Jahrgang 
01-26 (1857)
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Nr. 9.]

Literariſche Beſprechungen.

Welt und Wahrheit. Roman von Mathilde Raven, Verfaſſerin vonSchwanwitt,Eine Familie aus der erſten Geſellſchaft,Eversburg,Hermine, Der Briefträger, u. ſ. w. Neue wohlfeile Ausgabe. Vier Bände. Düſſeldorf, W. Kaulen, 1856.

Vor ungefähr einem halben Jahre zeigten wir hier den erſten Roman der Frau Mathilde Raven an:Eine Fa⸗ milie aus der erſten Geſellſchaft, der 1848 zum erſten Male erſchienen und damals faſt unbeachtet vorüberge⸗ gangen war, weshalb der Verleger nach acht Jahren ſich zu einer neuen Ausgabe entſchloß. Das Gleiche iſt mit dem oben angeführten Buche der Fall, das ſchnell auf jenen erſten Roman der Verfaſſerin folgte und 1849 oder 1850 zuerſt erſchien; wenigſtens trägt daſſelbe die unverkennbaren Spuren, im Jahre 1848 vor dem ſiegenden Eintreten der Revolution geſchrieben zu ſein. Es freut uns, durch dieſe neue Ausgabe die Bekanntſchaft auch dieſes Werkes von Frau Raven zu machen; dennoch ſind wir nicht im Stande, das unbedingte Lob, das wir über ihr erſtes Buch aus⸗ ſprachen, auch dieſem zu Theil werden zu laſſen. Von der Familie aus der erſten Geſellſchaft mußten wir ſagen, daß dies ein echter ſocialer Roman war, der, wenn ihm auch der zarteſte Zauber poetiſcher Darſtellung abging, doch ſeinem Inhalt und ſeiner ethiſchen Tendenz nach Frei⸗ tag'sSoll und Haben direct an die Seite zu ſtellen war. Unſere Geſellſchaftszuſtände in ihrer innerſten Wahr⸗ heit, die von der allgemein menſchlichen Bildung abwei⸗ chenden Standesanſichten in ihren Eigenthümlichkeiten und feindlichen Gegenſätzen zur Darſtellung gebracht zu haben, das erſchien uns als das große Verdienſt jenes Buches. Auch der RomanWelt und Wahrheit gibt tiefe Blicke auf dieſe Thatſachen von öffentlicher Wichtigkeit und läßt nicht vergeſſen, wie unſer modernes Leben durch die Ver⸗ ſchiedenheit der Gewöhnung, der Erziehung und der Vor⸗ urtheile, durch die ſtändiſche Sonderung durchweg ſein eigenthümliches Gepräge erhält; aber der Hauptaccent dieſer Schilderung iſt doch auf die individuellen Seelen⸗ vorgänge, auf die pſychologiſchen Gegenſätze gelegt, wie dieſes der vorzugsweiſe Inhalt faſt aller Frauenromane ſeit langen Zeiten zu ſein pflegt. Die vier ſtarken Bände von circa 1600 Seiten handeln hauptſächlich davon, ob Emma,

Dritte folge.

die Coquette, oder Marie, die Sentimentale, den Candi⸗ daten der Theologie, Herrn Ernſt Wild, bekommen, d. h. alſo heirathen und beglücken ſoll. Dabei iſt die Schilde⸗ rung nicht in allgemein poetiſchem Charakter gehalten, ſondern wie faſt jede Dame eine Dame von anderer Eigen⸗ thümlichkeit als ihre feindliche Nebenbuhlerin anſehen ſoll wie man ſagt, ſo hat hier die Verfaſſerin für eine der bei⸗ den Nebenbuhlerinnen ſehr entſchieden Partei ergriffen und ihr Buch iſt ſo gewiſſermaßen ein Tendenzroman im Sinne der ſentimentalen Damen gegenüber den coquetten ge⸗ worden. 3 Die geehrte Frau Verfaſſerin kann mit dieſem unſeren Urtheil ſicher zufrieden ſein, denn nichts kann einem Ro⸗ mane in Deutſchland eine größere Verbreitung verſchaffen, als eine Anerkennung dieſer Art. Keine Empfehlung des geiſtreichſten Kritikers kann bekanntlich einem Buche ſo zum Abſatz verhelfen, als die Empfehlung einer einzigen

