Jahrgang 
01-26 (1857)
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ſie umſpann, nie aus den Gedanken bekommen kann: es iſt das doch nur der äſthetiſche Kunſtidealismus; es fehlt die Einheit mit dem Subſtanziellen des Volkslebens; es liegt auch darin ſchon der Keim und immer wieder nur der Keim der ſpäteren Verbildung, jener Verbildung, die auch perſönlich die Exiſtenz von unsabſtracten Lite⸗ raten und unſeren beſcheidenſten Collegen mit demelen⸗ deſten Geſchäftsbetrieb verſchuldet haben ſoll! Wenn es ſehr komiſch iſt, daß Schmock in denJournaliſten ſich pathetiſch auf Schiller und Goethe beruft, ſo iſt es ganz gewiß nicht weniger komiſch, daß J. Schmidt nicht von Schiller und Goethe ſprechen kann, ohne an unſereins und unſern übrigens ſehr brauchbaren Freund Schmock zu denken! Es iſt das in der Nachweiſung der Beziehungsbegriffe eine Gewiſſenhaftigkeit, die nur mit der jenes Tiſchlers verglichen werden kann, der ſich ſelbſt

der Veranlaſſung eines Mordverſuches anklagte, weil auf

einem Sopha, das er gebaut hatte, ein Mann einſt ſeine Frau erſchlagen wollte.

Die Lebensbeſchreibung Goethe's von dem Engländer Lewes hat nun kürzlich Herrn Schmidt das Geſtändniß abgezwungen, daß es allerdings doch möglich ſei, über Goethe ein klein wenig anders und liebenswürdiger zu ſchreiben, als er es gethan, ohne dabei auf die Anſprüche eines gebildeten und verſtändigen Menſchen verzichten zu müſſen, freilich aber, ſo ſetzt er mit einem Stoßſeufzer hinzu, nur ein Engländer dürfe das wagen, denn ein deutſcher Kritiker müſſe um der verrückt gewordenen Ro⸗ mantiker und der zahlloſen Lyriker willen ſich ſtets ver⸗ pflichtet fühlen, Goethe unhöflich zu behandeln! Hof⸗ fentlich wird Herr Schmidt, wenn er ſeine engliſche Lite⸗ raturgeſchichte veröffentlicht, weniger gewiſſenhaft, dafür um ſo geſchmackvoller ſein und es nicht für unmoraliſch halten, wie Herr Lewes über deutſche, ſo anmuthig über engliſche Dichter zu ſchreiben.

In der erwähnten Recenſion ſagten wir damals ferner: Ein Schriftſteller von jenem friſchen, kräftigen Sinn für die Eigenthümlichkeiten des Lebens, von jener ſeltenen Gabe, dieſe Eigenthümlichkeiten zu fixiren, die wir als be⸗ neidenswerthe Vorzüge des Talentes anſehen; ein Schrift⸗ ſteller endlich von jener echten Humanität, die ſich ſtets bewußt iſt, mit oem menſchlichen Geſchlechte an denſelben menſchlichen Aufgaben zu arbeiten, ein ſolcher hätte es gerade umgekehrt gemacht wie Herr Schmidt. Er hätte die literariſchen Erſcheinungen nicht von dem Standpunkte eines heutigen, ſehr geſcheuten, aber kurzſichtigen, ſehr ein⸗ gebildeten und etwas blaſirten Literaten gemeſſen, ſon⸗ dern er hätte ſie verglichen mit dem, was vor ihnen das

Novellen⸗Zeitung.

pforta.

deutſche Leben zu produciren im Stande war, er hätte in

jeder nachgewieſen, was ſie dem nationalen Leben Neues, Schönes und Nützliches brachte; wie die ſittlich äſthetiſche Humanität der Claſſiker eine Errungenſchaft bleibt, die

uns für immer über den unvermittelten Realismus und

Idealismus der romaniſchen Völker erhebt; wie die Ro⸗ mantiker das Bedürfniß der Eroberung des Subſtanziellen im Volksleben viel früher fühlten, als es z. B. die Grenz⸗ boten gethan; wie zur Erfüllung deſſelben z.

