Jahrgang 
01-26 (1857)
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Nr. 11.] Dritte

Literariſche Beſprechungen.

Grundriß der Geſchichte der deutſchen Natio⸗

nal⸗Literatur, entworfen von Auguſt Koberſtein. Vierte durchgängig verbeſſerte und zum Theil völlig um⸗ gearbeitete Auflage. Erſter u. zweiter Band. Leipzig, bei Friedrich Chriſtian Wilhelm Vogel. 1847 1856.

Sollten wir eine deutſche Literaturgeſchichte anzeigen, ohne unſere Beſprechung von Julian Schmidt zu begin⸗ nen? Nein! Das wäre der Ausdruck einer verwerflichen Geſinnung. Wir geſtehen gern ein, von ihm ſo manchen guten Gedanken gelernt zu haben, daß es undankbar wäre,

folge.

fahren, gab ſich für einen Weltmann und ganz vernünfti⸗

ein neues mit ihm concurrirendes Werk zu recenſiren, und

dabei das ſeine mit Schweigen zu übergehen.

Referent iſt(nebſt T. Ulrich in der Nationalzeitung, Levin Schücking im Familienbuche des Lloyd und W. Hem⸗ ſen in der A. A. Zeitung) einer der wenigen Journa⸗ liſten, die bei aller Anerkennung der Vorzüge des Julian Schmidt'ſchen Buches in Ton und Ausdruck deſſelben Ein⸗ zelnes bedenklich und nicht Alles abſolut nothwendig und unwiderlegbar finden wollten. Herr Schmidt hat nun nicht nur indirect durch die Umarbeitungen der zweiten Auflage die Mängel der erſten anerkannt, er hat auch in der Vorrede der dritten direct ausgeſprochen, daß dieſelbe von den früheren mannigfach durch mildernde Modifici⸗ rungen ſich unterſcheide, die er aber nicht etwa deshalb ein⸗ treten ließe, weil ſeine frühere Haltung oft ungerecht und

nicht ganz anſtändig geweſen wäre, ſondern, wie er ſehr

geſchickt ſagt, weil die frühere Haltung und deren Rück⸗ ſichtsloſigkeit jetzt überflüſſig ſei, wo der Verfaſſer ſich nicht mehr im Kriegszuſtande befinde, ſondern überall in der Journaliſtik ſeine Anſichten und Principien anerkannt und nachgeahmt ſähe!

So ſchnell alſo hat ſich plötzlich die geſammte deutſche Preſſe umſtimmen laſſen? Es war kaum ein Jahr früher, als die Grenzboten in einem einleitenden Artikel die ſämmt⸗

gen guten Kerl aus, und da die vielköpfige Menge nicht zu ihm gekommen war, ging er jetzt zu ihr. Aber er war gar nicht mehr ſo dumm wie früher, denn er wußte recht gut: wenn man mit der Canaille zuſammen ſein will, darf man nicht auf die Canaille ſchimpfen, denn ſonſt hat die Canaille immer Recht! Er ſagte alſo: Liebe Canalille, ich bin ja ſelbſt Canaille! Es iſt überhaupt Verläumdung, daß man Dich die urtheilloſeſte Individualität hat ſchimpfen wollen, Du kaufſt jaSoll und Haben, Du biſtder unreflectirte Beſitz der in der Nation fertig daliegenden Maſſe von Urtheil und Erkenntniß. Das war zwar ſehr unverſtändlich, aber den großen Haufen frappirt be⸗ kanntlich nichts ſo, als das Unverſtändliche und es ſollte damit nur der Uebergang zu der Erklärung gefunden werden: Das ſoll nämlich heißen, daß wir vollkommen Einer Meinung ſind, denn ich habe den geſunden Men⸗

ſchenverſtand erfunden!

das genirte nicht.

liche Tageskritik in Deutſchland, mit Ausnahme der bie⸗

deren Bremer Sonntagsblätter und des mehr von heiliger

Weihe als von guten Gedanken ſtrotzenden Beiblattes zur

Berliner Kunſtzeitung(welche beideSoll und Haben ſehr warm behandelten), fürwiderlich erklärten, und nun heutzutage mit einem Male iſt dieſe ſelbe ſämmtliche Tageskritik ein Spiegel, in dem J. Schmidt überall ſich ſelbſt ſieht?

