Jahrgang 
01-26 (1857)
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Jahrg.

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Nr. 4. Dritte

Aergere Dich nicht, liebe Muhme, ſagte er dann laut,wenn die jungen Herren mich einmah wieder be lauſchen ſollten. Sie werden nichts Unzieilliches aus meinem Munde hören. Ein alter Römer hat einmal geſagt, er möchte von Glas ſein, auf daß ſeine Mitbürger ihm jederzeit auf den Grund der Seele blicken könnten, ſetzte er mehr gegen ſich ſelbſt gerichtet hinzu,ſolch ein Römer wäre ich auch geweſen!

Herr Hollunder ſtand ſchon an der Treppenthür, als er ſich ſoch einmal umwendete und ſeiner Wirthſchafterin zurief:

Laß es heute zum Sylveſterabend den jungen Herren ja an nichts fehlen, liebe Muhme; ſpare keine gute Zu- that am Häringsſalat, weil ich nicht da bin. Der kleine Keller ißt ſo gern Kuchen. Sei mir nicht knauſerig mit Stollen und Pfeffernüſſen, hörſt Du, Alte! Und Du, gute Seele, bleibe nicht etwa auf, bis ich wiederkomme; ſchlafe ruhig hinein ins neue Jahr, in welchem der liebe Gott Dich mir friſch und munter erhalten möge wie bisher!

Phosphorus Hollunder ging. Die alte Juſtine wiſchte lange ihre Augen.

Welch ein Herr! rief ſie endlich begeiſtert,er iſt ein Engel, mein Phosphorus! Und wenn ich vor Gottes Throne erſcheine, werde ich ſagen:Ich habe ihn groß gezogen, und gnädig aufgenommen werden. Großmüthig wie ein Löwe! Die unverſchämten Jungen ſoll ich noch tractiren!

Während deſſen ging Herr Hollunder durch ſeine Apotheke.

Ich kann dieſen feſtlichen Abend nicht in Ihrem Kreiſe feiern, meine Herren, ſagte er, ſeinem Proviſor die Hand drückend,ich verlaſſe mich, wie in allen Stücken, auf Sie, mein lieber Speck. Machen Sie freundlich den Wirth an meiner Statt. Er verſteht ſich auf einen kräftigen Punſch

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wie auf jedes andere heilſame Gebräu, meine jungen Herren; Sie können ihm vertrauen. Ich wünſche Ihnen Allen einen fröhlichen Eintritt ins neue Jahr!

Die jungen Herren wünſchten desgleichen und ehr⸗ lichen Herzens; denn niemals hatten Lehrlinge einen güti⸗ geren Meiſter gehabt, als dieſe ihren fünfundzwanzigjähri⸗ gen Herrn Hollunder. Sie wären daher durchs Feuer für ihn gegangen, wenn ſie auch auf dem Wege nach dem Kräu⸗ terboden gelegentlich an ſeiner Zimmerthür horchten und ſeine Gemüthsergießungen bekicherten.

Ueber die Erlebniſſe unſeres Freundes in den nächſten lbendſtunden müſſen wir ſchweigen, denn das Geheimniß

königlichen Baues iſt in ſie verwoben. So viel aber ürfen wir ohne Indiscretion verrathen, daß die ſchöne lanka von Horneck, welche nebſt ihrer Mutter, als Tochter nd Witwe eines ehemaligen Bruders, eine Ehreneinladung erhalten hatte, ihm noch niemals ſo reizend erſchienen war, als heute in ihrem weißen Gewande mit hellblauen Schleifen.Blau, der Farbe des Himmels und ihrer

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Augen, der Farbe der auserwählten Seelen, wie er ihr

während ſeiner Tiſchnachbarſchaft zuflüſterte. Wirklich fühlte er ſich in einem freieren, kühneren Verhältniſſe ihr gegenüber, trat mit ſeinen Anſprüchen offener hervor, ſeit er in der Aufregung dieſes Nachmittags ſich deren Berech⸗ tigung ſelber klar gemacht, und als nach dem feierlichen Neujahrsgruße die Verſammlung ſich trennte, bot er bei⸗ den Damen von Horneck ſeinen Arm, um ſie ritterlich nach Hauſe zu geleiten. Aber nur die Mutter nahm denſelben an, das Fräulein hüpfte unter dem Vorwande, daß die Schneebahn für drei Perſonen zu ſchmal ſei, hinter der voranleuchtenden Laterne der Dienerin. Die Majorin von Horneck nahm die Gelegenheit wahr, unſerem Freunde einige anerkennende Worte über ſeinen heutigen Vortrag zu ſagen.

