Jahrgang 
01-26 (1857)
Einzelbild herunterladen

122

beſchreiblich angezogen. Er konnte ihm Stunden lang zuhören, wenn er mit Begeiſterung von ſeinem Stand, von den Erlebniſſen der Campagne erzählte, von dem Zu⸗ ſammenleben mit den Kameraden, von Spiel und Duellen, von kleinen Abenteuern und jugendlich übermüthigen Strei⸗ chen. Armand liebte ſeinen Beruf, ſeine Wiſſenſchaft, aber wenn er Vincenz in dieſer Friſche anhörte, mochte es ihm doch ſcheinen, als hätte er ſeine Jugend nicht ausgekoſtet, als ſei er eigentlich gar nicht jung geweſen, und wenn Vincenz ihm in der freundſchaftlichſten Aufwallung ſagte: O, wenn Sie doch auch Soldat, wenn Sie doch auch Officier der öſterreichiſchen Armee geworden wären! lächelte er zwar, aber ihm wurde doch wehmüthig ums Herz und er ſagte wohl:Ja wenn ich noch einmal 20. Jahre alt werden könnte!

Von Clemence hatten ſie nur einmal wieder geſprochen, als Vincenz fragte:Wie kam Ihre Schweſter auf den Namen, wiſſen Sie etwa von ihr? und Armand ihm er⸗ widert hatte:Wenn Sie ganz hergeſtellt ſind, ſollen Sie auch das erfahren.

Einmal ſaß Armand Vincenz gegenüber und ſah ihm lange in die kranken Augen.Sie haben die ſchönſten blauen Augen, die ich je geſehen habe. Wiſſen Sie, daß dieſe Augen unwiderſtehlich ſein müſſen, wenn Sie mit der wunderbaren Miſchung von Klarheit und verſchleiertem Glanz, von Muth und Gemüth, von Entſchloſſenheit und Milde feſt in ein anderes Auge blicken? Sie Bevorzugter mit einem Blick aus dieſen Augen haben Sie mich zu Ihrem Freunde gemacht, und wenn ich ein Mädchen wäre dieſen Augen hätte ich nicht widerſtanden.

Vincenz lachte laut.Halten Sie ein, rief er,Sie könnten mich überreden, daß ich den Talisman habe, Her⸗ zen zu gewinnen, deſſen Gewalt ich mißbrauchen könnte und von dem ich bisher wenigſtens keine Ahnung hatte.

Wirklich nicht? ſagte Armand zweifelnd.

Gewiß nicht! erwiderte Vincenz,und ſo ſchmei⸗

Noveſſen⸗Zeitung.

chelhaft Ihr Compliment klingt, ſo wenig iſt es das am Ende. Wenn ich alle meine Eroberungen nur meinen Augen zu verdanken gehabt hätte, lieber Gott, was wäre aus mir geworden, wenn jene unglückliche Kanonenkugel ſie um ein Haar breit näher geſtreift und mir alle meine Liebenswürdigkeit auf einmal geraubt hätte

Das habe ich nicht geſagt warf der Freund ein.

Und ich könnte Ihnen auch das Gegentheil bewei⸗ ſen fuhr Vincenz fort.Gerade als die Binde dieſe Augen deckte, habe ich das größte, das edelſte Herz gewon⸗ nen, das ſich jemals zu mir gewandt hat.

Erzählen Sie mir das, ſagte Armand mit ſicht⸗ licher Spannung und mit mühſam errungener Heiterkeit.

Vincenz's ſonſt immer ſo heitere Züge nahmen einen feierlich ernſten Ausdruck an, er lehnte zurück auf ſeinem Fauteuil und legte die Hand auf die Augen, als müſſe er ſie wieder verdecken, um die Erinnerung heraufzurufen, die ihn in die Zeit ſeiner Hülfloſigkeit, ſeiner Blindheit zurück⸗ verſetzte.Clemence, Sie wiſſen ja den Namen, hub er an,theilte mit einem alten Diener die Pflege an meinem Lager. Sie erzählte mir von ihrem Leben, das eine ein⸗ ſame Kindheit gehabt hatte, wie mein eignes. Der Reiz, den die edle Weiblichkeit immer auf unſer Gemüth ausüben wird, feſſelte mich. Ich fühlte, daß hier eine abgeklärte Natur zu mir getreten war, und ich beugte mich vor ihr, empfand eine Verehrung, eine Unterordnung, die ich bis dahin nicht gekannt hatte. Sie erzählte mir nur die heitern Momente ihres Lebens, aber es klang durch, daß ſie den Schmerz kannte. Und nun der eigenthümliche Zauber die Abgeſchloſſenheit von jedem äußern Eindruck, in die mich meine erloſchenen Augen bannten. Ich war ſo um⸗ ſponnen von dem charaktervollen Gemüth dieſer Frau, daß ich ihr, ehe ich es wußte, mein ganzes Herz entgegenge⸗ tragen hatte. Dann machte ich mir Vorwürfe, daß ich dieſe reiche Seele an meine Gebrechlichkeit feſſeln könnte,

und ſie, wieder mit dem ganzen Schatz der Selbſtverleug⸗

ſchichts⸗ und Menſchenkenntniß, ihrer großen muſikaliſchen Be⸗ gabung und reich an Geiſt, Bildung und Talenten ſelbſt in der beſcheidenſten Sphäre bedeutend geweſen ſein würde.

