Jahrgang 
01-26 (1857)
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der, meinte ſie;möchten Sie das Traumbild Ihrer Seele in Ihrem Leben verwirklicht finden!

Ich habe es gefunden! fiel er feurig ein, ſtockte aber plötzlich und ſetzte mit innigem Tone hinzu:Auch Sie, gnädigſte Frau, ſind mir ſolch ein erfülltes Traumbild der Seele. Ich habe meine ſelige Mutter Niemals gekannt, aber ſo oft ich mir ihr Weſen vorzuſtellen ſuche, erſcheint es mir unter Ihrer gütigen, hochverehrten Geſtalt.

Was hätte ein junger Mann der Matrone Schmeichel⸗ hafteres ſagen können? Frau von Horneck drückte ihm dankbar und ſchweigend die Hand, er zog ſie an ſeine Lip⸗ pen, und da ſie eben vor der Thür ihres Hauſes ſtanden, ſuchte er, ſich empfehlend, die der Tochter zu gleicher Hul⸗ digung zu faſſen. Aber Blanka entzog ſie ihm raſch und ſchlüpfte in das Haus. einem Rauſche von Seligkeit nach Hauſe; der warme Händedruck der alten Dame deckte das kühle Ablehnen der jungen. Er träumte dieſe Nacht von ſeiner Mutter im Himmel und von der Tochter ihres Herzens unter dem Wahrzeichen des Hollunderbaums.

II.

Während deſſen blieben Frau und Fräulein v. Horneck noch lange in ihrem kleinen Schlafzimmer mit einander wach. Das junge ſchöne Mädchen hatte ſich, ermüdet von der langen Abendtafel, ihren Liedern und Reden niederge⸗ legt, aber die Mutter ſetzte ſich vor ihr Bett und ſagte:

Der Rückblick aus dieſer Nacht in ein verfloſſenes Jahr, in ein verfloſſenes Leben, das bange Ahnen der Zu⸗ kunft haben immer von Neuem etwas Ergreifendes. Mir iſt es nicht wie Schlafen zu Muthe; ich möchte noch ein Stündchen mit Dir verplaudern; biſt Du aber nicht zu müde, liebes Kind?

O, wenn Du mit mir ſprichſt, Du gute, kluge Mama, antwortete Blanka, ſich zärtlich an ſie ſchmiegend,da

Novellen⸗Zeitung.

Dennoch ging unſer Freund in

[III. Jahrg.

werde ich niemals müde. wenn ich liege.

Du haſt Recht, auch mir ſcheinen die Gedanken deut⸗ licher und beſtimmter, wenn der Kopf im Liegen ruht, als beim Sitzen oder Gehen. Nun deſto beſſer, Blanka, wenn Deine Vernunft recht hell iſt, ſo darf ich noch heute den wichtigen Punkt berühren, über welchen Du Dich bald zu entſcheiden haben wirſt.

Ich? ich mich entſcheiden? über was denn?

Herrn Hollunder's Abſichten in Beziehung auf Dich ſcheinen mir unzweifelhaft; es wäre ein großes Unrecht, einem ſo redlichen Manne gegenüber eine Täuſchung, ja nur eine Zögerung ſtattfinden zu laſſen. Du mußt Dich zu einer Wahl entſchließen, mein Kind.

Zu einer Wahl? gibt es denn hier eine Wahl, liebe Mutter?

Nach meiner Meinung: nein; aber doch vielleicht nach der Deinen. Oder wäreſt Du ſo entſchieden, ſeine Hand anzunehmen?

Hollunder's Hand? Mama?

Obendrein plaudere ich ſo gern

Dieſes komiſchen Menſchen,

Hüte Deine Zunge, Blanka! ich kenne wenig beſſere Menſchen als Hollunder, keinen, der Dir beglückendere Ausſichten zu bieten hätte, als er.

Als Hollunder? Du ſcherzeſt wohl, Mütterchen!

Nein, mein Kind, ich ſpreche im heiligſten Ernſt und nach einer ſchwer geprüften Erfahrung des Lebens. Oder ſchätzeſt Du dieſe nimmermüde Güte, dieſe gleichmäßige

Heiterkeit der Seele, ſchätzeſt Du ein warmes, treues Herz

ſo gering, um dagegen einige kleine, lächerliche Anhängſel in Betracht zu bringen, welche der erſte beſte Sturm des Schickſals abſtreifen wird? Hollunder's Geſchmackloſig⸗ keiten ſind die Reſultate ſeiner müheloſen Jugend, ſeiner bequemen Lage in kleinſtädtiſch bürgerlichen Verhältniſſen, eines Berufes, der zwiſchen Gewerbe und Studium die

Wieſenabhang hernieder jetzt ſeine Heimath, der häusliche Heerd eines ehrſamen Berner Bürgers einſt Major in einem polniſchen Lancierregiment.

