Jahrgang 
01-26 (1857)
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Die Wiederholungen dieſer kleinen Ballerlebniſſe und die Muthmaßungen über ihre Folgen erklangen in der Stadt lebhafter denn je, als eines Mittags Frau und Fräu⸗ lein von Horneck im grünumrankten Fenſter ihres freund⸗ lichen Wohnzimmers ſich gegenüber ſaßen. Die Mutter ließ ihre Handarbeit fallen und ihr Blick ruhte mit ſorg⸗ licher Theilnahme auf dem blaſſen, trübe beſchatteten An⸗ geſichte der Tochter, welches dieſe unter dem Vorwande von Kopfweh in ihren Händen vergraben auf dem Fenſterbrete xuhen ließ. Plötzlich aber fuhr ſie ſchreckhaft empor, das Ohr richtete ſich nach der Thür, ſie hörte Schritte auf der Treppe, erbebte und war im Begriffe, nach der entgegen⸗ geſetzten Seite hinaus zu entfliehen, als ein ſanft mahnen⸗ der Blick der Mutter ſie willenlos wieder auf ihren Platz zurückzog.(Schluß folgt.)

goethe als Schriftſteller.

Der Gedanke der Weltliteratur, den Goethe ausge⸗

ſprochen, will ſich mit Macht verwirklichen. wird mehr und mehr der Mittelpunkt literariſcher Be⸗ ſtrebungen der verſchiedenen gebildeten Nationen. zunehmende Verbreitung ſeiner Schriften in Frankreich iſt bekannt. Der Engländer Lewes hat kürzlich ihm eine Biographie gewidmet, die, wenn auch für den Goethefor⸗ ſcher kaum etwas Neues enthaltend, doch die vorhandenen Thatſachen in einer Weiſe zuſammenſtellt, wie eine ähnliche umfaſſende Arbeit uns in Deutſchland noch immer fehlte. Jetzt liegt uns auch die Abhandlung eines Angloamerika⸗ ners über unſern Heros vor. Ralph Waldo Emerſon hat in ſeinen Representative Men(Dürr's Coll. of Standard

Novellen⸗ Zeitung.

Goethe ſelbſt vortrefflich ſind, iſt nicht zu erwarten,

Die

2 Ar 4] [III. Jahrg.

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Americ. Authors, vol. XXII., Leipzig, A. Dürr, 1856), in dem er Plato als Philoſophen, Swedenborg als Myſtiker, Montaigne als Skeptiker, Shakeſpeare als Dichter, Napo⸗ leon als den Mann der Welt, auch Goethe und zwar als den Schriftſteller charakteriſirt.

Man hat Emerſon mit Recht den amerikaniſchen Car⸗ lyle genannt; gleich dieſem iſt er ein Philoſoph, ein Philo⸗ ſoph nur durch die Conſequenz ſeines Verſtandes und die phantaſievolle Geſtaltungskraft ſeiner Geſchichts⸗ und Weltanſchauung. Emerſon iſt weniger myſtiſch und räth⸗ ſelhaft, wenigerrunenhaft als Carlyle, und deshalb dem großen Publicum zugänglicher. Dagegen theilt er ſeinen warmen Enthuſiasmus für die Auffaſſungheroiſcher Geſtalten in der menſchlichen Entwickelung, und wie er ſelbſt nicht ganz frei von directem Einfluß deſſelben iſt, wird die Mittheilung des Folgenden zeigen.

Goethe wird von Emerſon als der Repräſentant, der Heros des modernen Schriftſtellerthums aufgefaßt:

Die Mißachtung des Geiſtes rührt nicht von den Leuten an der Spitze her, ſondern von den untergeordne⸗ ten Schichten. Die kräftigen Häupter der praktiſchen Volksclaſſen ſind durchdrungen von den Zeitideen und haben zu viele geiſtige Berührungspunkte mit den denken⸗ den Köpfen im Volk. Von Männern, die in einer Art ii daß ſie Vortrefflicha keit in einer andern mißkennen. Bei ſolchen Leuten bleibt Talleyrand's Frage immer die erſte; nicht: iſt er reich! iſt er angeſtellt? iſt er wohlgeſinnt? hat er dieſe oder jene Fähigkeit? iſt er von der Bewegungs⸗ oder von der con⸗ ſervativen Partei? ſondern:Iſt er etwas? Kommt er für etwas auf? Er muß etwas taugen in ſeiner Weiſe. Das iſt Alles, was Talleyrand, was State Street*), was

Dratel und ben prüchen. Jh⸗ teine Stimmena ſchrieb, Var nict Nes ſeiner gyte vor ſäinagliken 1ührſhecm vom Kher wie uena er, un leſggeber iſt ſ tnrwendiſchen I 4 er wi a ſeung ſtützen d oſtion bellen m der unſittliche hnibt, ſcreibt, 6 de Quellen de Vohl

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*) Die Straße in Boſton, wo die großen Banquiers und Capi⸗ dunt gen

taliſten wohnen. Auch ſie, meint der Verfaſſer, fragen:Is the man ſan den wenn wir di

good? wenn gleich in einem andern Sinne, als etwa die Ideologen. ellalters überb A. d. u. iit

ſingen? Winkte ihm die ſchöne Adria, in ihren Kryſtallpalaſt hinabzuſteigen?