Sie haben eine warme Zeichnung von dem Werthe und der Beſtimmung des Weibes entworfen, Herr Hollun⸗

Trier, dieſe beiden Stuttgarter Erzrevolutionäre trieben ſich da ſo vogelfrei umher, als gäbe es keinen Galgen für ſolche Vögel! und eſſen mit andern ehrlichen Leuten zu Abend, als gehörten ſie dazu! In der That, ich erſchrecke, wienleicht man ſich in dieſem gottloſen Lande compromittiren kann denn nur ein Zufall verhinderte mich geſtern Abend zu Tiſch zu kommen.

Danken Sie Gott dafür, mein Beſter, und meiden Sie einſt⸗ weilen meine inficirte Nähe, ſagte die Dame etwas ſpöttiſch lä⸗ chelnd zu dem Geheimerath, indem ſie ſich abwandte, und ſchaute mit Theilnahme nach dem Jüngeren der beiden Unglücksgefährten, auf deſſen edler Stirn mehr fanatiſcher Idealismus, als brutale Zerſtörungsluſt zu leſen war.Mich dünkt, für dieſen iſt Verban⸗ nung von der theuren, deutſchen Heimath hinreichende Strafe, ſagte ſie mild zu der Freundin..

Wenige Schritte von jenen beiden Exilirten ſaß eine andere Männergruppe unter dem aufgeſpannten Zelt auf dem beſten Platz, behaglich rauchend und plaudernd: dorthin war, außer den ſub⸗ miſſeſten Blicken des Geheimeraths, auch manches Lorgnon von jungen und alten Ladies gerichtet, um den Königsſohn darunter zu entdecken, der ſich im tiefſten Incognito an Bord befinden ſollte, wie es hieß. Wenn auch in Kleidung nicht verſchieden von ſeinen Gefährten, war er jedoch durch das ehrfurchtsvolle Benehmen der⸗ ſelben gegen ihn nicht ſchwer heraus zu erkennen, und als ſich die hohe ritterliche Geſtalt erhob, und dicht an den Schiffsrand, gerade neben die beiden Hochverräther trat, blieb kein Zweifel mehr, dieſer mußte es ſein! 1

Wolkenlos ruhte der blaue Aether auf den blendendweißen Säulen, die ſich zu Gottes Tempel erheben, und keine Ahnung verrieth, daß je aus den tiefen Spalten jener Felſenwildniß ein

Sturm hervorbrechen und die ſpiegelglatte, friedliche Fläche, auf der die Helvetia eben dahber glitt, zu einem wildtobenden Element verwandeln könnte; ſorglos, als ob es nie weder Revolutionen noch Revolutionäre gegeben hätte, noch geben werde, ſchaute der Prinz um ſich, auf die wechſelnden Bilder der Natur und die Gruppen der Reiſenden um ihn her. Erſt als ſich der ältere Militär dem hohen Herrn näherte, um ihm vermuthlich ſeine Entdeckung von vorhin mitzutheilen, traf ſein ſcharfer Adlerblick die beiden Ge⸗ fährten aber er blieb ruhig ſtehen, indeß der Oberſt, leiſe in ſei⸗ nen Schnurrbart murmelnd:Verdammt ſei dieſe freie Schweiz ſammt ihren Bergen, ſeinen alten Bekannten, zu deren Gefangen⸗ nehmung vor ihrem Uebertritt in dies Land er ſeinen tapfern De⸗ gen vergebens aufgeboten hatte, den Rücken kehrte.

Welch ſchroffe Gegenſätze finden ſich oft ſo unbewußt auf dem engen Raume eines Dampfbootverdecks in dieſem Lande: die ſchöne Mutter Natur führt ſie zuſammen, ſie breitet vermittelnd ihre Schätze vor Allen aus, die ein Herz mitbringen, ſie zu genießen, und umfängt mit doppelter Liebe die verirrten Kinder, die ſich unter ihre ſchützenden Flügel bergen: die große Zahl der freiwilligen und unfreiwilligen Heimathloſen!

Ihm gegenüber lehnte, die Arme feſt über der Bruſt gekreuzt, als ob kein Wort, kein Laut daraus hervordringen dürfe, ein ziem⸗ lich hochgewachſener Mann, deſſen erdfahles Geſicht und blondes, halbergrautes Haar den Beobachter in Zweifel ließ, ob er alt oder jung ſei. Mehrere Jahre eines unfreiwilligen Aufenthalts in den

Bergwerken von Sibirien hatten ſeine Jugend und Geſundheit auf

immer zerſtört: es war ein Pole, deſſen mattgraues Auge unver⸗ wandt nach dem ſchönen Thal von Interlaken ſchaute; ein zierliches, weißes Häuschen, von Bäumen halb verſteckt, glänzt dort von dem

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