Abermals ertönte die Glocke, als man bei Unterſeen landete, und in geſchäftigem Drängen verbreitete ſich nach allen Richtungen die bunte Menge; Keiner achtete mehr auf den Andern. Dem ele⸗ ganten Höôtel von Interlaken zu rollte der Wagen des prinzlichen Herrn und ſeiner Begleiter, und zu Fuß und zu Roß folgten viele Andere in gleicher Richtung; durch gewundene Wieſenpfade nach dem einſamen Häuschen, ein Packet neuer franzöſiſcher Bücher unter dem Arme tragend, wanderte der Pole, und nach dem Dörfchen Bönigen drüben die beiden Deutſchen. Dort am Fuß des Faul⸗ horns blühte dem Profeſſor eine ſchöne, friſche Alpenblume, die er als ſeine Lebensgefährtin heimzuführen eben im Begriff ſtand, einer der Wenigen, denen es nach erlittenem Schiffbruch gelingt, in einen friedlichen Hafen einzulaufen, während Andere und nicht die Schlimmſten, ihn vergebens zu erreichen ſuchend, alles redlichen Strebens einſam umherirren auf dem unruhigen Lebensmeere, bis eine öde Sandbank ſie aufnimmt, oder die Wog

b Wogen über ihnen zuſammenſchlagen! y.

Zur Länder⸗ und Völkerkunde. Das Innere einer japaniſchen Stadt.

Wilhelm Heine ſchildert in ſeinem von uns früher ſchon beſprochenen vortrefflichen Werke:Reiſe um die Erde nach Japan (2 Bände, Leipzig 1856, H. Coſtenoble) das Innere der japa⸗ niſchen Stadt Simoda folgendermaßen:

trotz

Das Städtchen Simoda, obſchon im Vergleich mit Jeddo, Oſſacca, Miako, Nangaſaky u. a. nur ein unbedeutender Platz, bietet dennoch viel Merkwürdiges und jedenfalls noch Neues dar. Alle Straßen ſind rechtwinklig anzslegt, jedes Ende derſelben mit einem Gitter verſehen, das des Nachts verſchloſſen wird, daher von einer nächtlichen Straßencommunication hier wohl nicht die Rede ſein kann. In der Mitte der Straße läuft ein 6 Fuß breiter und einen halben Fuß erhöheter gut gepflaſterter Weg für Fußgänger; die daran ſtoßenden Häuſer, meiſt nur ein Stockwerk hoch, haben durchgängig eine Art von Veranda nach der Straße hin; bei Kaufleuten ſtößt hieran das Verkaufslocal, die ganze Fronte des Hauſes einnehmend. Bei bloß bürgerlichen Wohnungen dagegen iſt eine Art Vorſaal, etwas wenig höher als der Boden der Straße gelegen, und daneben ein um etwa zwei Fuß erhöhetes Gemach, in welchem etwa vorkommende Beſuche oder unbedeutende Ge⸗ ſchäfte abgefertigt werden. Der Vorſaal hat nur einen Eſtrich, das andere Gemach iſt jedoch, ſo wie jedes japaniſche Zimmer, mit mehr oder weniger hübſchen Matten belegt, je nach den Vermögens⸗ umſtänden des Bewohners. Das beſte oder Staatszimmer, in welchem auch die neueſten Matten liegen, befindet ſich durchgängig auf der Rückſeite des Hauſes und hat gewöhnlich die Ausſicht in einen Hof, oder bei wohlhabenden Leuten auch auf einen niedlichen Garten, in welchem wohl auch manchmal ein kleiner Fiſchweiher mit Goldfiſchchen befindlich iſt. Die Küche befindet ſich ge⸗ wöhnlich in einem beſonderen Seitengebäude, oder bei kleineren Häuſern doch wenigſtens in der entlegenſten Ecke.

Kaufleute und Bauern haben beſondere Vorrathshäuſer, welche, im Gegenſatze zu den hölzernen ungemalten Wohnhäuſern, entweder mit einem weißen feuerfeſten Mörtel überzogen, oder

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