Bella Signora Sie haben eine andre, weit gefährlichere, unbeſiegbare Rivalin in jedem Ballen Baumwolle, in jedem Faſſe Kaffee! Der Nachtwind trägt vom nahen Café die Klänge der Muſit herüber, man läßt ſich gern rufen und nimmt Platz an einem der kleinen Marmortiſche, der Wind ſpielt mit den abge⸗ fallenen Blüthenblättern der Orangenbäume nehmen wir ein Sorbetta, unterdeß wird es leer werden.

Und nun iſt die Nacht herabgeſunken, ſchwarzblauen Himmel, die Schiffe ſtehen ſchlank und lauen Luft, aber am Maſt flimmern die L thurm läßt für kurze Augenblicke die ſeinige verſchwinden, als ſchlöſſe er blinzelnd zuweilen die ſchläfrigen Augen. Es iſt ſtill geworden und leer, der Mond iſt aufgegangen und zwiſchen dem tiefen Blau des Meeres und dem ſterndurchfunkelten des Himmels fließt ſein blendendes Licht wie ein zweites Meer von Silber die Wellen rauſchen auf jetzt in die Barke und wir fahren hin⸗ aus! So bei Mondlicht und Sternenglanz, gewiegt von den Wellen, die heiße Stirn gekühlt vom Nachthauch, was verlangſt Du da noch, unbefriedigtes Herz? Mit dieſen fluthenden Licht⸗ ſtrömen die Welt zu umarmen oder ſtill da unten zu liegen, das raſche Klopfen von den ſchmeichelnden Wellen in Schlaf gewiegt?

Ah wir ſind in Trieſt und hier wird man nicht wie König Alarich begraben, ſondern ede Confeſſion hat ihren eigenen Kirch⸗ hof und ſüß genug mag ſich s in jener Thalwiege ſchlafen, von den ſanftgeſchwellten grünen Hügeln geſchützt. Der weiße Thurm von San Servola ſpiegelt ſich

die Sterne funkeln am ſtill in der

in den Wellen der Bai von Mug⸗ gia, die kahlen iſtriſchen Berge ſchwimmen wie tiefblaue und pur⸗

aternen und der Leucht⸗

ſichtern, wie

purngeſtrahlte Weltenzüge zwiſchen Himmel und Meer, wie rieſige Schwäne mit leuchtenden Flügeln gleiten die Schiffe über die Fluth ganz entfernt tönt das Rollen der Wagenräder herüber, denn längs des Stroms bin zieht ſich die eleganteſte Promenade Sant' Andura. So iſt Trieſt im Sommer, im Winter iſt's an⸗ ders und doch im Grunde daſſelbe; Mittags drängt ſich dann auf dem Corſo die elegante Welt, wenn die Borra nicht ſchneidend n ſcharf über die Berge herabweht und eine Kälte mit ſich führt, von deren ſpitziger Schärfe man in Norddeutſchland keinen Begriff hat. Der Carneval nun entfaltet für einige Wochen die höchſte Pracht und eine erſte Vorſtellung des Ballets oder der Oper, ein eleganter ſt Ball bietet einen Zuſammenfluß von Seide, Brillanten und Kafen Spitzen, von ſchönen, etwas allzuſcharf ausgeprägten Frauenge⸗ 1 ſie vielleicht in gleichem Verhältniß keine andere Stadt bietet, es fehlt dabei meiſt nur Eines Eleganz. Es gibt ein Haus in Trieſt, welches das ganze Jahr wie ein verſchloſſenes Heiligthum der ſeidenen Menge unzugänglich bleibt, einmal aber im Carneval öffnet es weit ſeine Pforten und der hohe Wirth n vereinigt an einem Abend bei ſich die Spitzen der Trieſter Ge⸗ ſellſchaft. 3 Im Ganzen iſt es ein Ball wie alle Bälle, wo Tauſende von Wachskerzen maſſenhaft Brillanten und Sammet, Suisa und Blumen, goldblitzende Uniformen, Ordensbänder und ſſ ſchwarze Fracks beſtrahlen und der Wirth mit Geſchmack und Saet zugge Pracht einen reichen Rahmen darum legt; aber dieſe Allgemein⸗ Sruldn ſinger heit gilt hier nur für den Ballſaal, in den übrigen Gemächern, die heute auch den Profanen geöffnet ſind, weht es wie ein Dußtſe afitdi excluſivſter geiſtigſter Vornehmheit. Hier ſind es nicht Sammet Pänna er 1 98

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und Vergoldungen, die blenden, der feinſte Geſchmack hat hia die dſt