wiſſenhaftigkeit erwogen.
beſitze, weil dieſe noch immer einem Andern gehöre, der
Dritte Folge.
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Novellen-Zeitung.
Frauenſiebe.
Eine Erzählung aus dem Leben. Von
Theodor Herzog.
Es reißt ſich los, was erſt ſich uns ergab,
Wir laſſen los, was wir begierig faßten;
Es gibt ein Glück, allein wir kennen’s nicht,
Wir kennen's wohl, und wiſſen's nicht zu ſchätzen. Goethe.
Helene hatte einen ſchweren Kampf mit ihrem eigenen Herzen gekämpft und das Für und Wider mit ernſter Ge⸗ Nun war ſie aber entſchloſſen; nichts ſollte ſie von jetzt ab in ihren Vorſätzen beirren oder wanken machen. Noch Eines überwunden: die Mitthei⸗ lung an den Gatten, der ſeine Zuſtimmung ja nicht ver⸗ ſagen konnte, wenn er es mit den heiligſten Regungen ihres Gemüthes ernſt meinte,— und dann war der Sieg ge⸗ wonnen! Freilich ein ſchmerzensreicher, trauriger Sieg, erkauft mit manchem Opfer aus Gegenwart und Zukunft; aber doch ein Sieg, weil nur ſo die ewig mahnende Stimme ihres Gewiſſens zur Ruhe kommen konnte!
Helene wollte ſich von ihrem Gatten trennen.— Nicht, als ob er ihr nicht herzlich theuer oder als ob ſie gar von
einer andern ſtrafbaren Leidenſchaft gefeſſelt und in einem unheiligen Glückstraume befangen geweſen wäre, welcher
nur durch einen Bruch mit der Vergangenheit zur Wirk⸗ lichkeit hätte werden können,— nichts von dem Allen!
Aber ihre Ehe mit Werner war auf eine falſche Voraus⸗ mattes Licht in dem ſehr einfach möblirten Cabinet, in
ſetzung hin geſchloſſen worden und dieſe rächte ſich nun an Helene, dem eigentlich ſchuldigen, weil vorausahnenden
und doch nicht entſchieden ablehnenden Theile, mit grau-⸗
ſamer Beharrlichkeit. Als Werner um ihre Hand gewor⸗ ben, hatte ſie ihm offen geſtanden, daß er ihre Liebe, die volle hingebende Liebe eines reichen Frauenherzens, nicht
ſich freilich von ihr gekehrt, ſeinen reichen Beſitz nicht zu ſchätzen verſtanden hatte. Aber Werner, deſſen ganzes Innere von ihrem Bilde erfüllt war, ſchreckte nicht zurück vor dieſem offenen Bekenntniſſe und drang mit Bitten und Vorſtellungen ſo lange in die einſam Stehende, bis ſie endlich einwilligte, die Seinige zu werden. Er hoffte, da er ja ihrer Achtung gewiß war, von der Zukunft das Beſte, was ihm damals noch fehlte: Helenens Liebe. Auch dieſe hoffte leiſe, aber der Zweifel blieb immer ſtärker; ihre Natur war eine zu wenig elaſtiſche, um leicht vor ſich ſelbſt fliehen und tiefe Eindrücke, ſei's auch im Laufe von Jahren, überwinden zu können.
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So waren drei Jahre verfloſſen. Helene war eine treue aufopfernde Gattin geworden, die im Bewußtſein ihrer Pflicht mit der Trefflichſten ihres Geſchlechts wett⸗ eifern konnte. Und ſie ſelbſt wäre wohl auch glücklich ge⸗ weſen, mindeſtens zufrieden mit dem ihr gefallenen Looſe — nachdem der erſte Glückstraum nun einmal zerronnen, — hätte nicht der Hinblick auf Werner, dem ſie ſo Wenig ſein konnte und der ſo Viel verdiente, ihre Ruhe geſtört
und ſie mit immer neuen Zweifeln erfüllt.
Ja, das war nicht das rechte Glück für den heitern
lebensfrohen Mann mit dem geſunden thatkräftigen Sinne
und dem treuen, warm ſchlagenden Herzen; das fühlte ſie
nur allzu lebhaft und jetzt doppelt peinlich, ſeitdem ſie, von
regelmäßiger Geſellſchaft zurückgezogen, mit Werner allein auf deſſen kleinem Gute lebte, welches er von nun an unter ſeiner unmittelbaren Aufſicht bewirthſchaften ließ. Sagte ſie ſich dann auch wohl zu ihrem eigenen Troſte, daß Wer⸗ ner es ſelbſt ſo gewollt, daß ſie ihn ja nicht getäuſcht habe, ſo wies ſie dieſen beſchönigenden Einwand doch immer von ſich ab: denn nicht Jener, ſie allein mußte ihr Ge⸗ müth, die ganze Tiefe des erſten Eindrucks kennen, der ein ſpäteres Glück faſt unmöglich machte, und ſie mußte wider⸗ ſtehen, wenn Werner, der ja ohnehin nicht Alles wiſſen durfte, deſſenungeachtet in ſie drängte. Helene dachte nicht ſophiſtiſch, wie ſo viele Frauen in ihrer Lage gethan haben würden; ſie fand im Gegentheile in dem klaren Bewußt⸗ ſein ihres Unrechts Troſt und Beruhigung, denn allein von hier aus war Rettung denkbar!
Es war am Abend; die Lampe brannte ſchon lange auf dem runden Tiſche und verbreitete ein behagliches
welchem Helene zu ſchreiben und zu leſen pflegte. Auch heute hatte ſie geſchrieben, wie es ſchien, denn Briefe und Papiere lagen in dem kleinen Raume ziemlich ungeordnet herum. Jetzt ging ſie unruhig nach dem Fenſter hin; hatte es ihr doch geklungen, als ob die Thüre des Gartens ge⸗ öffnet würde und haſtige Schritte auf dem Kieswege nach dem Hauſe zu kämen! Sie erwartete jeden Augenblick ihren Gatten zurück, der ſeit Mittag bereits in den Forſt gegangen war, um den prächtigen Octobertag zur Jagd zu nützen. Oder wäre dies bloß ein Vorwand geweſen, und wäre er hinüber nach Weilheim jenſeits des Forſtes ge⸗ gangen, um ſeine Verwandten zu beſuchen, an denen er mit ſo großer Liebe hing?— Sie hatte ſich getäuſcht; die Gartenpforte war nicht geöffnet worden, von Werner noch
keine Spur zu entdecken.
Hand.
Helene ging an den Schreibtiſch zurück und durchflog nochmals einige dort liegende Briefe von verſchiedener Allein ſie wußte nicht, was ſie las; ihre Unruhe


