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aufzunehmen. Kümmerte ein Menſch ſich ernſtlich und treu nur um einen einzigen andern, ein Haus um ein zweites, ſie würden ſich nicht überbürdet, im Gegentheil ihre In— tereſſen erweitert, ihre Kräfte vermehrt fühlen; der Noth der Verwahrloſung aber wäre weit gründlicher gedient, als durch die große Mehrzahl der Vereine, denen das Ver⸗ hältniß von Perſon zu Perſon, der Blick in das Einzeln⸗ leben fehlt.“
In dieſem Sinne wirkte unſer Freund; er theilte das Elend unter die Fülle, und ſein Theil war das reichlichſte. Die Liebe, welche Eine nicht erwidern, Eine nicht beglücken konnte, ſie iſt ein Segen für eine ganze Stadt geworden. Ihr Hebel in einer guten Menſchenſeele war der Schmerz. Würde die Freude ein Gleiches gewirkt haben? Wohl vermöchte ſie es und vollbringt es doch ſelten; denn das Glück ſchläfert ein in trägem Genuß; das Unglück ſpornt an, ſtachelt auf zum Vergeſſen ſeiner ſelbſt und rettender Thätigkeit.
Phosphorus Hollunder iſt jetzt geehrt als Forſcher, angeſehn als praktiſcher Geſchäftsmann, geliebt als Freund und Wohlthäter der Menſchen; er iſt der würdige Ver⸗ treter unſerer Stadt in der erſten geſetzgebenden Verſamm⸗ lung des Landes, iſt Mitglied und Förderer naturforſchen⸗ der Geſellſchaften; ſein Name gehört unter die geſchätzteſten des Vaterlandes, er hat einen Titel, er trägt mehrere Or⸗ den, ſeine Wohlhabenheit mehrt ſich von Jahre zu Jahre; die jungen Mädchen und Mütter blicken wohlgefällig und einladend auf den vortrefflichen Mann, der eine Gattin verloren, noch ehe er ſie beſeſſen. Aber in dieſem einzigen Stücke ſcheint dem liebreichen Hollunder das Herz zu ver⸗ ſagen. Er ſchätzt die Guten, die Gebildeten, die Fleißi— gen, die Beſcheidenen,— aber ſchön iſt ihm nur eine Ein— zige erſchienen und er hat ſie niemals vergeſſen! Niemals jedoch hat er ihren Namen wieder genannt, wenn nicht vielleicht gegen Fräulein von Schweinchen, mit der er in freundſchaftlicher Verbindung geblieben iſt und welche ſeit
Novellen⸗Zeitung.
[III. Jahrg.
einigen Jahren ſogar das zweite Stockwerk ſeines Hauſe unter dem Wahrzeichen des Hollunderbaums bewohnt Die gute Dame gibt jetzt keine Sprachſtunden mehr
Lage muß ſich bedeutend gebeſſert haben, in Folge einer Erbſchaft, wie Herr Hollunder zu verſtehen gibt; man zer⸗ bricht ſich den Kopf von wem und woher, aber das Fräu⸗ lein ſchweigt. Auch über ihre Nichte ſpricht ſie nur ſelten und ungern, wenn ſchon man weiß, daß ſie ſeit längerer
Zeit in regelmäßigem brieflichen Verkehr mit ihr ſteht.
Das Schickſal der ſchönen Frau hat indeſſen auf die Dauer nicht verborgen bleiben können, man weiß, daß ihre ſchwere Irrung ſchwer gebüßt worden iſt. Nach ihrer Scheidung von dem erſten Manne dem zweiten ehelich ver⸗ bunden, ſind einem leidenſchaftlichen Rauſche, einem roman⸗
tiſchen Traume an einem blauen Alpenſee harte Kämpfe
gefolgt, denen zwar nicht die Liebe, aber der Frieden ihres Herzens erlegen iſt; denn Aſſurs unſteten Sinn unter peinlichen Verhältniſſen zu ſeſſeln, hätte es einer ſtärkeren Natur bedurft, als der ihren. Sein kleines Erbe ſchnell erſchöpfend, wie ſollte der bis dahin rückſichtslos in das Leben Stürmende an der Seite einer zärtlichen, wider⸗ ſtandsloſen Frau es lernen, ſich häuslich einzuſchränken, zu erwerben, im engſten Kreiſe heimiſch zu werden? Sein abenteuernder Sinn trieb ihn in die Weite und Irre und die Liebe konnte ihn nur auf kurze Zeit bannen. Hierhin und dorthin ſchweifend, vieles ergreifend, nichts feſthaltend, von unruhiger Langeweile gequält, von Gläubigern ge⸗ drängt, haben Noth und kriegsmänniſcher Sinn ihn endlich
in ferne überſeeiſche Militairdienſte getrieben, in welchen
ſein Name bis jetzt verſchollen iſt.
