Jahrgang 
01-26 (1857)
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Jahrg,

Nr. 11.

Dritte folge.

163

Novellen-Zeitung.

Die Verlobung auf Reiſen.

Eine wahre Geſchichte. (Schluß.)

Tante Aurelia ſaß noch hoch zu Roß, fand es jedoch ziemlich unbequem, daß dieſes hartnäckig den Kopf zur Erde ſenkte, um zu graſen, und weder durch Zerren am

Zügel, noch ſanftes Zureden zu bewegen war, das téte-a-

téte ihrer Nichte und des jungen Trägers zu ſtören. Meine Tante dort bittet Sie ebenfalls um einen

Labetrunk, verdolmetſchte die Nichte dem Fremden deren

Zuruf; gern oder ungern mußte er dem Befehle folgen.

Was mag den jungen Mann nur zu dieſer Beſchäf⸗ tretend:Ja, ſo gut wird's nicht allen Reiſenden!

tigung getrieben haben? lachte Fanny, ihm nachſehend.

Donna Aurelia war nicht wenig erſtaunt über die Auf⸗ merkſamkeit ihres Bruders denn ſie wußte die guten Dinge dieſer Welt noch leidlich zu ſchätzen

und muſterte

dabei ziemlich genau den Ueberbringer, ihren Mund zu

einem ſüßen Dankeswort ſpitzend und ihre beſten franzöſi⸗ ſchen Brocken hervorſuchend. rief ſeinen Kameraden Jakob, und dahin ſchwebte der Seſſel, unbekümmert um die zurückgebliebene Cavallerie und deren Signale zum Warten.

Die weiten Moorwieſen, an denen der Pfad ſich hin⸗ zog, wären an und für ſich ſehr öde geweſen, aber die hun⸗ dert verſchiedenen Glocken der darin umherwatenden Rin⸗ derheerden und die aberhundert Glöckchen der leichtfüßigen Ziegen auf den ſteilen Anhöhen über ihnen verliehen auch dieſer Bergeinſamkeit ihren Reiz.Gott, wie ſchade, daß ich hier nicht mit umherklettern darf und überall Blumen ſuchen! wiederholte das junge Mädchen zum zehnten Male an dieſem Tage; aber Jakob war unerbittlich, da die Zeit dränge, und der Andere lächelte hinter ihrem Stuhle.

Oefter wechſelten nun die Männer mit einander ab, denn der Weg, obgleich ohne die mindeſte Gefahr oder

Schwierigkeit, ſtieg immer mehr und endlich erblickte man

die runde grüne Kuppe des Faulhorns. Fanny hatte ge⸗ träumt, über Gletſcher und Schneefelder, umgeben von ſtarrenden Felsklippen, an ihr Ziel zu gelangen, und im Voraus in dieſer romantiſchen Ausſicht geſchwelgt; jetzt fühlte ſie ſich enttäuſcht und würdigte einen im Entſtehen begriffenen Gletſcher kaum eines Blickes. Der immer durchdringendere, ſchärfere Wind jedoch begann ſie zu erin⸗ nern, daß ſie wirklich 8000 Fuß hoch über dem Niveau ihrer Vaterſtadt ſich befände.

Nun war die letzte ſteile Stiege zu dem niederen, langen

.- 1 Doch dieſer hatte Eile, er

Wirthshaus erklommen und tief aufathmend ſetzten die ge⸗ übten Träger ihre Laſt nieder, indeß der Anfänger bereits oben ſtand, das junge Mädchen raſch von den ſie einhül⸗ lenden Decken befreite und nach einer ſchützenden Mauer⸗ ecke geleitete, damit ſie das Schauſpiel nicht verſäume, welches ſich eben zu entrollen begann: die heftig wehende Briſe trieb ihr Spiel mit den wehenden Schleiern, in welche ſich die Natur den ganzen Tag über gehüllt hatte, ſie waren zerriſſen und zwiſchen ihren Spalten hindurch glänzte das Purpurgewand der Jungfrau und all' der hohen Häupter in weitem Kreiſe um ſie her, um im nächſten Augenblick wieder verdeckt und abermals enthüllt zu werden.

Sagt' ich's nicht, daß wir einen guten Tag haben werden, rief triumphirend, als habe er Sitz und Stimme im Rathe der Wolkengeiſter, Jakob der Führer, zu ihnen

Oui, c'est un jour heureux! ſagte der jüngere Ge⸗ fährte mit dem Ausdruck voller Ueberzeugung, indem er ſein Auge auf ſeiner Nachbarin ruhen ließ, die in ſtum⸗ mem Entzücken hinüberſchaute auf die großartigen Nebel⸗ bilder.

Leider aber verſchwand der Zauber gänzlich, als eben die müden Pferde des Papa's und der Tante vor dem Hauſe hielten, und der eiſige Wind trieb die Frauen raſch hinein. Sie wurden in ein ähnliches Gemach wie das geſtrige geführt; es war das beſte des Hauſes, behaglich erwärmt, und auf dem kleinen Tiſch am Fenſter ſtand ein großer Strauß Alpenblumen.

Wir ſind wohl in einem falſchen Zimmer? fragte

die Tante. Nein, nein Tantchen, ſieh hier! ich glaube, ich träume da ſteht's:Der Berggeiſt des Faulhorns ſeinem ſchönen Gaſte, Fräulein Fanny! Und ſie tanzte lachend mit dem Blatt im Gemach umher:Das muß ein allerliebſter Kobold ſein, der ſich ſo galant ausdrückt und benimmt! den möchte ich doch kennen lernen!

Zweifelhaft, ob die Entrüſtung oder die Neugierde zuerſt die Oberhand gewinnen ſollte, ſiegte letztere in Tante Aurelie, und ſie ergoß erſt ihre üble Laune, als ſie ſich vergebens bemüht hatte, von ihrer Nichte Aufklärung zu erhalten. Sie beſchloß daher bei ſich, von nun an ſtrengere Controle zu führen und beſonders genaue Inſpection der unten verſammelten Gäſte zu halten, zu welchem Zweck ſie ihre Toilette begann und zwiſchen durch mit vieler Be⸗ friedigung beobachtete, welchen Eindruck ihre Strafpredigt auf die ausgelaſſene Nichte gemacht hatte. Nachdenklich war dieſe allerdings geworden, und zerſtreut eben ſo, das ließ ſich nicht leugnen: Alles reichte ſie verkehrt und nahm mit ſtummer Ergebung die Zurechtweiſung der Tante ent⸗