Daß der Fürſtin Lieven, die bereits 1828 zur Ehrendame der Kaiſerin ernannt worden war, in Petersburg die wärmſte Auf⸗ nahme zu Theil wurde, verdient kaum der Erwähnung, doch ſie ſollte daſelbſt von einem ſehr ſchmerzlichen Unglück heimgeſucht werden. Im Frühling 1835 wurden ihre beiden jüngſten Kinder, 13 und 8 Jahr alt, in dem Zeitraume von einem Monat ihr durch den Tod entriſſen. Dieſe doppelte Wunde, die nie wieder ganz geheilt iſt, machte ihr den Aufenthalt in Rußland unerträglich. In Folge deſſen ließ ſie ſich in Paris nieder, das ſie die letzten 22 Jahr ihres Lebens, einen kurzen Aufenthalt in England, in Brüſſel und am Rhein abgerechnet, fortwährend bewohnt hat. Ihrem Gemahl, der ſeinen hohen Zögling auf ſeinen Reiſen durch das ſüdliche Europa begleitete, verlor ſie am 10. Januar 1839, wo er in Rom ſtarb. 3

Herr de Sacy fällt in demJournal des Débats folgendes Urtheil über die verſtorbene Fürſtin und deren Leben in Paris, das von vielen anderen Seiten beſtätigt wird:

In Paris wurde der Salon der Fürſtin Lieven bald wie in London das freie und friedliche Rendez-vous der Elite der ver⸗ ſchiedenen Parteien. Die angeſehenſten Fremden, die Diplomaten aller Länder trafen ſich bei ihr und fanden bei ihr eine der koſtbar⸗ ſten Tugenden, eine außerordentlich große Unparteilichkeit. Sie beſaß keinen diplomatiſchen Charakter und machte keine diplomati⸗ ſchen Anſprüche. Sie hatte Rußland nicht wie in Berlin und London zu vertreten; ihr langer Aufenthalt in der Hauptſtadt Englands hatte ſie nicht zu einer Engländerin gemacht; der fran⸗

zöſiſche Geiſt, der ihr Vergnügen machte, hatte den ihrigen nicht verdrängt; eben ſo wie ſie alle Meinungen anhörte und ihr Urtheil darüber abgab, hatte ſie für alle Völker Sympathie; ſie war eine vornehme Dame mit einer großen europäiſchen Seele und ſie ver⸗ trat in hoher Art dieſen Inbegriff von Geſinnungen und Ideen, dieſe erhabene Civiliſation, welche das gemeinſchaftliche Erbtheil des Abendlandes iſt und die Einheit deſſelben bildet.

Dieſes Urtheil des franzöſiſchen Schriftſtellers iſt für die Fürſtin Lieven eben ſo ehrend, wie es wahr iſt.

Ein ſehr ſchmerzliches Ereigniß für ſie war der Ausbruch des ruſſiſchen Kriegs. Sie beſaß in England noch viele Freunde und zu denſelben gehörte auch Lord Aberdeen, und da ſie deſſen Anſich⸗ ten über Rußland genau kannte und wußte, daß er zu allen Zeiten ein entſchiedener Anhänger einer innigen Allianz mit Rußland, für das er die wärmſten Sympathien bekannt und gefühlt hatte, geweſen war, ſo hielt ſie es eben ſo wohl, wie viele andere Per⸗ ſonen, für unmöglich, daß dieſer engliſche Premierminiſter Ruß⸗ land den Krieg erklären könne, und es war für ſie ein ſehr herber Schlag, als ſie ſich von ihrem Irrthum überzeugte. Da ſie ſich in Folge dieſes Kriegs gezwungen ſah, Frankreich zu verlaſſen, ſo wählte ſie Brüſſel zu ihrem neuen Wohnort, ſie hatte ſich aber ſeit zu langer Zeit an die pariſer Atmoſphäre gewöhnt, als daß ſie ſich in Brüſſel hätte heimiſch fühlen können. Paris war ihr zur zweiten Heimath geworden und in Folge der dringenden Ver⸗ wendung der Kaiſerin Eugenie wurde ihr endlich die Rückkehr da⸗ hin geſtattet. Obgleich die ruſſiſchen Intereſſen der Fürſtin ſehr am Herzen lagen, ſo war doch ihr ganzes Benehmen wäbrend der zwei Kriegsjahre eher das einer Perſon, welche über den Bruch einer alten Freundſchaft und den Verluſt eines geachteten Ver⸗

³

*

[III. Jahrg.

Nr. 8.

.

ung, der A lices Herz ic ſie nicht Sie mich do Schloſſe ve freilich nur blieben ftu ds Wort Stunden So det Stin Vin⸗ ſich auf mir ſelb höre die Geſtalt, Clemenc Sie von Sie ſich als die 7 das Bild ich das Stinme, düffaßte, können. fühlte i dieſe ¹ thümlie nur die derf d die Seel und mit aauf die auffaſſen lieben, w buͤndeten Kämpfer Ddie Kranthe

dan ſte ſie dan

11S = =

= =