Dritte folge. 115
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Wenn die Pinde fä
ſt.
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In der Vorhalle einer kleinen Billa am Genfer See(es war im Frühling des Jahres 1849), ſaßen Fwet Danen, die eine mit waiblicher Arbeit, Kbehſs die andere hin⸗ gegoſſen in den bequemen Faute dl. hinausſtarrend in die reine ſonnige Luft über den blauen Spiegel des Sees auf die Ufer, die im erſten Grün erglänzten, auf die Alpen, deren Schneehäupter ein leichter Duft umſchleierte. Beide Frauen waren jung, beide von angenehmſtem Aeußeren, und doch waren ſie ſo verſchieden in Haltung und Ausdruck, daß man auf den erſten Blick ſah, nicht gemeinſame Ver⸗ hältniſſe, nicht Verwandtſchgft hatte ſie zuſammengeführt. Die ältere der Beiden, eine hübſche blühende Frau von etwa dreißig Jahren, das Bild der Geſundheit, in ſehr ſauberem Anzug, dem man die Sorgfalt, die Freude an Schleifen und Ausputz anſah, war dami igt, einen Frühlingshut mit Blumen und Bän war ſichtlich vertieft in ihre Arbei und hob wohlgefällig von Zeit zu Zeit den Hut in die Höhe, ihn von allen Sei⸗ zen betrachtend. Der Ausdruck ihrer Züge war durchaus heiter; das helle blaue Auge blickte ſicher; jede Bewegung war ſchnell und beſtimmt; man hatte es mit einer zufrie⸗ denen, klaren Natur zu thun, das entdeckte man auf den erſten Blick, und wenn auch die Anmuth, dieſe Poeſie der weiblichen Erſcheinung, fehlte, dieſe Frau mußte mit ihrer entſchiedenen, aufrichtigen Weiſe, in der ſie ſelbſt nicht ihre kleinen Eitelkeiten verſteckte, beruhigend und befriedi⸗ gend auf ihre Umgebungen wirken, in deren Verhältniſſe ſie ſah wie in einen hellen Spiegel— und ſie liebte es in den Spiegel zu ſehen, beſonders in den ihres Toiletten⸗ zimmers.
Wenn dieſe Frau hübſch war, mußte man die andere entſchieden ſchön nennen. Das feine Oval des blaſſen Geſichts war beſchattet von vollem dunklen Haar, das ſchwarze Auge blickte aus ſeinen langen Wimpern wie ein verſchleiertes Geheimmiß, die hohe, ſchlanke Geſtalt, trotz der nachläſſig matten Haltung, in der ſie in dem Fauteuil lehnte, hatte etwas entſchieden Vornehmes. Um die Lip⸗ pen ſpielte ein Lächeln, aber das Lächeln, das man nur gewinnt, wenn man gelernt hat zu weinen, das mehr rührt als erfreut. Die zarten, bleichen Hände ruhten auf den Falten des weiten ſchmuckloſen Morgenkleides.
Der Contraſt war augenfällig, dort Geſundheit, hier
die ſichtlichen Spuren eben überwundener Krankheit—
garniren. Sie
dort eine zufeisdene Heiterkeit, hier die Ruhe der Reſigna⸗ tion, da die Tüchtigkeit der Proſa, hier die Grazie der
Tesie
Die jüngere Frau ſtarrte lange träumeriſch in die rei⸗ zende Nätur, die ſich vor ihren Blicken ausbreitete, aber die Gedanken waren mit Anderem beſchäftigt— dann fiel ihr Auge auf die Gefährtin— und mit wohlgefälligem Lächeln beobachtete ſie ihre Beſchäftigung:„Wie Sie ge⸗ ſchickt ſind, Aline,“ ſagte ſie,„und wie ſchnell Ihnen das Alles von der Hand geht.“
„Ja, wenn ich nicht ſchnell wäre, wenn ich mir nicht mein wenig Putz ſelbſt zuſammenſtellen könnte, Clemence,“ erwiderte ſie,„ſähe es ſchlimmer aus. Die Brüder ſind ungalant und die Ehemänner, wenn ſie erſt zehn Jahre verheirathet ſind, der meinige wenigſtens, halten nichts auf der Welt für gleichgültiger als das, wie ihre Frau ſich kleidet. Der Bruder ſchenkt mir wohl gewiſſenhaft zu Weihnachten und zum Geburtstage ein neues Kleid, aber immer dunkle, die ich nicht ausſtehen kann, und daß man auch Blumen, Band, Spitzen, Nadeln und Perlen gebrau⸗
chen kann, davon haben die Männer nun einmal Alle keinen Begriff.“
Clemence lächelte. Ein Blick auf die Toilette ihrer Gefährtin, die aufgeſtanden war und ihre fertige Arbeit wohlgefällig der Freundin zeigte, ließ es allerdings un⸗ glaublich erſcheinen, wie man ſo etwas überſehen konnte.
„Liebe Aline,“ ſagte ſie,„neben Ihrem Fleiß, Ihrer Geſchäftigkeit komme ich mir recht träge, recht unnütz vor.“
„Sie ſollen ja nichts thun,“ war die Antwort,„das iſt Ihre Cur, und der Bruder hat es ſtreng unterſagt. Sie ſollen nicht arbeiten, nicht leſen, nicht einmal denken, ſo weit ſich das verbieten läßt, und ich mi. Ihnen das Zeugniß geben, daß Sie dies Nichtsthun ſo gewiſſenhaft einnehmen, als irgend eine Kranke ihre Pillen—“
„Glauben Sie, daß er zu ſtreng iſt, Aline?“
„Ich bin kein Arzt,“ ſagte die junge Frau,„am wenigſten ein berühmter wie mein Bruder, doch kann ich trotz aller meiner Liebe für ihn immer noch nicht begreifen, wie er zu dieſer Berühmtheit gekommen iſt. Ich ſollte das am wenigſten ausſprechen, aber je mehr ich ſeine Patienten kennen lerne, je länger ich ſeine Curen beobachte, deſto entſchiedener drängt ſich mir die Anſicht auf, daß es auf der Welt nichts Unnützeres gibt, als einen Arzt— es müßte denn ein Botaniker ſein, denn das müſſen Sie mir doch geſtehen, Clemence, das Allergleichgültigſte von der Welt iſt doch das Forſchen, ob eine Blume, die oben auf den Alpen wächſt und die kein vernünftiges Menſchenkind zu ſehen bekommt, 5 oder 10 oder 20 Staubfäden hat!
Es iſt wirklich,“ fuhr ſie mit komiſchem Pathos fort,„eine


