Roveſlen-Zeitung.
wandern. Der kleine Herr, welcher unſere ſchriftlichen Ausweiſe vor ſich liegen hatte, machte jetzt, wie er bei mei⸗ nen Vorgängern gethan, auch auf meiner Schrift ſeine Randbemerkungen und winkte dann meinem Nachbar, fort⸗ zufahren. Da meine Rolle ausgeſpielt war, ſo wendete ſich die Aufmerkſamkeit der Anweſenden dem achten Vor⸗ leſer zu, dem der Zufall Till Eulenſpiegel's Schwänke in die Hände geſpielt hatte. Schmidt hatte Schiller's Räu⸗ ber, Schulz Goethe's Egmont, Lippe Leſſing's Nathan ergriffen, ein Vierter dagegen das Dresdener Geſangbuch, ja der Vorletzte unter uns ſogar einen Bücherkatalog aus einer Auction bekommen. Dieſer Umſtand tröſtete mich wieder in etwas und mit erleichtertem Herzen heftete ich meinen Blick auf die mir gegenüberſtehende ſpaniſche Wand, in welcher ich, zwiſchen einer dunklen Blätterguirlande, eine kleine Oeffnung zu entdecken glaubte. Ein zweiter Blick in den nächſten Spiegel zeigte mir ein Stück Kleid von einer weiblichen Perſon, die hinter dem Schirm ver⸗ borgen und keineswegs eine Dienerin war.
„Meinetwegen!“ dachte ich—„Du erhältſt doch das Vorleſeramt nicht. Ein Glück noch, daß ich meinen Neben⸗ buhlern faſt gänzlich unbekannt bin, ſonſt würde mich die unglückliche Leſeprobe noch mehr ärgern, ja ſelbſt meinem Ruf als Arzt nicht wenig ſchaden.“
Wir wurden mit dem Beſcheid entlaſſen, nach längſtens drei Tagen das Weitere und die Entſcheidung zu erfahren. Schmidt, Schulz und Lippe, welche den Inhalt meiner faſt unberührt gebliebenen Weinflaſche brüderlich unter ſich getheilt hatten, erklärten die abgehaltene Leſeprobe für einen köſtlichen Spaß und dieſelbe ganz geeignet für eine Novelle oder eine Theaterpoſſe, welche zu ſchreiben ſie ſich gegenſeitig angelobten.
„Sie Aermſter!“ ſprach Schmidt, indem ſein Mephi⸗ ſtophelesgeſicht zu einem Grinſen ſich verzog—„waren am allerübelſten daran. Während Sie uns noch ein deli⸗ cates Ragout zum beſten gaben, hatten Sie unter uns den
[III. Jahrg. wenigſten materiellen Genuß und Schmerzen obendrein. Baldige Beſſerunz, lieber verſchwollener College!“
Lachend ſtob das Dutzend Probeleſer auseinander. Wer aber zuletzt lacht, lacht am beſten. Das war ich, als
mich am dritten Tage die Botſchaft überraſchte, daß mir
wöchentlich an drei Abenden das Vorleſeramt zugetheilt worden ſei. Mit Goethe's Clavigo ſollte ich ſchon über⸗
morgen beginnen. Auffällig war mir die ſpäte Abendzeit,
nämlich von halb zehn an, weshalb ich den Hausſchlüſſel zu mir ſtecken mußte. Während dem hatte mene Geſichts⸗ ſchwulſt merklich ſich vermindert. Als daher daſſene Dienſt⸗ mädchen, welches meine Wange mit einer Ofenblase ver⸗ glichen hatte, mich wieder einließ, ſchlug es verwunden die Hände zuſammen und ſprach erröthend:„Sie hätte wh nicht wieder erkannt! Ei, wie haben Sie ſich in den paar Tagen verändert! So gefallen Sie mir eher.“
In dem Maße, als die Fülle meiner Wange abge⸗ nommen, hatte meine Stimme an Kraft gewonnen, daher ich mein Debut nicht mit Schande beſtanden zu haben mir ſchmeichelte. Hierzu geſellte ſich das angenehme Gefühl, einen Thaler verdient zu haben, und darum begab ich mich ſehr heiter zur Ruhe. Wer aber meine Zuhörer geweſen
waren, wußte ich nicht, indem dieſelben hinter der ſpani⸗ ſchen Wand ſich verborgen gehalten hatten.
Einmal nur hatte ein Laut, wie ein Seufzer oder ein unterdrücktes Schluchzen, hinter dem Schirm mir die Anweſenheit von Zuhörern kundgegeben.
