräbern und Pyramiden, ſondern in der Kinderſtube und auf dem Spielplatze den Gegenſtand ſeiner

Wiſſenſchaft zu finden weiß? Es iſt in der That ein ſchönes

Verdienſt der deutſchen Gelehrſamkeit, daß ſie ſorgſam die kleinſten Züge volksthümlicher Poeſie aufzubewahren befliſſen iſt. Keines aber dieſer Sammlungen deutſcher Märchen, Sagen, Volksbücher u. ſ. w. hat uns ſo angeheimelt wie dieſes Kinderbuch, mit längſt vergeſſenen Klängen, wie

Kommt ein Mäuschen,

Will ins Häuschen,

oder Dies iſt der Daumen, Der ſchüttelt die Pflaumen u. ſ. w., von denen wir nie geglaubt hätten, daß ſie ſich auf dem Papiere fixiren laſſen! Den Schluß dieſes Bandes bilden: das deutſche Räthſelbuch II., Thedel Unverfährt von Walmoden und endlich Hugſchapler.

Unſere Zeit. Jahrbuch zum Converſationslexikon. Zwei⸗ tes Heft. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1857.

Das zweite Heft dieſer empfehlenswerthen Zeitſchrift enthält folgende ausführliche Aufſätze: Die maritime Entwigkelung Preu⸗ ßens; die künſtliche Fiſchzucht(von Karl Vogt); Lord Palmerſton; Graf Neſſelrode; Friedrich Bodenſtedt; die Fürſtin Lieven. Kleinere Mittheilungen finden wir über Franz Krüger; Auguſtus Petermann; Alex. Petöfi; Joh. Ign. Ritter; Karl v. Schönhals; Albert Schwegler; und ſchließlich einen Nekrolog zum Converſat. Lexikon bis Ende 1856. Im Vorwort ſagt die Verlagshandlung unter Anderem:

Die Herausgeber werden keine Anſtrengung ſcheuen, um das Werk in einer würdigen, dem Plane entſprechenden Weiſe, ſowohl

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