Seine Frau folgte ihm nicht, ein kranker Körper, ein zartes Kind, ein gebrochenes Vertrauen in den Werth und die Treue des Gatten hielten ſie zurück; aber der geheim⸗ nißvolle Zug eines liebenden Herzen begleitete den Schul⸗ digen mit unendlicher Sehnſucht und mit unendlichem Schmerz. Sie erntete, wie ſie geſäet! Schönheit und
übelſten Bedeutung, die der Franzoſe mit dieſem Worte verknüpft. Von Phantaſie, Genialität, Frivolität kann hier nicht im ent⸗ fernteſten die Rede ſein. Die Situation, daß ein junger Mann des Abends auf der Straße einer Dirne ſich zum Begleiter ber⸗ gibt und in ihrer Wohnung dann ſeine Braut erkennt, könnte von der ſocialiſtiſchen Romantik à la Felix Pyat nicht unintereſſant ausgebeutet werden, und wenn der Dichter den jungen Mann zum treuloſen Verführer des Mädchens machte, die er nun in Elend wiederſieht, ſo könnte die folgende Scene der Erkennung und Reue von echt poetiſcher Rührung ſein; daß aber dieſer Freitag'ſche junge Mann, im Begriffe„die lachende Braut zu holen,“ von einer Dirne ſich verführen läßt, macht ja alles Intereſſe eines an⸗ ſtändigen Menſchen an dem Vorgehenden unmöglich und ſtempelt dieſe Dichtung zu einer Geſchmackloſigkeit und künſtleriſchen Al⸗ bernheit ſonder Gleichen,— vom ſittlichen Standpunkte ganz zu ſchweigen, deſſen Anwendung eine nicht ganz in Banalität ſich er⸗ gehende Kritik jetzt nach Möglichkeit vermeiden muß.
Die Ballade„Albrecht Dürer“ ſpricht von dem jetzt ſehr außer Mode geſetzten künſtleriſchen Märtyrerthum mit den„blei⸗ chen Wangen,“ mit dem„alten Streit der Kunſt mit unſrer Erde,“ dem„ewigen alten Leid,“— der Dichter weiß nur einen Troſt dafür: den„Kaiſergruß.“—„Der Sänger des Waldes“ — eine Verherrlichung der altdeutſchen Walkyrenpoeſie, ſchließt mit dem Verſe: 4
Da hatte die deutſche Lyrik ſeltſamen, ſtarken Klang,
— würde heutzutage als literarhiſtoriſche Tendenzpoeſie verächtlich erſcheinen.—„Der Glaube des Armen,“ ein Gedicht von ſocia⸗ liſtiſch ſentimentaler Färbung, findet in des Dichters ſpäteren Sachen keinen Nachklang, am wenigſten in Soll und Haben, einem
Romane, in dem es allen Leuten gut geht, die nicht von Adel und nicht Rittergutsbeſitzer ſind.—„Die Wellen“— wieder ein Ge⸗ dicht à la Freiligrath, das die vom Verfaſſer ſpäter ſehr verachte⸗ ten Breslauer Literaten an ihm verſchuldet haben.—„Der Nacht⸗ jäger,“ eine ſchöne Ballade, iſt in Gottſchall's Blüthenkranz auf⸗ genommen.—„Das eiſerne Kreuz“— bieder und patriotiſch, à la Vater Jahn.—„Der Elfentanz“— graziös, mit ironiſcher Schluß⸗ wendung à la Heinrich Heine.—„Ein Kindertraum“— eine Elfenromanze, wie ſie Puttlitz, und„Junker Gotthelf Habenichts“ — eine humoriſtiſche Rittergeſchichte, wie ſie jetzt Roquette erzählt. — So iſt in den aufgezählten Gedichten kaum irgend eine deut⸗ lich hervortretende Originalität zu finden, und es ſcheint der Ver⸗ faſſer den Mangel einer ſolchen in ſich ſelbſt gefühlt zu haben, nach dem Gedanken zu ſchließen, den er in dem Gedichte„Die Be⸗ ſchwörung“ ausdrückt. Der„Dichterknabe“ zieht hier in den „dunklen Hain“ hinaus und beſchwört aus„ſchwarzem Buche!“ die„alten Sänger“ herauf, daß ſie ſtärken ſeine„leiſen Lieder durch ihrer Töne Macht.“ Doch—
Die Bäume ſtanden in Schweigen, es ſchwieg das weite Feld, Nur in dem Buche ſummt es wie Sang aus andrer Welt:
Was ruft in die Tiefe der Zeiten, Du Thor, Dein toller Mund? Wie jene dereinſt geſungen, wird nimmer und nimmer kund.
Was ihnen durch's Herz gezogen, das haben ſie offenbart,
Das kann zu allen Zeiten ein Jeder in ſeiner Art.
Denn Jedem ſchläft im Innern ſein eignes, gutes Lied,
Und jeder nach dem Fremden umſonſt die Kreiſe zieht.
Nur was in Dir ſelbſt erklungen, gibt reinen vollen Ton,
Und kannſt Du den nicht wecken, ſo ſchweige, Dichterſohn.
hollund gviſcher nde Han⸗ verden. Es m. Hollunder nach dem inſchlug, der geger Zeit ihr ſich nie Ziel; d geleiten, folgte in Giebelſt Thür ſt die Stu drinngen ſprechlic behrung ſtrahlen weinend einſt ſe AN lunden Mutte ſchon trifft 1 men, t enen die ung ſeine H — di tage ſp zwen Poeſie Grazi auszei Sache noch ters
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