I Jahrg,
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Dritte folge.
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Novellen-Zeitung.
Wenn die Binde fällt.
Novelle von Guſtav zu Putlitz. (Schluß.)
Armand richtete ſich auf.„Hat ſie Dir irgend etwas vertraut?“ rief er.
„Nicht ein Wort,“ war die mich wohl gehütet zu fragen. Was hätte es mir helfen können, wenn ſie mir von irgend einer romantiſchen In⸗ clination erzählt hätte, irgend einem kleinen Spiel ihrer müßigen Gedanken. Aber ihre Zerſtreutheit, ihr Erröthen, wenn man ſie daraus aufſchreckt, ein feuchtes Auge, wenn ſie ſich unbemerkt glaubt, die Weiſe ihrer Lecture, der Muſikſtücke, die ſie vorzugsweiſe ſpielt, Alles macht mir unzweifelhaft, daß ihr Herz ſich das Vergnügen macht, ſich ein klein wenig zu quälen, zu erregen, zu ſpielen, kurz das zu thun, was man im gewöhnlichen Leben lieben nennt. Mache alledem auf einmal ein Ende, komme den Capricen eines Frauenherzens zuvor, ehe es aus einer Spielerei Ernſt macht— biete ihr Deine Hand, denn ich kann Dir verſichern, daß ſie ſie nicht ausſchlagen wird.“
„Und alles das nennſt Du vernünftig?“ rief Armand.
„Jedenfalls iſt es freundſchaftlich für Dich,“ ſagte Aline, die ſich dem Bruder vis-A-vis auf einen derließ und damit andeutete, daß ſie noch nicht die hatte, ihre Vorſtellungen abzubrechen.
„Sprich mir doch nicht von der Mädchen von 16 Jahren,“ ſagte ſie. ſie dankt Dir das Leben. lant ſein willſt und nicht das Beiſpiel Deines Herrn Schwagers nachahmſt, wirſt Du ein äußerſt liebenswür⸗ diger Ehemann werden, Du biſt ein ſchöner Mann—“
„Trotz meiner 40 Jahre?“ warf Armand ſcherzend ein.
Antwort,„auch habe ich
Abſicht
„Clemence achtet Dich,
„Lache nur,“ rief die Schweſter—„nicht trotz deſſen,
ſoondern eben deshalb. Als junger Mann mit 20 Jahren warſt Du nichts weniger als hübſch— Du haſt Dich embellirt.“
Armand ſtand auf.
„Es iſt mir lieb, Dir viel beſſer und iſt mir auch lieber, als Deine ſoge⸗ nannten vernünftigen Vorſtellungen.“
„Ah, ich ſcherze gar nicht,“ ſagte Aline verletzt.„Ich ſage Dir in allem Ernſt, daß Clemence, wenn ſie erſt Deine Frau iſt, ſehr glücklich ſein wird, und daß dann alle dieſe kleinen Herzenständeleien mit einem Schlage verwiſcht ſein
daß Du wieder ſcherzeſt, das ſteht
F
Stuhl nie⸗
.. 5 Liebe wie ein junges
Wenn Du ein klein wenig ga⸗
werden, von denen ich übrigens gar nicht einmal weiß, ob ſie nicht Dir gelten.“
„Mir?“ ſagte Armand mit bitterm Lächeln. Du Vincenz vergeſſen, Aline?“
„Nicht im Geringſten, und von ihm kam ich auch mit Dir zu reden.“
„Von ihm?“
„Gewiß. Du haſt Dir in Deiner edelmüthigen Weiſe, die eigentlich eine Thorheit iſt, aus dem Nebenbuhler einen Freund gemacht, Du haſt Dich ſelbſtquäleriſch in allerlei Liebenswürdigkeiten hinein phantaſirt, die Du ihm zu⸗ ſchreibſt. Du willſt mit Gewalt, daß er unwiderſtehlich ſein ſoll und daß Clemence, die übrigens keine Ahnung davon hat, daß er hier und in Deiner Cur iſt, ihn leiden⸗ ſchaftlich liebt, während ſie ihn vielleicht nur pflegte, aus Mitleid pflegte.“
„Aber,“ ſagte Armand,„Vincenz iſt der liebenswür⸗ digſte junge Mann, den ich kenne. Seine edle, freie Männ⸗ lichkeit, ſeine Jugend, ſeine Schönheit—“
„Aber mein Gott,“ unterbrach ihn Aline,„wenn dem Allen ſo iſt, deſto vorſichtiger müſſen wir ſein. Mach' ihn ſo ſchnell als möglich geſund und ſchicke ihn fort ſo bald Du kannſt. Wenn wirklich, was nicht unmöglich iſt, ſeine Hülfloſigkeit Clemence gerührt, ihrem Herzen ein Intereſſe eingeflößt hat, laß nicht dieſe glänzenden äußeren Vorzüge
das flüchtige Intereſſe zu einer wahrhaften Neigung er⸗ höhen.“
„Freilich,“ ſagte Armand,„wenn das Aeußere ent⸗ ſcheidet, darf ich mit Vincenz nicht in die Schranken treten—“
„Hat er Dir nie von Clemence geſprochen?“ fragte Aline.
„Heute Abend,“ antwortete der Bruder.
„Und er liebt ſie? Freilich aus Dankbarkeit,“ rief V Aline.
„Haſt
„Dankbarkeit iſt nicht Liebe,“ erwiderte Armand,„er
hat ſie nie geſehen—“ „O,“ rief Aline,„ſo darf ſie ihm niemals vor Augen treten. Clemence iſt ſchön, jetzt in der Geneſung ſo rührend ſchön, daß, wenn er ſich angezogen fühlte, ohne ſie geſehen
zu haben, er ſich mit ſeinen fünfundzwanzig Jahren raſend iin ſie verlieben muß, wenn er ſie ſieht—“ „Nun, Schweſter,“ ſagte Armand,„zeigt Dir das nicht das ganze Widerſinnige Deiner ſogenannten Ver⸗ nunft?“ „Verſprich mir nur, daß Du ſie nicht zuſammen füh⸗ ren willſt,“ rief Aline.„Wie kannſt Du Liebe nennen die Empfindung zweier Menſchen zu einander, die ſich gar nicht geſehen haben? Wie kannſt Du einer ſolchen Liebe
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