Jahrgang 
01-26 (1857)
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Novellen-Zeitung.

Die Verlobung auf Reiſen.

Eine wahre Geſchichte.

Dichte Nebelſchleier verhüllten das glänzende Haupt der ewigen Jungfrau und bedeckten damit einen der mäch⸗ tigen Trabanten nach dem andern, die ihren imponirenden Hofſtaat in immer gleicher Treue ſeit Jahrtauſenben bilden. Kein Sonnenuntergang vergoldete heut' den Schnee ihrer Gewänder; nur dumpf donnernd hörte man die Lawinen in die Abgründe rollen, die jene Rieſenberge von der Wengernalp trennen. Immer dichter ward der Nebel, den der ſcharfe, ſich erhebende Föhn allmählich über die ganze Gegend herabtrieb.

Das behagliche Gefühl, bei ſolchen Umſtänden unter Dach und Fach zu ſein, vermochte dennoch nicht, den Miß⸗ muth der Reiſenden ganz zu verbannen, womit dieſe in der Unterſtube des beſcheidenen Wirthshauſes auf der Wengern⸗ alp ſaßen und durch die kleinen Fenſter deſſelben auf das Wachſen und Treiben der Wolkenſchichten unter ihnen ſchauten. Wie weit war man über Land und Meer ge⸗ kommen um des großartigen Anblickes willen, den man von dieſer Stelle aus haben konnte! Wie lange hatte jene deutſche Beamtenfamilie für dieſen ihren Lieblings⸗ wunſch geſpart! Welche Mühe und Anſtrengung hatte es nicht den meiſten jungen Leuten dort, Künſtlern und Stu⸗ denten, gekoſtet, die dünne Börſe zu vergrößern, oder den knappen Wechſel der ſparſamen Eltern zu verlängern durch die Wunder der deutſchen Schweiz wandern zu können! Und nun ſaßen ſie vergeblich vor dem ſchönſten derſelben; der verhüllende Vorhang ward mit jedem Augen⸗ blick nur dichter und undurchdringlicher. Eine ſtumme Re⸗ ſignation war allmählich den lebhaften Ausbrüchen des Unmuths und der Enttäuſchung gefolgt: it is a pity a great pity! mit dieſem Stoßſeufzer hatten ſich die eng⸗ liſchen Gruppen ganz regelrecht zu ihrem Thee geſetzt und waren vertieft in den unfehlbarenMurray, der ihrer Phantaſie in Beſchreibung der Ausſicht zu Hülfe kam. Andere nahmen den Bleiſtift zur Hand, um begonnene Skizzen zu vollenden, oder ſchrieben Reiſenotizen nieder, und Dank dem holden Leichtſinn, den uns die Natur verliehen! die jungen Leute entwarfen neue Reiſerouten über allerlei ſchwierige Päſſe; denn der Wirth hatte ihnen ganz unfehlbar einen ſchönen Sonnenaufgang verheißen.

Da unter dem breiten Vordach an der Seite des Hauſes, wo einige Führer neben ihren Thieren ihre Cigarren rauchten denn dieſe Errungenſchaft der Ci⸗ viliſation iſt ſogar bis in das Herz der Alpen gedrungen, da erhob ſich als Antwort auf einzelne, im Nebel faſt

erſtickte Töne ein lautes Jodeln, und gedämpft tönten die⸗ ſelben Laute noch mehrmals zurück; aber immer wieder aus derſelben Entfernung, wie aus der Tiefe des Trüm⸗ letenthales, jener engen Kluft, in welche die Wengernalp plötzlich abfällt.

Erſtaunt und kopfſchüttelnd ſahen die Führer einander an: denn da hinunter war kein Weg für Reiſende; nur Gemsjäger oder einige Holzfäller wagten ſich, zum Theil auf ſchmalen Leitern, hinab und gar bei einem Föhn, wo die Lawinen der Jungfrau gewöhnlich ihren Weg da hinunter nehmen!

Kommt! ſagte lakoniſch der Wirth, gab den Män⸗ nern eine Leiter und Stricke und ging mit ihnen dem Tone der Stimme nach, an deren Art zu jodeln ſein geübtes Ohr recht wohl die Fremden heraushörte.

Wirklich! auf dem letzten, ſteilen Abſatz des Berges bewegten ſich wie Schatten im Nebel zwei Geſtalten, deren Lage eben nicht beneidenswerth war: kaum ſo viel Raum unter den Füßen, um darauf zu ſtehen, befand ſich ein Dritter jedoch in noch bedenklicherer Lage; er hatte bereits einen Theil der letzten ſteilen Leiter erklommen, als er eine der weitläuftigen Sproſſen zerbrochen fand, und während er ſich anſchickte, dies Hinderniß zu überwinden, brach auch das morſche Holz der zweiten unter ihm, ſo daß er kaum dem Schickſal entging, rückwärts auf ſeine Gefährten und mit ihnen in die dunkle Tiefe unter ihnen zu ſtürzen.

Um Gotteswillen, Herr! hoalt Di feſt an d' Leiter und behoalt Courage, bis ſie uns dort oben höre! zurück könne wir nit mehr! Damit ſtimmte der brave Jakob Linderer ſein lauteſtes Jodeln an, deſſen fröhliche Klänge allerdings für den Augenblick nicht als Ausdruck ſeiner Privatgefühle gelten konnten. Denn Jakob war ein re⸗ nommirter Führer und fürchtete als ſolcher eben ſo wohl für ſeinen Ruf, als für ſeine beiden Schutzbefohlenen, deren friſcher Muth und jugendliche Heiterkeit ſo ſehr ſein Herz gewonnen hatten, daß er als beſondern Beweis ſeiner An⸗ erkennung für ſie eingewilligt hatte, ſie etwas tiefere Blicke in die ſchauerlich ſchönen Geheimniſſe der Alpenwelt thun zu laſſen, als den gewöhnlichen Touriſten vergönnt iſt. Ueber die Höhen des Staubbaches, deſſen Kryſtall unter ihnen in Nebel zerſtiebte, nach dem hochgelegenen Dorfe Mürren, an den ſchönen Gletſcher, dem der Schmadribach in Fülle und Kraft entſpringt, und endlich durch die gan⸗ zen Windungen des Trümletenthales, zwiſchen Felswänden, Waſſerfällen und Schneelagern, unter dem Donner der darüber brüllenden Lawine, waren ſie an dieſen pittoresken Pfad gekommen, der ſie nun zu dem erſehnten Ruhepunkt führen ſollte und keineswegs leichter zu erklimmen war, ſeit der Nebel ihn auf wenig Schritte unſichtbar machte.