Rerigirt unter Verantwortlichkeit von⸗ Alphons Dürr in Leipzig. Verlag

B. Immer⸗

[III. Jahrg.

mann und W. Alexis Schritte gethan, deren Energie und Gewagtheit wir nur durch ein Zurückverſetzen in jene Zeit beurtheilen können.

Ein Geſchichtswerk der Art nun iſt das vorliegende Buch des Profeſſor Koberſtein, bekanntlich Mitglied des Lehrercollegiums der berühmten Fürſtenſchule zu Schul⸗ Gewiß mancher unſerer Leſer erinnert ſich, auf dem Gymnaſium einen kleinen, ſehr lehrreichen Koberſtein' ſchen Grundriß der Literaturgeſchichte von nur ein paar hundert Seiten benutzt zu haben; aus dieſem iſt durch die vierte Umarbeitung ein Werk entſtanden, deſſen beide erſte Bände, bis circa 1790 reichend, bereits faſt 2000. Seiten umfaſſen und das, um bis 1830 fortgeſetzt zu werden, noch eines dritten, in dieſem Jahre zu vollenden⸗ den Bandes harrt. Wer den Unterſchied einer Journa⸗ liſtenarbeit und eines Gelehrtenwerkes, einer Literatenpro⸗ duction und einer Hiſtoriographie ſo recht klar begreifen will, der muß mit der J. Schmidt'ſchen Geſchichte dieſe Koberſtein'ſche zuſammenhalten. Dort das Haſchen nach Effect, nach Paradoxen und Witzen, durchweg die Renom⸗ miſterei der junghegel'ſchen genialen Kritik, die ſtets die rechthaberiſche Journaliſtenperſönlichkeit in den Vorder⸗ grund drängt und deren ſubjective Stimmung bald Hohn und Ironie, bald pathetiſche Bewunderung, nie aber die hiſtoriſchen Thatſachen für ſich ſelbſt ſprechen läßt; hier dagegen finden wir jenes ſich ſelbſt Vergeſſen des Autors vor der Bedeutung und dem Ernſte ſeiner Aufgabe, jene Ehrfurcht vor der realen Welt, vor dem Wirklichen und

Nothwendigen, jeneWürdigung des geſchichtlichen Rech⸗ tes, deren Mangel J. Schmidt mit ſo großer Zuverſicht

der geſammten deutſchen Literatur höhnend vorwirft und die doch wahrlich keinem Werke in ſo hohem Grade ab⸗ geht, als eben ſeinem eigenen. Es ſei ferne von uns, das abſolut als einen Vorwurf anſehen zu wollen; wir für unſern Theil brauchen die Worte Journaliſt und Literat im Allgemeinen nicht als die Schimpfworte, für welche die Grenzboten ſie ausgegeben haben, und eine Beurtheilung

der gegenwärtigen Literatur, mit der parteiloſen Objecti⸗

vität geſchrieben, mit der man die vergangene behandeln kann, würde nur zu leicht Gefahr laufen, charakterlos zu werden; J. Schmidt, ſo einſeitig und ungerecht in ſeiner Leidenſchaftlichkeit er auch oft geweſen, hat in unſeren Augen das Verdienſt, in Aufräumung des romantiſchen Schwindels in Philoſophie und Aeſthetik Epoche machend mitgewirkt zu haben, nur that er es und mußte er es thun mit all' der Dreiſtigkeit und Charlatanerie des Journa⸗ liſten von Fach; er iſt ein höchſt talentvoller und ehren⸗ werther Literat, aber immer eben ein Literat, und wie ſehr er ſich auch zu verſtellen ſuche und auf ſich ſelbſt und ſeine

Collegen ſchimpfen mag, uns ſoll er nichts weis machen

wir gehören ja auch zum Metier und leben ſelbſt davon! Wie ſehr von ſolchem Tone der Darſtellung ſich das Koberſtein'ſche Werk unterſcheide, welche echt menſchliche

Theilnahme für die Beſtrebungen der Nation, welche tiefe

hingebende Gelehrſamkeit darin zu ſinden ſind, davon in nächſter Nummer.

(Schluß folgt.) von Alphons Dürr in Leipzig. Druck von Gieſeche à Deprient in Leipzig

Rovelle

Feuille Zur Aus

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Kis⸗ 8 6

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