Jahrgang 
01-26 (1857)
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Jahg. Nr. 6.

badrn laſſen und den Kaffee einzunehmen. Hierauf fand das inander Vorleſen ſtatt, welches abwechſelnd von mir und einem an⸗ ich al dern jungen Manne ausgeführt wurde. Dann durch⸗ g,1 wandelte die junge Gräfin die Reihe ihrere glänzend er⸗ 2e. ni leuchteten Zimmer oder vertrieb ſich mit Muſiciren oder geiheüt allerlei Spielen die Zeit bis zur Mitternacht, wo das deiber Mittageſſen aufgetragen wurde. Nach zwei⸗ bis dreiſtündi⸗ endäoit ger Unterhaltung mit ihrer Mutter oder Kammerjungfer clüſſel ſetzte ſich die junge Gräfin an den Schreibtiſch, wo ſie leſend ſiöe oder dichtend den heranbrechenden Morgen erwartete, um 2 ſſo 2- e ſi 9 o d ver⸗ nach gexoſſenem Thee zur Nuhe ſich zu heneben⸗ indä die Herr Willkomm war nicht nur der Kammerdiener, hätte d ſondern auch der Alles vermittelnde und vielgeltende Haus⸗ den paas hofmeiſter der Gräfin, deren übrige Dienerſchaft aber die

geplagteſte von der Welt, indem ſie, zwar reichen Lohn

empfangend, weder bei Tage, noch bei Nacht zur Ruhe

ge obge⸗ R dg pelangte.

en, daher 1 1.

ſben mir Die Gräfin Mutter erzählte man mir habe be⸗ Gefütl, zeits Alles verſucht, um ihre Tochter zu einer geregelteren ich mich zebensweiſe zu vermögen, allein alle ihre Bemühungen geweſen eien an dem grenzenloſen Eigenwillen der jungen Gräfin

eſcheitert, den ſie mit dem Vorgeben eines krankhaften

er ſpani⸗ 4 7 1 3 nthafte zuſtandes bemäntele. Jeden Tag fahre der berühmteſte

mal nur

drücktes keibarzt des Monarchen bei der Gräfin vor, aber auch ſein

heit von tath habe bis jetzt ſo wenig gefruchtet, als derjenige andrer m Rufe ſtehender Aerzte.

nſenten,Ach! ſagten Jungfer, Köchin und Stubenmädchen

inſtimmig zu mirkönnten Sie, Herr Doctor, unſrer

zu wiſſen i u ungen Comteſſe den Trotzkopf zurecht ſetzen: wie dankbar

hen, ver⸗

Tochter, ollten wir Ihnen ſein! Wenn ſie dienen und ſich plagen

Aögolt, üßte wie wir, ſo würden ihr gewiß alle Grillen ver

Aobg g

qſt ſen Ghen.

ag über Ich weiß nicht, ob ich es der Fürſprache der von mir

lches ſe änli veſbehandelten, gräflichen Dienerſchaft oder einem 4 6. 8

eiden ant Umſtande zu danken hatte, daß mir bald das

6 a 3 hatte,

Dritte folge.

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alleinige Amt eines Vorleſers übertragen und mein andrer Zunftgenoſſe entlaſſen wurde, wodurch meine Einkünfte ſich verdoppelten. Meine wackere Aufwärterin triumphirte deshalb und weiſſagte mir für die Zukunft noch weit größern Segen. Wirklich ſchien Frau Hauke im proͤpheti⸗ ſchen Geiſte geſprochen zu haben. Nicht nur, daß mich endlich die Gräfin Mutter ihres Anblicks wie ihrer An⸗ ſprache würdigte, ſo wurde auch eines Abends die junge Gräfin für mich ſichtbar, indem die bisher aufgeſtellte ſpaniſche Wand verſchwand. So ſehr ich auch meine Neugier zu zähmen mich bemühte, ſo ging die heutige Vor⸗ leſung meinerſeits nicht ganz ohne Zerſtreutheit ab. Mein ſeitwärts ſchielender Blick fiel auf ein junges, bleiches, abgemagertes Weſen, deſſen Geſichtszüge wenig Anziehen⸗ des für mich beſaßen. Ganz natürlich, denn wenn die junge Gräfin ſchön geweſen wäre, ſo würde ſie ſich gewiß nicht der Oeffentlichkeit entzogen, ſondern ihr Licht vor den Leuten leuchten gelaſſen haben. Kein Wort kam über ihre bleichen Lippen und faſt verſteint hörte ſie meiner Vor⸗ leſung zu. Nachdem dieſe beendigt war und die junge Kranke am Arme der Jungfer das Zimmer verlaſſen hatte, trat die Gräfin Mutter zu mir und ſprach:

Sie ſind Arzt, wie mir meine Leute geſagt haben. Ich wünſche, daß Sie gelegentlich den Zuſtand meines Kindes unterſuchten und mich dann Ihr Urtheil darüber wiſſen ließen. Könnte ich Sie daher an einem der näch⸗ ſten Tage um die zweite Nachmittagſtunde bei mir ſehen? Dieſe Worte machten des Arztes Herz freudig in mir hüpfen und es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich mich ſchon am nächſten Tage zur beſtimmten Stunde einfand. Nach⸗ dem ich mir von der Gräfin Mutter die Lebensweiſe, die Gewohnheiten und krankhaften Erſcheinungen ihrer Tochter hatte beſchreiben laſſen, ließ jene die junge Gräfin durch die Jungfer befragen, ob ſie mit mir vor ihr erſcheinen dürfe! Wie viel mußte ſonach die Gräfin ſich bereits von ihren Mutterrechten vergeben haben! Innerlich empört

mit ntekannt machen ſollte, was ſie jedenfalls erfahren mußte, ſobahe in dem Werthshauſe abſtiegen, das ſie binnen einer Vier⸗ aßt 1 ftelſte Feireicht haben mußten, denn ſchon lag das Thor in ge⸗ Du ringe ntfernung vor ihnen. lie Gedanken, in die er ſich dabei vertiefte, feſſelten ihn ſo ganz daß er darüber die Antwort vergaß, und verwundert rief ſeine eiſegefährtin aus:

Aber ſag mir nur, wie Du biſt? So zerſtreut, ſo wort⸗ karg! Ich erkenne Dich gar nicht wieder. der Lieutenant von R. hatte jetzt ſeinen Entſchluß er enzegnete daher: 3

Ich muß bekennen, Begiffe ſtehen

Haſt Du mich denn nicht dazu gedrängt? unterbrach ſie ihn.Nur nach langem Widerſtreben gab ich Deinen Bitten nach, dasſollteſt Du nicht vergeſſen.

Noch iſt es nicht zu ſpät zur Rückkehr; noch kann der Schritt unrſckgethan werden, ohne daß Die, welche Ihnen nahe ſtehen,

eine Ahnung davon haben. Er hatte zum erſten Male mit zunverſtellter Stimme und ganz laut geſprochen. Sie erkannte letzt plötzlich voll Entſetzen, daß der Mann an ihrer Seite ein anferer war, als der Erwartete, und indem ſie erſchrocken in die rtfernteſte Ecke des Wagens rückte, rief ſie aus: 1 NMein Herr, wer ſind Sie? Wie kamen Sie zu der Kleidung, mit deren Hülfe Sie mich auf ſo unwürdige Weiſe iiuſchten? 1Wer mantgegnete

ttlich um⸗

gefaßt;

daß der Schritt, den zu thun wir im

der Lieutenant von R.,wohl aber iſt es ohne Zweifel

Sie auf unwürdige Weiſe täuſchte, das bin nicht ich,

jener Pierre, dem Sie vertrauten und der mit dem Gelde für Ihre Diamanten durchging.

Wie kommen Sie zu dieſer beleidigenden Vermuthung? fragte ſie.Und wer ſind Sie, mein Herr?

Mein Name thut für den Augenblick nichts zur Sache, erwiderte er.Es genüge Ihnen die Verſicherung, daß ich ein Ehrenmann bin, der Ihre Verlegenheit auf keine Weiſe zu miß⸗ brauchen gedenkt, Ihnen vielmehr hiermit ſeinen Beiſtand anbietet. Was mich aber zu jener Anklage bewog, iſt der Umſtand, daß dieſer Anzug, der Sie zu einem ſehr natürlichen Irrthum rückſicht⸗ lich meiner Perſon verführte, nicht abgeholt wurde.

O mein Gott! rief ſie ſchluchzend und barg das Geſicht in beide Hände;ſollte ich wirklich auf ſo unerhörte Weiſe be⸗ trogen ſein?

Meiner Meinung nach können Sie daran nicht zweifeln, ſagte der Lieutenant,und das Einzige, was Ihnen zu thun bleibr, iſt, ſo ſchnell als möglich auf die Redoute zurückzukehren, wo Ihre Abweſenheit vielleicht noch nicht bemerkt worden iſt.

Nach kurzem Bedenken ſah die Unglückliche ein, daß die Be folgung dieſes Rathes das Beſte ſei, was ſie thun könnte, Schneller entſchloſſen, als der Lieutenant von R. zu hoffen gewagt halte, ſagte ſie: 21 2

Ich erkenne aus Ihren Worten, daß Sie wirklich ein Ehren⸗ mann ſind, denn leicht hätten Sie die Lage, in welche meine Unbe⸗

ſonnenheit mich Ihnen gegenüber gebracht hat, auf eine unwuü

dige Weiſe mißbrauchen können. Ich vertraue mich daher unbeding Ihrer Führung und bitte Sie zugleich, mir zu ſagen, wem ich einen ſo wichtigen Dienſt, ſo wie die, wenn auch ſchmerzliche Hei⸗ lung von einer unverzeihlichen Thorheit verdanke.

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