Wer will es leugnen ein höchſt geſchicktes Man

deupre! Jene erſte Aeußerung war nämlich unter der

Stimmung der erſten Auflage gethan, in der Julian Schmidt noch der junghegel'ſche Romantiker, derab⸗ ſtracte Literat, der moderne Titan war, der in dem Be⸗ wußtſein lebte, er ſei doch eigentlich viel zu geſcheut, als daß das Publicum ihn je verſtehe, und ein geſcheuter Menſch müſſe überhaupt nach denMeinungen und Sym⸗ wathien der vielköpfigen Menge ſich nicht umſehen, das ſogenannte Publicum ſei dieurtheilloſeſte Individualität, die je das menſchliche Abſtractionsvermögen erdichtet habe.

Darauf aberging Freitag's Soll und Haben ſo vor

rrefflich, daß die vielköpfige Menge einige Theilnahme für ſich erweckte. Der Titan ließ nun ſein Eremitenthum

Glücklichſter, beneidenswertheſter Einfall! Bekannt⸗ lich iſt es die erſte und ſchwierigſte Aufgabe eines jeden Journaliſten, der einigermaßen Carrière machen will, bei ſeinem Auftreten eineneue Richtung zu entdecken, mit der etwaszu machen iſt. Da nun aber heuer der neuen Richtungen ſo viele ſind, daß eine die andere todt macht und keine recht zur Geltung kommen kann, ſo konnte es keine klügere Idee geben, als die zu ſagen: Ich habe den geſunden Menſchenverſtand erfunden! Denn nun mochte irgend wo in der Welt, im Publicum oder ſelbſt in der eben noch ſowiderlichen Journaliſtik etwas nur halb⸗ wege Geſcheutes geſagt werden, ſo konnteſt Du auftreten: Ganz meine Richtung, meine Idee, meine Schule, denn den geſunden Menſchenverſtand habe ich erfunden!

Alſo Herr J. Schmidt. Nun kam zwar dies und jenes zur Sprache, was der geiſtvolle Kritiker früher ge⸗ ſagt hatte, als er noch der Titan, das Publicum aber die urtheilsloſeſte Individualität war, und was er unmöglich für geſunden Menſchenverſtand ausgeben konnte, aber Sich nie verblüffen zu laſſen, iſt nicht das elfte, ſondern das erſte Gebot jedes Journaliſten, und wenn er nur die gehörige Stirn hat, es durchzuführen, ſo braucht er nur ewig dabei zu bleiben, er könne nie Unrecht haben, und dieurtheilsloſeſte Individualität, der nichts mehr imponirt als Conſequenz, wird es endlich wirklich glauben. Herr Schmidt hatte drei ganz verſchiedene deutſche Literaturgeſchichten herausgegeben, aber er behauptete ſteif und feſt, er habe ſich nie in einem Jota widerſprochen, und wenn die Welt ihn jetzt anders verſtehe als ſonſt, ſo habe nicht er ſich geändert, ſondern die Welt mitſammt ihrer ſo widerlichen deutſchen Journaliſtik.

Indeß, jeder Menſch hat Stunden der Schwäche, ein Journaliſt wenigſtens Momente von Beſcheidenheit. Auch Herr Schmidt, der vollendetſte aller Journaliſten, fängt an einiger Anwandlungen von Selbſterkenntniß ſich nicht erwehren zu können. Als wir vor einem Jahre ſeine zweite Auflage recenſirten, wagten wir die Aeußerung:Er offen⸗ bart eine Hypochondrie, deren nur ein deutſcher Gelehrter des nachromantiſchen Katzenjammers fähig ſein kann, wenn er z. B. bei den herrlichen, ſo geſund idealen Geſtalten unſrer Claſſiker und bei der Betrachtung des innigen, Geiſt und Gemüth erhebenden perſönlichen Verkehrs, der

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