Gouvernante; was aber iſt die vorzüglichſte Leidenſchaft, der glühendſte Fanatismus aller Gouvernanten, Mütter und Tanten, die junge Damen zu erziehen haben was an⸗ deres, als die Feindſchaft gegen das, was man mit dem liebenswürdigſten aller Worte, mit dem WorteCoquet⸗ terie bezeichnet! Vor welchem Verbrechen wird das weib⸗ liche Gemüth von Jugend auf ſyſtematiſcher gewarnt, als vor der Coquetterie? Für welches Vergehen ſind in allen jugendlichen Mädcheninſtituten mehr Strafthemata ange⸗ ſetzt, als für das Coquettiren? Welchen entſetzlicheren Vorwurf kann man einer Mutter über ihre Tochter machen, als daß ſie coquett ſei? Wenn man all' dieſe Prä⸗ ventiv⸗ und Aggreſſiv⸗Maßregeln bedenkt und wenn man bedenkt, daß trotz derſelben hie und da eine kleine weib⸗ liche Coquetterie immer noch vorkommen ſoll, ſo muß man ſicher den Schluß daraus ziehen, daß die Anlage dazu dem ſchönen Geſchlechte ſehr tief im Blute liegen müſſe, wenn wir auch die Möglichkeit nicht leugnen wollen, daß allen vereinten Anſtrengungen der Einzel- und Geſammt⸗ erziehung, verbunden mit der fleißigen Lectüre von Ro⸗ manen wie der hier angezeigte, die radicale Ausrottung dieſer gefährlichen Anlage doch endlich zu ermöglichen ſein wird, ſo daß man im zwanzigſten Jahrhundert, das außer dem Drama der Zukunft hoffentlich auch das Weib der Zukunft realiſiren wird, vielleicht von der Coquetterie als von einer antediluvianiſchen menſchlichen Verirrung ſprechen dürfte, wie man jetzt vielleicht von den Menſchenopfern, von der Verehrung für Goethe und Schiller oder von der Hexenverbrennung ſpricht.

Wir für unſer Theil können nicht umhin, für die Co⸗ quetterie im Allgemeinen und für dieſe kleine coquette Emma im Romane der Frau Raven ganz beſonders Partei zu ergreifen. Denn in allem Ernſte die Verfaſſerin i*ſt nicht ganz unbefangen dieſem Charakter gegenüber und hat die entſchiedenen Vorzüge deſſelben mit den daran ge⸗ knüpften Vergehen und deren Beſtrafung nicht in der Weiſe gegenſeitig auf die Wage gelegt, daß wir ein har⸗ moniſches, von der poetiſchen Gerechtigkeit verklärtes Le⸗ bensſchickſal darin vor uns entwickelt ſähen. Dieſe kleine Emma iſt ein ganz reizendes, junges Weſen, deren nament⸗ liches Verdienſt wir darin ſehen, daß ſie weiß, was ſie will, und auch weiß, wie ſie das zu erreichen hat. Wie ſie den Geliebten, der bereits völlig in anderen Banden gefangen ſcheint, ſich zu erobern beſchließt und ihn wirklich

auch zu erobern im Stande iſt, darin ſehen wir für

unſer Theil etwas von dem genial Weiblichen, das die Frauen, die es beſitzen, zu außerordentlichen Frauen macht. Man hat viel gute und ſchlechte Witze gemacht über das ewigDämoniſche, das in allen Hahn⸗Hahn'ſchen Ro⸗ manen, in Freitag's Valentine und in anderen Nach⸗ ahmungen derſelben vorkommt; meiſt beruht hier das

Außergewöhnliche auf nichts, als auf der Einbildung des

eigenen Gemüthes, etwas nicht Gewöhnliches ſein zu müſſen,

und auf der Ueberſpanntheit, die ſich zu gut dünkt für ihre

Verhältniſſe und ihre Fähigkeiten. Hier in der Emma der Frau Raven aber iſt in ganz realiſtiſcher, lebenswahrer Weiſe ein Weſen geſchildert, das uns deshalb bewunderns⸗ werth erſcheint, weil es ſeine Verhältniſſe ſo ganz zu be⸗ herrſchen weiß und das, was es will, zu erreichen auch die Fähigkeiten beſitzt. Daß dabei in die Leidenſchaft In⸗

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