Nach einiger Zeit erfuhr ich auch von den Dienſtleuten, was ich über meine unſichtbare Zuhörerſchaft zu wiſſen wünſchte. Dieſelbe beſtand aus einer ſehr reichen, ver⸗ witweten Gräfin und deren neunzehnjähriger Tochter, welche Letztere, als das einzige Kind, der Mutter Abgott,
zugleich aber auch, nach der Beſchreibung, ein höchſt ſon⸗
derbares und verzogenes Weſen war. Den Tag über verweilte die junge Gräfin auf ihrem Lager, welches ſie erſt Abends um neun Uhr verließ, um ſich ankleiden zu
der den ſeinigen preßte, war voll und rund; die lieblichſte jugend⸗ liche Stimme berührte ſein Ohr, die Augen ſchoſſen feurige und doch zugleich ſchmachtende Strahlen, und wenn das von der Voll⸗ maske verhüllte Geſicht dem Allen nur einigermaßen entſprach, ſo mußte es lieblich, reizend, wohl gar bezaubernd ſein. Jedenfalls aber winkte hier ein pikantes Abenteuer, und welcher junge Dra⸗ goner⸗Lieutenant hätte wohl je ein ſolches von der Hand gewieſen, ſelbſt wenn es, wie hier, urſprünglich nicht ihm, ſondern einem Anderen, Glücklicheren galt. Hatte aber dieſer Glücklichere es verſchmäht oder verſäumt, weshalb ſollte er dann nicht an ſeine Stelle treten können? Er folgte daher der ſchönen Unbekannten die Treppe hinab, holte auf ihr dringendes Verlangen einen der Miethwagen herbei, die in Menge vor dem Schloßportale hielten, und hob ſie hinein; dann aber blieb er zögernd am Schlage ſtehen und fragte:„Wohin?“
„Mein Gott, ich begreife nicht, wie Du biſt?“ ſagte ſie mit dem Tone des Vorwurfs.„Du weißt es ja, nach Brandenburg.“
Doch eine ſo weite Fahrt zu unternehmen, durfte der urlaub⸗ loſe Lieutenant ſelbſt des reizendſten Abenteuers wegen nicht wa⸗ gen, ſonſt wäre er unbedingt nicht zur rechten Zeit in Paſewalk geweſen. Die Sache indeß ſo weit als möglich zu führen, ſagte er, leiſe genug, um von der Dame nicht verſtanden zu werden:
„Fahre uns zu einem entfernten Thore hinaus und halte dann bei dem erſten Wirthshauſe. Mit der Bezahlung ſollſt Du zufrieden ſein; aber ſchone die Pferde nicht.“
Darauf ſprang er raſch in den Wagen hinein, zog die Thür
raſch hinter ſich zu und die Pferde trabten davon, ſo ſchnell es ihre ſteifen Knochen erlaubten. 4. Kaum ſaß er an der Seite der von ihm Entführten, oder viel⸗
mehr Derjenigen, die ihn entführt hatte, als ſie ihn zärtlich um⸗ ſchlang und von Küſſen unterbrochen ſagte: 8
„Ach, Pierre, jetzt, wo der Schritt gethan iſt, erfaßt auch ſchon die Reue!— Schwöre mir wenigſtens, daß Du⸗ Vertrauen nie täuſchen willſt!?—„
„Alſo Pierre heißt der, deſſen Stelle ich einnehme,“ dachte der Lieutenant von R., indem er die Küſſe erwiderte, obgleich ſie ihm nicht galten; denn um dieſe liebliche Lippenberührung auszu⸗ führen, hatte die Schöne die Maske abgenommen, und bei dem Scheine einer Straßenlaterne, an der ſie vorüberfuhren, bemerkte er, daß ſeine Erwartung von den Reizen ſeiner Unbekannten ihn nicht getäuſcht hatte. Dies hinderte ihn jedoch nicht, bei ſich zu denken, daß der franzöſiſche Pierre als deutſcher Peter einen gar übeln Klang haben würde. Dann erſt gab er die Verſicherung, er würde das Vertrauen, ihm bewieſen, gewiß vollkommen zu recht⸗ fertigen bemüht ſein und ihr davon ſehr bald den Beweis geben.
Sie verſtand den Sinn dieſer Worte ganz anders, als ſie ge⸗ meint waren, und entgegnete:„Habe ich Dir nicht bereits hinläng⸗ liche Beweiſe gegeben, wie unbedingt ich auf Deine Ehre baue?— Nun ſage mir aber auch, weshalb Du ſo lange bliebſt.— Sollteſt Du Schwierigkeiten bei dem Verkauf meiner Diamanten gefunden haben?“ 7„
„Alſo Diamanten hat der Monſieur Pierre verkauft?“ dachte der Lieutenant.„Und wahrſcheinlich iſt er mit dem dafür erhalte⸗ nen Gelde durchgegangen und hat das arme Mädchen nicht nur ſitzen laſſen, ſondern auch noch auf die unverantwortlichſte Weiſe in Verlegenheit gebracht.“—
Dabei empfand er das lebhafteſte Mitleid mit der Unglück⸗ lichen und überlegte bei ſich, wie er ſie auf die ſchonendſte Weiſe
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